„An was hat Henry sich eigentlich erinnert?", fragte ich, während John den Wagen über die Feldwege zum Dewer's Hollow steuerte.
„Daran wie sein Vater getötet wurde", antwortete Sherlock mir.
„Von Bob Franklin?", fragte John und der Detektiv nickte.
„Franklin hat weiter mit dem Deliranzium experimentiert und Henrys Vater ist dahintergekommen. Ich vermute, dass er Franklin zur Rede stellen wollte und das in einem Streit ausartete, in dessen Folge Henrys Vater getötet wurde."
„Und Henry hat das alles mitansehen müssen", murmelte ich erschüttert. „Ein Wunder, dass er erst jetzt durchdreht."
„Er war ein Kind, Breanna", erinnerte Sherlock mich. „Sein Gehirn hat das alles anders verarbeitet. Nur jetzt, wo er angefangen hat sich zu erinnern, hat Franklin ihn unter Drogen gesetzt, um seinen Verstand zu manipulieren."
„Um zu verhindern, dass doch noch alles rauskommt", meinte John und sah kopfschüttelnd aus dem Fenster. „Ist Henry wegen der Droge so aggressiv geworden?"
„Wir können es nach den Laborberichten jedenfalls nicht ausschließen", erwiderte Sherlock. „Deswegen bleiben Sie auch ein wenig hinter uns, Breanna."
„Bitte?", hakte ich überrascht nach.
„Henry hat eine Pistole", erklärte John. „Habe ich vergessen zu erwähnen."
„Schön, dass dir sowas jetzt einfällt", schnaubte ich. „Aber okay, solange ich nicht im Wagen bleiben muss."
„Ich weiß, dass sie sich nicht daranhalten würden", antwortete Sherlock und ich meinte ihn im Rückspiegel lächeln zu sehen. „Wir sind übrigens da."
Wir drei stiegen aus dem Wagen und schalteten unsere Taschenlampen an, bevor wir in den Wald rannten.
„Wenn wir einen Höllenhund finden, dann hier", murmelte ich und umrundete einen Baum.
„Es gibt keinen Hund", kommentierte Sherlock von weiter vorne.
„Ich weiß und das habe ich Ihnen übrigens immer noch nicht verziehen", rief ich ihm zu und endlich wurde der Detektiv langsamer. John und ich waren nämlich immer weiter zurückgefallen, weil wir einfach nicht mit den langen Beinen von Sherlock mithalten konnten. „Trotzdem ist es hier gruselig."
Nachdenklich betrachtete ich den Wald um uns herum, der im Dunkeln lag. Die alten knorrigen Bäume, die unförmigen Felsen, die hier und da plötzlich aus dem Boden ragten, und die leichten Nebelschwaden, die aus der Schlucht zu uns waberten, wirkten tatsächlich wie eine Kulisse für einen Horrorfilm. Kein Wunder, dass man die Schlucht Dewer's Hollow genannt hatte.
„Angst?", fragte Sherlock neben mir, doch ich schüttelte den Kopf.
Ich hatte keine Angst, aber ich konnte mir angenehmere Orte vorstellen.
Von weiter vorne drang eine leise Stimme durch die Nacht.
„Ist das Henry?", fragte ich und stolperte fast über eine Wurzel. John griff in letzter Sekunde nach meinem Arm.
„Ja, wir müssen uns beeilen", erklärte Sherlock und beschleunigte wieder seine Schritte.
Zu dritt stiegen wir in die Schlucht hinunter, in der ein junger Mann stand und offenbar kurz davor war sich selbst umzubringen.
„,Nicht Henry!'", rief Sherlock und der junge Mann sah überrascht auf. Sofort richtete er seine Waffe auf uns, während er zurück stolperte.
„,Nein, bleiben Sie weg von mir!'"
„,Ganz ruhig, Henry'", sagte John in dem Versuch den jungen Mann zu beruhigen, während wir einige Meter von ihm entfernt stehen blieben.
„Bitte, Henry. Es wird alles wieder gut", sagte ich und stellte mich neben meinen Bruder. Auch wenn Henry immer noch die Pistole auf uns richtete, glaubte ich nicht, dass er abdrücken würde. Er war verängstigt und wusste sich nicht mehr zu helfen, aber er war nicht gefährlich. Droge hin oder her.
