Geheimnisse

2.1K 126 16
                                        

„Ich kann es noch immer nicht fassen, dass er das getan hat", meinte ich, während John und ich das alte Stadthaus betraten.

„Ich auch nicht", erwiderte er. „Aber im Moment scheinen alle Menschen in meiner Umgebung verrückt zu spielen."

Ich schluckte den Klos hinunter, der sich in meinem Hals bildete und zog meinen Bruder einfach mit mir den Flur hinunter. „Lass uns in seinem Büro warten. Ich habe keine Lust hier dumm rumzustehen."

In dem dunklen Raum angekommen setzten wir uns jeweils in einen Sessel und verfielen in Schweigen. Ich wusste nicht, woran mein Bruder dachte, doch meine Gedanken kreisten um Sherlock.

Ich machte mir Sorgen, wo er jetzt sein könnte, ob Moriarty ihn vielleicht in diesem Moment in eine Falle lockte und ob er mir je würde verzeihen können, dass ich ihm nichts von dem SMSs erzählt hatte. Ich hatte ihn eigentlich schützen wollen und damit vielleicht alles schlimmer gemacht.

Sherlock behauptete gerne das Gegenteil, doch er brauchte Menschen, denen er vertrauen konnte und im Moment sah es nicht besonders gut damit aus. John wollte es vielleicht nicht zugeben, aber er zweifelte ob nicht etwas Wahres an Kitty Rileys Geschichte sein könnte, ich hatte Sherlock ein riesiges Geheimnis vorenthalten und Mycroft...

Der betrat in diesem Moment sein Büro und blieb überrascht im Türrahmen stehen, als er John und mich entdeckte.

„,Sie hat wirklich ihre Hausaufgaben gemacht'", begrüßte mein Bruder ihn und hielt den Zeitungsartikel, den er aus dem Haus der Reporterin mitgenommen hatte, hoch. „,Miss Riley. Das sind nur Dinge, die jemand wissen konnte, der Sherlock sehr nahesteht.'"

„,Ah'", meinte Mycroft nur und schloss die Tür hinter sich. Sein betroffener Gesichtsausdruck bewies, dass John mit seiner Vermutung recht behalten würde.

„,Haben Sie mal in das Adressbuch ihres Bruders geschaut?'", fragte John weiter. „,Drei Namen. Ihrer, Breannas und meiner. Und Moriarty hat das Ganze sicher nicht von mir.'"

„Und ich habe Sherlock vielleicht einige Dinge vorenthalten, aber ich habe nie auch nur ein Wort über ihn an Moriarty verloren", fügte ich hinzu. „Was haben Sie getan, Mycroft? Waren Sie mit Moriarty Tee trinken?"

„John, Breanna", versuchte Mycroft uns zu beruhigen, doch John ließ ihn nicht zu Wort kommen.

„,Ihr eigener Bruder und Sie plappern vor diesem wahnsinnigen alles aus, was sie über Sherlocks Leben wissen.'"

„,Ich wollte das nicht. Ich hätte mir doch nie träumen lassen, dass...'"

„Dass was?", unterbrach ich den älteren Holmes dieses Mal. „Dass Moriarty die Informationen gegen uns verwenden würde? Dass er Sherlocks Leben zerstören würde? Und mich haben Sie einmal naiv genannt."

Um Mycrofts Mund erschien ein harter Zug, doch das war mir egal. Ihm passte es nicht, was ich ihm an den Kopf warf? Er hatte es nicht anders verdient.

„,Wie haben Sie Moriarty kennen gelernt?'", wollte mein Bruder wissen.

„,Wir wissen über solche Leute Bescheid'", gab Mycroft nach einigem Zögern zu. „,Wir beobachten sie. Aber James Moriarty ist der wohl gefährlichste Verbrecher, den die Welt je gesehen hat und er besitzt die ultimative Waffe. Den Schlüssel. Ein paar Zeilen Computercode und schon öffnet sich jede Tür.'"

„In einer Welt mit verschlossenen Räumen ist der Mann mit dem Schlüssel König", wiederholte ich Moriartys Worte.

„,Und Sie haben ihn sich geschnappt, um an diesen Schlüssel zu kommen?'", hakte John nach.

„,Wir haben wochenlang versucht etwas aus ihm heraus zu bekommen, ohne Erfolg'", seufzte Sherlocks Bruder. „,Er hat einfach nur in die Dunkelheit gestarrt. Schließlich habe ich es persönlich versucht und mit mir hat er geredet. Jedenfalls ein bisschen und dafür...'"

...Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt