59. Kapitel

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Nein, nein, nein

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Nein, nein, nein. Mein Herz pochte schmerzhaft in meiner Brust, als hätte es einen Marathon hinter sich. Einen Marathon, der nur bergauf geht. Vielleicht fühlte es sich auch so an, weil ich genau das innerlich tat: Ich lief weg. Vor dieser Situation, vor meinen Gefühlen. Was, wenn Heather zu Beth lief und ihr erzählte, was sie gesehen hatte? Eigentlich schätzte ich die jüngere Schwester von Henry und dem, dessen Namen ich nicht einmal mehr denken wollte, nicht so ein. Ich wusste, dass sie etwas ahnte. Ich habe es in ihrem Blick gesehen. Da war Schock, vielleicht Bestürzung, aber keine Überraschung. Ich sollte mich beruhigen, meine Atmung unter Kontrolle bringen, am besten vergaß ich das alles. Ein und wieder ausatmen.

»Das hatte nichts zu bedeuten.« Meine Worte hallten in meinem Kopf wider und jedes Mal fühlte ich die Magensäure stärker in mir aufsteigen. Dieser kurze Moment der Schwäche, er bedeutete alles, was wir uns nicht eingestehen wollten.

Ich ließ die Stirn gegen das kühle Glas der Fensterscheibe sinken und schloss die Augen für einen tiefen kontrollierten Atemzug. Heather würde dichthalten. Tief in meinem Inneren wusste ich das. Dieser ... Kuss würde keine Konsequenzen nach sich ziehen. Jedenfalls nicht für Beth. Blieb nur noch mein schlechtes Gewissen, das bereits so groß war wie der Mount Everest.

»Wir sollten wieder zurück.« Obwohl er versuchte ruhig zu klingen, bemerkte ich das Beben in seiner Stimme. Als ich mich zu ihm umdrehte, war sein Blick starr auf mich gerichtet, kein Emotionsfunken wie noch vor wenigen Minuten, als wir uns in die Augen geschaut hatten und alles übereinander gewusst hatten, was man nur übereinander wissen konnte. Die Person, die jetzt vor mir stand, war ein anderer Mensch.

»Das sollten wir.« Ein und wieder ausatmen.

Meine Schultern strafften sich und ich versuchte den Druck auf meinem Brustkorb zu ignorieren.

»Ich gehe vor und du kommst in ein paar Minuten nach. Ich war an der frischen Luft und du ... denk dir einfach irgendwas aus.« Ich machte eine wegwerfende Handbewegung, in der stummen Hoffnung damit den Nebel in meinem Kopf zu lichten.

»Klar.« Er nickte, ließ mich dabei jedoch nicht aus den Augen.

»Okay.« Ich nickte ebenfalls. Seine dunklen Locken fielen ihm in die Stirn und ehe ich mich versah, streckte ich bereits eine Hand nach ihm aus. Kurz bevor sie sein Haar berühren konnte, wich ich zurück, als hätte ich mich daran verbrannt. Ein kurzes Aufflackern von Schmerz huschte über sein Gesicht.

»Tu das nicht«, bat er mit gebrochener Stimme.

»Ich tu doch gar nichts«, sagte ich ausweichend und machte noch einen Schritt rückwärts. Will griff nach meinem Handgelenk und hielt mich zurück. Es wäre ein leichtes gewesen, mich freizumachen, ich müsste mein Handgelenk einfach nur an mich heranziehen und schon wäre ich das Gefühl seiner Haut auf meiner für immer los. Aber ich konnte nicht. Ich wollte nicht.

»Du entfernst dich von mir.« Dieses Mal konnte ich den Schmerz in seinen Worten nicht ignorieren. Hinter meinen Lidern begann es zu brennen.

»Natürlich entferne ich mich von dir. Das hier kann nicht existieren. Wir können nicht existieren. Du bist mit meiner Schwester verlobt. Ihr wollt in weniger als einem Monat heiraten!« Es laut auszusprechen, machte es so viel schlimmer.

»Ich weiß. Ich weiß es ja. Gott, Julia, es macht mich verrückt, dass ich es weiß und eigentlich sollte ich genau wissen, was ich tun muss, ich wurde mein ganzes Leben lang auf diese Rolle vorbereitet. Aber ich kann es nicht. Ich kann es nicht und ich will es nicht.«

»Du bist mit meiner Schwester verlobt«, wiederholte ich wie ein Mantra, um mir diese Ausweglosigkeit bewusst zu machen.

»Was, wenn nicht?« Die Frage ließ meinen Atem stocken.

»Was?« Will trat einen Schritt näher und griff nach meiner anderen Hand. Ein heißes Kribbeln jagte meine Wirbelsäule hinauf. Behutsam malte er kreisförmige Bewegungen auf meinem Handrücken, den Blick gesenkt auf unsere miteinander verschränkten Hände.

