Hänsel und Gretel

2.4K 130 6
                                        

„Also hast du es ihm immer noch nicht gesagt?", fragte Karen mich ungläubig. „Worauf wartet du noch?"

„Keine Ahnung", seufzte ich ins Handy, während ich durch die Straßen von London lief. „Vielleicht will ich nur warten, bis sich die ganze Sache mit Moriarty aufgeklärt hat."

„Breanna, Sherlock und du seid füreinander bestimmt. Er hat ein wundervolles Date für euch organisiert! Auch wenn das jetzt schon einige Wochen her ist, bekomm deinen Hintern in die Gänge und sag ihm, dass du ihn liebst!"

Ich erwiderte nichts auf den Ausbruch meiner besten Freundin, auch wenn ich ihr im stillen Recht gab. Ich sollte wirklich mit Sherlock reden, und zwar nicht nur über meine Gefühle zu ihm.

„Hat er dir weitere Nachrichten geschickt?", fragte Karen auch direkt, als hätte sie gespürt wohin meine Gedanken gewandert waren.

„Heute kam noch nichts, aber ich weiß nicht, ob ich deswegen unbedingt froh sein kann."

„Die Sache macht dich völlig fertig, Breanna! Ich gehe mal davon aus, dass du Sherlock davon auch nichts erzählt hast?"

Erneut hüllte ich mich in Schweigen, denn das war meiner Meinung nach Antwort genug.

Es war nicht bei der einen Nachricht von Moriarty geblieben. Inzwischen schrieb er mir täglich, und zwar mehrmals. Immer belangloses Zeug, ähnlich den Nachrichten die Irene Adler damals an Sherlock geschickt hatte. Mich machten diese Nachrichten jedoch völlig fertig, da hin und wieder Bilder von mir angehängt waren, zum Beispiel wie ich mit Caroline in einem Café saß, mit Will zu einem Museum fuhr oder allein durch den Hyde Park spazierte. Moriarty beobachtete mich und das machte mich völlig paranoid. Mein Handy ließ ich inzwischen nirgendwo mehr herum liegen, auch nicht in der Baker Street, aus Angst John oder Sherlock könnten die Nachrichten bemerken. Ich hatte es auch dauerhaft auf Stumm geschaltet und nahm auch keine Anrufe entgegen, deren Nummer ich nicht kannte. Das hatte mich bereits in Schwierigkeiten gebracht, da mich einmal mein Chef von seiner neuen Nummer aus angerufen hatte und ich partout nicht erreichbar gewesen war.

Ich vermutete, dass zumindest Sherlock die Veränderungen bemerkt hatte, doch bisher hatten weder er noch ich das Thema angesprochen. Ich hatte mich nur Karen anvertraut, weil ich irgendjemanden zum Reden gebraucht hatte und ich naiv darauf hoffte, dass sie in Deutschland vor Moriarty sicher war. Sie hatte mir jedoch hoch und heilig versprechen müssen keinem etwas davon zu erzählen oder auch nur Andeutungen zu machen.

„Ich glaube es wäre das Beste für dich, wenn du für ein paar Tage zu mir kommst", meinte Karen am anderen Ende der Leitung. „Ich mache mir wirklich Sorgen um dich und ich glaube dir würde etwas Abstand ganz guttun."

„Das kann ich nicht machen", antwortete ich sofort, auch wenn ich selbst schon mit dem Gedanken gespielt hatte. „Erstens will ich dich nicht in Gefahr bringen, wenn ich bei dir abtauche und zweitens kann ich Sherlock nicht allein lassen. Früher oder später wird Moriarty versuchen ihn umzubringen."

„Und du glaubst du kannst ihn davon abhalten?"

„Ich weiß es nicht", sagte ich erschöpft. Ich wusste eigentlich nur eins. Ich würde alles geben, um Sherlock zu retten und wenn ich vor ihn springen musste, um eine Kugel abzufangen. Das konnte ich Karen nur schlecht sagen, denn dann würde sie auf jeden Fall mit Sherlock reden und vermutlich in den nächsten Flieger springen, um nach London zu kommen.

Plötzlich piepste es in der Leitung und ein Blick auf mein Display verriet mir, dass John versuchte mich zu erreichen. „Warte mal kurz, Karen. John ruft gerade an."

Ich wechselte schnell die Leitung und begrüßte meinen Bruder. „Hey, was gibt es?"

„Breanna, wo bist du gerade?"

...Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt