Intermezzo - 1. Jahr

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20 Tage nach dem Fall:

Es regnete und ich war dankbar dafür. Ich ertrug die Sonne im Moment einfach nicht.

In eine Decke gewickelt, die Beine angezogen und meine Arme darum geschlungen, saß ich auf dem Bett in Carolines Gästezimmer und starrte aus dem Fenster. Mit einem lautlosen Seufzen legte ich meinen Kopf auf meinen Knien ab. Ich war nun seit einer Woche aus dem Krankenhaus draußen. Das bedeutete, dass schon zwanzig Tage seit Sherlocks Selbstmord vergangen waren, doch die Zeitungen berichteten nach wie vor täglich von dem Lügenden Detektiv.

Ich schloss die Augen und spürte, wie meine Wangen feucht wurden, als erneut die Tränen liefen. Es war ein Fehler gewesen zum Grab zu gehen. Nicht, dass ich meine Worte bereute, die ich dort gesagt hatte. Es war nur so, dass seit jenem Tag alles irgendwie dunkler geworden war.

Inzwischen plagten mich Albträume. Ich wachte jede Nacht schweißgebadet und mit einem Schrei auf den Lippen auf. Tagsüber ging es mir dementsprechend schlecht. Ich konnte kaum noch etwas essen und hatte keine Energie für irgendwas. Meistens saß ich den ganzen Tag in dem kleinen Gästezimmer und starrte, wie jetzt auch, aus dem Fenster.

Schritte nährten sich meiner Tür und ich hörte Caroline leise auf dem Flur sprechen. Vermutlich telefonierte sie. Kurz darauf steckte sie den Kopf ins Zimmer. „Ich soll dir von Karen liebe Grüße ausrichten. Sie fragt, wie es dir geht und würde sich freuen, wenn du sie mal anrufst."

Ich reagierte nicht. Mir war nicht einmal bewusst gewesen, dass Karen und Caroline in Kontakt standen.

„Robert ist noch für den Rest der Woche auf Geschäftsreise", fuhr sie schließlich leise fort. „Was hältst du davon, wenn wir uns heute einen Mädels-Abend machen? Ich habe Eis besorgt und wollte gerade Pasta kochen. Hast du Lust?"

Ich zuckte mit den Schultern. Ich hatte eigentlich keinen Hunger, aber ich wusste, dass Caroline das nicht hören wollte.

„Okay", seufzte sie leise. „Vielleicht essen wir heute auch einfach nur etwas Brot und verschieben Pasta und Eis auf morgen."

Da ich erneut keine Reaktion zeigte, verließ Caroline schließlich wieder das Zimmer und ließ mich allein.

Blind tastete ich nach meinem Handy und entsperrte es. Einen Moment war ich von der hellen Display-Beleuchtung geblendet, doch dann gewöhnte ich mich daran und öffnete mein Telefonbuch. Langsam scrollte ich durch die eingespeicherten Nummern. Ich sollte Karen vermutlich wirklich anrufen. Sie hatte jetzt schon so oft versucht mich zu erreichen. Gerade als ich auf ihren Namen drücken wollte hielt ich inne.

Am unteren Rand des Displays stand sein Name.

Ich starrte mehrere Minuten darauf, während die Buchstaben langsam vor meinen Augen verschwammen.

Ohne wirklich zu wissen was ich tat, wählte ich seine Nummer und hob das Handy an mein Ohr. Mein Herz machte einen Satz, als nach ewig langem Tuten schließlich eine tiefe Stimme erschallte.

„Ich bevorzuge SMS. Die Nachricht, wie auch immer sie lautet, sollte also wirklich wichtig sein."

Ein Piepton ertönte und ich legte wieder auf. Ich hatte noch nie seine Mailbox-Ansage gehört, wurde mir plötzlich bewusst. Bisher war er immer dran gegangen, wenn ich angerufen hatte.

Und erneut fühlte ich die Leere in meinem Herzen.

~~~

28 Tage nach dem Fall:

„Und du bist dir sicher, dass du dafür bereit bist?", fragte Caroline mich zum wiederholten Mal.

„Ich kann nicht mehr bei dir zuhause rumsitzen und nichts tun", antwortete ich leise. „Ich werde noch wahnsinnig."

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