Noch während ich zu Boden ging, riss ich meine Arme schützend über meinen Kopf und rollte mich zusammen. Scherben prasselten auf mich nieder und für einen Moment fehlte mir die Luft zum Atmen.
So schnell wie die Erschütterung gekommen war, klang sie auch schon wieder ab und hinterließ nichts außer Chaos.
Benommen setzte ich mich vorsichtig auf und sah mich in meinem Zimmer um, während ich mir die Scherben von der Kleidung und aus meinen Haaren schüttelte. Das Fenster war zersprungen und eine Vase, sowie einige Bilderrahmen, die auf meiner Kommode gestanden hatten, waren umgefallen.
Fluchend stand ich auf und versuchte dabei möglichst auf keine Scherben zu treten. Auf Zehenspitzen lief ich zur Tür und öffnete diese vorsichtig. Noch war mir nicht ganz klar, was das eben gewesen war und ich wollte lieber auf der Hut sein. Im Treppenhaus schien schon mal nichts passiert zu sein und so lief ich, nach wie vor vorsichtig, die Stufen hinunter in den ersten Stock.
„Sherlock?", rief ich und öffnete die Küchentür.
Auch hier lagen Scherben verteilt, offenbar war Sherlocks Labor durch die Erschütterung komplett zerstört worden und eine unangenehm riechende rote Flüssigkeit fraß sich in den Holztisch. Die Verbindungstür zum Wohnzimmer war offen und so erhaschte ich einen Blick auf den Consulting Detective, der sich stöhnend vom Boden aufrappelte und sich umsah.
„Was war das?", fragte er und strich sich durch seine langen Locken.
„Vielleicht eins ihrer Experimente?", fragte ich und sah mit einem kritischen Blick zurück zum Küchentisch. „Irgendeine Säure verätzt nämlich gerade unsere Möbel."
„Die Fenster sind zersprungen, und zwar weil etwas von außen auf sie eingewirkt hat", stellte mein Mitbewohner nüchtern fest und ging zu den geborstenen Fensterrahmen. „Sieht eher nach einem Gasleck aus."
Verwirrt durchquerte ich den Raum und warf ebenfalls einen Blick hinaus auf die Baker Street. Was ich sah verschlug mir den Atem.
Das Gebäude gegenüber von unserer Wohnung existierte im Grunde nicht mehr. Die Front war komplett eingestürzt und aus dem Inneren drangen dunkle, dichte Rauchwolken, deren Schwaden sich über die gesamte Straße legten und auch langsam in unser Wohnzimmer drangen.
„Oh mein Gott", hauchte ich entsetzt und konnte den Blick von dem grauenvollen Bild, welches sich mir bot, nicht lösen. „Sollten wir nicht Hilfe rufen?"
Sherlock bedachte mich mit einem kritischen Blick. „Wozu? Die Explosion war in einem großen Radius zu spüren und noch weiter zu hören. Es werden genügend Leute den Notdienst verständigen. Warum sollten wir das auch noch tun?"
„Was ist mit Mrs. Hudson? Was ist, wenn sie verletzt wurde?"
„Sie war gerade im Treppenhaus auf den Weg nach unten. Sie können ja nach ihr sehen, aber ich glaube nicht, dass ihr etwas passiert ist", erwiderte Sherlock leichthin und brachte mich damit zur Weißglut. Endlich konnte ich meinen Blick von dem Schrecken gegenüber losreißen und fuhr zu meinem Mitbewohner herum.
„Verdammt, können Sie nicht ein einziges Mal Mitgefühl und Sorge zeigen? Selbst wenn es Mrs. Hudson gut geht, wovon wir uns noch nicht überzeugt haben, die Bewohner von gegenüber sind vermutlich allesamt tot und sie stehen hier und rationalisieren mal wieder alles", fuhr ich ihn an.
„Sie haben Recht. Keiner der in dem Haus war kann die Explosion überlebt haben. Bringt es etwas, wenn ich jetzt anfange zu klagen? Werden die Menschen dadurch wieder lebendig?"
Traurig schüttelte ich über diese gleichgültige Kälte den Kopf und wandte mich ab.
„Nein, aber schaden würde es auch nicht", murmelte ich. „Sie haben einfach kein Herz, Sherlock. Ich gehe jetzt nach Mrs. Hudson sehen. Machen Sie doch was Sie wollen."
