Angespannt saß ich auf der Kante meines Stuhles und versuchte nicht aufzuspringen und an Sherlocks Seite zu eilen.
Der Detektiv lief noch immer zwischen den Gästen hin und her und wirkte von Sekunde zu Sekunde abwesender. Ich vermutete, dass er in seinen Gedächtnispalast abdriftete.
Erneut sah ich zu John, der ähnlich verzweifelt aussah, wie ich mich fühlte. Was sollten wir jetzt machen? Wer sollte ermordet werden und vor allem, wie?
Plötzlich schlug sich Sherlock zweimal selbst und brüllte dabei laut auf. „,Nein, nicht du! Nicht du! Du!'" Sherlock deutete auf meinen Bruder und ging langsam auf ihn zu. John sprang sofort auf die Füße. „,Du. Immer wieder. John Watson, du hältst mich auf Kurs.'"
„,Was soll ich tun?'"
„,Du hast es schon getan. Kläre keinen Mord auf, rette ein Leben!'", antwortete Sherlock und drehte sich wieder zu uns um. „,Verzeihung, kurz neben der Spur, jetzt bin ich wieder drin.'"
Nach wie vor besorgt suchte ich Sherlocks Blick und sah ihn fragend an. Konnte ich irgendwie helfen? Der Detektiv sah mich beruhigend an und schüttelte leicht den Kopf. Offensichtlich sollte ich mir keine Sorgen machen, da er die Situation unter Kontrolle hatte.
„,Spielen wir doch ein Spiel. Spielen wir Mord'", meinte Sherlock und sah ernst in die Runde. „,Nehmen wir an, jemand soll ermordet werden auf einer Hochzeit. Auf wen würde Ihre Wahl fallen?'"
„,Ich glaube, im Moment sind Sie ein beliebter Kandidat'", sagte Mrs. Hudson.
„,Könnte jemand Mrs. Hudsons Glas aus ihrer Reichweite nehmen, das wäre allerliebst'" entgegnete Sherlock unbeeindruckt, während er weiter durch den Raum schritt. „,Um präzise zu sein, wen könnte man nur auf einer Hochzeit umbringen? Die meisten Menschen kann man überall umbringen. Als mentales Training plane ich öfters mal einen Mord an Freunden oder Kollegen. John würde ich vergiften. Isst alles, totsicher. Ich habe ihm chemische Substanzen verabreicht, davon hat er nie etwas gemerkt. Er hat mal einen Mittwoch verpasst, ohne es zu ahnen.'"
Stirnrunzelnd sah ich zu John, der jedoch wenig beeindruckt von dieser Offenbarung wirkte. Und wenn ich ehrlich war, hatte mich Sherlocks Eingeständnis auch nicht wirklich überrascht. Immerhin war ich in Baskerville dabei gewesen. Damals hatte sich Sherlock mit der Droge im Zucker zwar getäuscht, die Intention sie meinem Bruder unterzujubeln war jedoch da gewesen. Was mich viel mehr interessierte war, ob Sherlock das auch mal bei mir versucht hatte.
„Lestrade ist so leicht zu töten, ein Wunder, dass sich niemand einen Ruck gegeben hat. Ich habe die Schlüssel zum Haus meines Bruders, ich könnte dort einbrechen und ihn einfach erwürgen..., wenn mir danach wäre. Breanna ist da schon schwieriger. Sie ist durch unsere Abenteuer sehr viel aufmerksamer geworden, aber nach wie vor noch etwas naiv. Sie glaubt immer noch an das Gute in jedem Menschen. Vermutlich würde ich sie einfach irgendwo in eine einsame Gasse locken", fuhr Sherlock fort und sah mich schließlich an. „Nicht, dass ich das jemals tun würde."
Ich lächelte leicht. Sherlock hatte gerade noch die Kurve bekommen. Und er konnte es noch so oft abstreiten, aber in ihm würde ich tatsächlich immer den Guten sehen.
Meine Eltern hatten sich neben mir versteift und ich konnte mir denken, was in ihnen vor sich ging. Die erneute Erwähnung von meiner Beteiligung an Sherlocks Abenteuern, in Verbindung mit der Überlegung wie man mich ermorden könnte, trug sicher nicht zur Beruhigung der beiden bei. Vermutlich überlegten sie langsam, ob ich verrückt war, weil ich mit Sherlock zusammenleben wollte.
„,Also noch einmal, wen könnte man nur hier töten?'", fragte Sherlock erneut. „,Es ist eine seltene Gelegenheit, also jemand der nicht oft aus dem Haus geht. Jemand, für den eine Veranstaltung, die Monate im Voraus geplant wurde, eine Ausnahme ist. Es ist demnach eine einmalige Gelegenheit.'"