»Was, wenn wir nicht mehr verlobt wären?« Der Anblick seiner moosgrünen Augen ließ mich nach Luft schnappen.

»Du willst die Verlobung auflösen?« Mein Herz hämmerte mit doppelter Geschwindigkeit los, als ich die Entschlossenheit in seinen Zügen sah. Sein Mund war verkniffen, aber seine Augen strahlten vor Entschlossenheit. Meine Unterlippe begann zu zittern, als ich mich nun doch aus seinem Griff befreite und meine Arme um meinen Körper schlang. Seine Miene verdunkelte sich schlagartig.

»Das geht nicht«, flüsterte ich. »Es würde Beth das Herz brechen, wenn du die Verlobung jetzt auflöst. Und ... und ... und die Firmen. Kurz vor Veröffentlichung ... das geht nicht.«

Will schnaubte ungläubig. »Ist das dein Ernst? Das ist es, was dich interessiert? Die Firmen? Mir könnte nicht egaler sein, was mit den Firmen ist. Und um Beth brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Sie wird darüber hinwegkommen. Sie weiß, dass diese Verbindung rein geschäftlich ist.«

»Sie wird darüber hinwegkommen? Sie ist bereit, dich zu heiraten. Zu heiraten! Meinst du, das würde sie für jeden tun, nur weil es dem Geschäft nutzt? Sie tut es für dich, für unsere Familien. Sie ... sie mag dich.«

»Das ist nicht genug. Wie viel ist eine Ehe überhaupt wert, die nur auf Lügen und Profit gründet?«

»Das sind keine Lügen. Also nicht wirklich. Mann, Will! Ihr wisst, dass ihr euch mögt, und ihr vertraut euch. Das ... das ist doch keine schlechte Basis!« Was tat ich hier gerade? Sein Blick wurde weicher und er legte eine Hand an meine Wange, wischte eine verlorene Träne mit dem Daumen fort. Wann hatte ich angefangen zu weinen?

»Wie würdest du es denn nennen, dass ich mich in die Schwester meiner Verlobten verliebt habe?« Mein Herz, das eben noch mit doppelter Geschwindigkeit gegen meinen Brustkorb gepoltert hatte, setzte schlagartig aus. Seine Worte kamen langsam bei mir an, wie durch Watte. Doch als ich sie realisierte, mit ganzem Herzen, schlugen sie ein wie eine Bombe. Will sah mich unbeirrt an, nur sein Adamsapfel hüpfte nervös.

»Ich ... ich kann ... Ich sollte gehen«, stotterte ich und hasste, dass ich mich wie Bambi fühlte, dass man mitten ins Scheinwerferlicht gestellt hatte. Auch nur daran zu denken, mich jetzt von ihm zu entfernen, war ein Ding der Unmöglichkeit. Wie, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, legte er auch seine andere Hand an meine Wange und strich behutsam über meine Haut. In seinen Augen sah ich es schimmern.

»Julia«, hauchte er sanft, »Hast du gehört, was ich gesagt habe? Ich habe mich in dich verliebt. Und ich bin müde, es vor irgendwem zu verstecken. Allen voran mir selbst.«

Für einen kurzen Moment schloss ich die Augen und lehnte mich in die warme Berührung seiner Hände. Paradoxerweise wollte ich nach seinem Geständnis nur noch mehr weinen. Ich war es auch leid, zu kämpfen, ständig den Kopf hochhalten zu müssen, wenn ich eigentlich das genaue Gegenteil tun wollte.

Meine Sicht war verschwommen, als ich die Augen wieder öffnete. Tränen hingen an meinen Wimpern und ich schmeckte Salz auf meinen Lippen.

»Das wird ihr das Herz brechen.« Ich schniefte unkontrolliert und krallte meine Hände in Wills Hemd. »Es wird ihr das Herz brechen und sie wird mich dafür hassen.«

»Sie wird es verstehen.« Ich wollte Will so gerne glauben, doch der Gedanke an meine Schwester trieb mir augenblicklich neue Tränen in die Augen.

»Was, wenn nicht?«, ließ ich ihn meine größte Angst wissen und mein Magen krampfte sich unwillkürlich zusammen. Was, wenn ich meine Schwester verlor? Vor mehr als zehn Jahren hatte ich sie bereits einmal fast verloren und es hatte mir das Herz aus der Brust gerissen. Wenn ich sie jetzt wirklich verlor, dann würde ich mir ewig Schuldgefühle machen, dann würde ich endgültig einen Teil von mir selbst verlieren. Und was beinahe noch schlimmer war, ich würde Will Schuldgefühle machen. Selbst wenn ich in ihn verliebt war, ihn vielleicht sogar liebte, es gab Dinge, die konnte selbst die Liebe nicht mehr retten.

Beruhigend strichen seine Finger durch meine Haare und diese kleine Geste sorgte dafür, dass ich allmählich ruhiger wurde.

»Wir finden eine Lösung. Ich verspreche es.«

Me Because Of YouGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt