»Soll ich wieder gehen? Ich kann draußen warten. Oder unten. Wenn dir das lieber ist.« »Das ist ja das Problem! Ich will nicht, dass du gehst.«
Julia Wentworth hatte nicht vor, sich zu verlieben, als sie nach drei Jahren Studium in Oxford an New Yor...
Hoppla! Dieses Bild entspricht nicht unseren inhaltlichen Richtlinien. Um mit dem Veröffentlichen fortfahren zu können, entferne es bitte oder lade ein anderes Bild hoch.
Ich melde mich. Meine Worte hallten in meinem Körper wider und ließen das schlechte Gewissen wie Säure in meinem Magen hochbrodeln. Die kurze Berührung unserer Hände, der Stromschlag, der mich daraufhin durchflossen hatte und meine anschließende Flucht. Das Prickeln in meinem Nacken, genau dort, wo ihre Augen mich verfolgt hatten, war erst nach einer kalten Dusche verschwunden. Und selbst dann wurde ich den Gedanken an ihren hoffnungsvollen Blick einfach nicht los.
Eine Woche war seitdem vergangen und ich hatte mich nicht gemeldet. Nicht weil ich nicht wollte, sondern weil ich nicht konnte. Es gab keine neuen Erkenntnisse, unsere Recherchen waren im Nichts verlaufen und die Suche nach Scars wahrer Identität war an einem Nullpunkt angekommen. Scar – so hatte ihn Julia kürzlich genannt. Wie der verräterische Löwe aus Der König der Löwen.
Meine Laune war im Keller und das Wissen nichts daran ändern zu können, machte mich fertig.
Henry hatte seine Computerkenntnisse und seine überraschend gute PC-Ausstattung genutzt und war jeder Information, die wir besaßen, auf nicht ganz legale Weise nachgegangen.
»Irgendwie musste ich ja Geld verdienen«, hatte er sich verteidigt und war zurück an die Arbeit gegangen. Der PC-Tower hatte gerauscht und heiße Luft in die Wohnung gepustet, sodass schon nach kurzer Zeit kein Sauerstoff mehr vorhanden gewesen war. Und obwohl ich dadurch Kopfschmerzen bekam, ging ich nicht weg. Dieses eine Mal war ich gewillt, Henrys Vergangenheit Vergangenheit sein zu lassen, in der Hoffnung, er würde irgendetwas finden. Doch ... erfolglos.
Für mich hätte es nun eigentlich keinen Grund mehr gegeben, weiter in seiner Einzimmerwohnung auf und abzugehen, was bei der Größe seiner Wohnung ganze drei Schritte von einer Wand zur nächsten waren, doch ich tat es trotzdem weiterhin. Solange ich mich bewegte, solange blieb die Hoffnung bestehen.
Als er mich schließlich bat, beim nächsten Starbucks frischen Kaffee zu besorgen, wusste ich, dass ich ihm damit auf die Nerven ging. Er hatte Kaffee noch nie gemocht, jedenfalls nicht, bis er von zuhause abgehauen war. Merkwürdigerweise versetzte mir der Gedanke, dass sein Geschmack sich über die Jahre verändert haben könnte, einen fast genauso schmerzhaften Stich, wie der Gedanke an das Gespräch mit Julia, in dem ich ihr sagen musste, dass unsere Suche rein gar nichts gebracht hatte. Und an ihren enttäuschten Gesichtsausdruck, der unweigerlich folgen würde.
Unzählige Nachtschichten später war selbst ich mit meinem Latein am Ende. Wir hatten einen Irrgarten betreten, aus dem wir nun nicht mehr herausfanden.
»Das ist doch Scheiße«, machte ich meiner Wut Luft.
»Ich verstehe das nicht. Wie kann jemand einfach so im Nichts verschwinden? Als würde er nicht existieren. Jeder Mensch hinterlässt Spuren. Im Internet sowieso und denk nur an die Kameras und Smartphones überall. Bei ihm? Gar nichts.«
Henrys Zusammenfassung schaffte es, mich noch weiter in die Tiefe zu ziehen, deswegen nahm ich Heather erst verspätet wahr. Sie lehnte an der Tür, die wir geöffnet hatten, weil Henry befürchtete den Pizzalieferanten sonst nicht zu hören. Hinter ihr hob Jerome bereits abwehrend die Hände.