„Bitte denk daran, dass du als Zeuge aussagst", wiederholte ich bestimmt zum fünften Mal an diesem Morgen. „Gib nicht an und versuche wenigstens höflich zu sein."
„Ist okay, Breanna. Ich habe dir bereits beim ersten Mal gesagt, dass ich mich benehmen werde", seufzte Sherlock und zog sein Jackett an.
Besorgt stellte ich fest, dass er ein wenig blass war, doch wundern tat es mich nicht. Ich war in der vergangenen Nacht nicht die einzige Person gewesen, die wach gelegen hatte. So viel zum Thema, dass ich mir keine Gedanken machen sollte.
„Und du hältst das nach wie vor für eine gute Idee?", hakte ich etwas unsicher nach.
„Warum denn nicht? Ich bin der Einzige, der als Zeuge in Frage kommt. Ansonsten hat noch niemand direkt mit Moriarty zu tun gehabt", erklärte Sherlock ruhig. „Zumindest niemand, der bereit wäre gegen ihn auszusagen."
„Hast du mal aus dem Fenster geschaut?", erwiderte ich und nickte in Richtung Wohnzimmer. „Die Baker Street ist voller Papparazzi, die es gar nicht erwarten können dich vor die Kamera zu bekommen. Du bist inzwischen nicht mehr so unbekannt, wie du dir vielleicht gerne weiß machen möchtest. Deine Fälle in den letzten Wochen, haben deine Berühmtheit sogar noch gesteigert. Die Aktion mit dem Reichenbachfall gestern war auch nicht gerade unauffällig."
„Willst du dich jetzt deswegen beschweren?", fragte der Detektiv mich überrascht.
„Natürlich nicht", antwortete ich sofort. „Ich will nur sagen, dass John Recht hat. Du bist nicht länger ein Privatdetektiv, sondern eine öffentliche Person."
„Und?", fragte Sherlock mich gelangweilt und strich noch einmal über sein Hemd.
„Du liest keine Klatschblätter", stellte ich seufzend fest. „Jetzt mag dich die Presse noch lieben und unterstützen, aber schon morgen können sie sich gegen dich wenden. Ich hoffe du bist dir dessen bewusst."
Sherlock sah mich einen Moment nachdenklich an, dann setzte er sich neben mich auf sein Bett. „Ich gebe nicht viel darauf, was andere über mich denken. Das weißt du doch. Mach dir also nicht so viele Gedanken. Nächste Woche ist irgendein Star, der Drogen nimmt oder zu hart feiert wieder interessanter als ich."
„Sherlock Holmes", lachte ich und lehnte mich an seine Schulter. „Kann es sein, dass du doch die Boulevardpresse liest?"
Sherlock blinzelte mit einem schelmischen Grinsen zu mir herunter und legte einen Arm um meine Taille. „Du siehst heute übrigens wieder sehr hübsch aus."
Ich lächelte und sah auf meine Hände, die in meinem Schoß lagen. Ich trug eine elegante schwarze Stoffhose und eine grüne Bluse mit einer Schleife am Kragen. Meine Haare hatte ich seitlich zu einem Zopf geflochten und nur dezent Make-Up aufgelegt.
„Danke", murmelte ich schließlich. Als ich wieder aufsah, beugte Sherlock sich zu mir herunter und gab mir einen Kuss, der sich schnell intensivierte. Meine Hände fanden ihren Weg in seine Locken, während er seinen Griff um meine Taille verstärkte und seine andere Hand an meine Wange legte. Das Kribbeln in meinem Bauch, welches mich jedes Mal befiel, wenn wir uns küssten, breitete sich aus als Sherlocks Zunge Einlass in meinen Mund begehrte, was ich nur allzu gerne zuließ. Ich stöhnte leicht auf und spürte, dass Sherlocks Lippen sich zu einem Lächeln verzogen. Vor wenigen Wochen hätte ich mir nicht einmal träumen lassen, dass er mich küssen würde und jetzt bewies er mir jedes Mal aufs Neue, wie viel Talent er dafür besaß. Plötzlich verlor ich jegliche Körperspannung und fiel nach hinten, wobei ich Sherlock mit mir zog. Lachend landeten wir auf der Matratze und ich musste kurz nach Luft schnappen. Dann bemerkte ich Sherlocks Blick, der mich nachdenklich betrachtete, während seine Hand an meinem Hals entlang strich. Ich wollte ihn gerade fragen, woran er dachte, als es an der Tür klopfte.
