Intermezzo - 2. Jahr

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402 Tage nach dem Fall:

Ungeduldig wippte ich mit dem Fuß auf und ab. Die Polizistin am Informationsschalter warf mir einen genervten Blick zu. Ich ignorierte sie.

Ich hatte eigentlich zu Lestrade gewollt, doch der Detective Inspector war zurzeit an irgendeinem Tatort beschäftigt. Also saß ich nun bei Scotland Yard und wartete.

Das Klingeln meines Handys stoppte meinen Fuß in seiner auf und ab Bewegung und lenkte mich von meinen Gedanken ab. Irritiert starrte ich einen Moment lang auf die unbekannte Nummer, dann hob ich ab.

„Breanna Watson", meldete ich mich argwöhnisch.

„Hallo", ertönte Johns Stimme am anderen Ende der Leitung. „Leg nicht auf."

„Warum rufst du von einer fremden Nummer an?", fragte ich ihn und versuchte zu ignorieren, dass ich tatsächlich kurz davor gewesen war einfach aufzulegen.

„Weil du nicht mehr reagierst, wenn ich dich von meinem Handy aus anrufe."

Ich seufzte, denn damit hatte mein Bruder vollkommen Recht.

„Könnte daran liegen, dass unsere Telefonate inzwischen immer gleich ablaufen", gab ich zu Bedenken. „Du fragst, wie es mir geht. Ich antworte, dass alles in Ordnung sei und frage dich im Gegenzug wie deine Therapie läuft. Du sagst, dass es gut laufen würde. Und dann legen wir auf, obwohl wir ganz genau wissen, dass der jeweils andere gelogen hat."

Stille schlug mir aus dem Telefon entgegen.

„Entschuldige bitte. Das war unsensibel."

„Nein", wehrte John ab. „Du hast ja recht."

„Also, von wo rufst du an?", fragte ich ihn schließlich. Einerseits, weil ich wirklich neugierig war. Andererseits weil ich davon ablenken wollte, dass es mir zwar jeden Tag besser ging, ich aber noch immer meine Schwierigkeiten im Alltag hatte.

Es waren oft nur Kleinigkeiten, die mich ins Straucheln brachten. Zum Beispiel wenn ich über ein Plakat stolperte, dass ein neues Theaterstück im Vaudeville Theater oder eine Ausstellung im National Antiques Museum bewarb. Bei einer Taxifahrt hatte ich fast einen Nervenzusammenbruch gehabt und als ich danach die U-Bahn genommen hatte, musste ich an den dunklen Tunnel und den Schmugglerring denken. Inzwischen hatte ich mir ein eigenes Auto angeschafft.

Am schlimmsten war jedoch die Musik. River Flows in You oder Nocturne und all die anderen Lieder, die Sherlock einst für mich gespielt hatte, A Thousand Years auf das wir einmal getanzt hatten. Alles Musikstücke, die ich einst geliebt hatte und die mich nun völlig aus der Bahn warfen.

„Ich rufe von Marys Handy an."

Mary... Mary... Ich durchforstete mein Gehirn, doch ich konnte den Namen nicht zuordnen.

„Mache ich mich jetzt lächerlich, wenn ich sage, dass ich keine Ahnung habe, von wem du redest?"

„Nein. Das ist auch der Grund für meinen Anruf", erklärte John mir geduldig. „Mary ist meine Freundin und ich möchte, dass du sie kennen lernst."

Überrascht sog ich die Luft ein.

„So ernst?", fragte ich. John hatte schon einige Freundinnen gehabt, aber er hatte noch nie darauf bestanden, dass ich eine von ihnen kennen lernte.

„Ziemlich. Ja."

„Das freut mich für dich", erwiderte ich ehrlich und trotzdem spürte ich wie sich ein Kloß in meinem Hals bildete.

„Also wirst du es machen?"

„Was machen?", fragte ich verwirrt.

„Dich mit Mary und mir treffen."

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