Hochzeitsmorgen

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„Guten Morgen, Mrs. Hudson", begrüßte ich die alte Vermieterin, als ich das Treppenhaus in der Baker Street betrat. „Ich hatte nicht erwartet so früh jemanden über den Weg zu laufen."

„Oh, Breanna. Ich bringe Sherlock nur seinen morgendlichen Tee", erklärte sie und hob das Tablett, das sie in den Händen hielt, etwas höher. „Und was führt sie hierher? Das Hochzeitskleid?"

„Richtig. Mary wartet sicher schon auf mich", bestätigte ich ihre Vermutung lächelnd. „Sie ist schon seit Stunden auf den Beinen. Ich hätte nicht gedacht, dass sie so nervös werden kann. Ich will gar nicht wissen, wie es meinem Bruder geht."

„Nun ja, es ist eben ein aufregender Tag für die Beiden", meinte Mrs. Hudson und gemeinsam gingen wir zur Treppe. „Und für Sie und Sherlock ja auch."

„Bitte was?", fragte ich irritiert und stolperte beinahe über eine Stufe.

„Die Ehe verändert Menschen. John wird ab heute kaum noch Zeit haben für unseren guten Sherlock. Deswegen bin ich auch erleichtert, dass Sie, Breanna, nächsten Monat wieder hier einziehen."

Eigentlich hatte ich Mrs. Hudson sagen wollen, dass sie den Teufel an die Wand malte und John sicher noch Zeit für Sherlock haben würde, doch ich wurde von einsetzender Violinen-Musik unterbrochen. Ein Lächeln stahl sich auf meine Lippen, denn es war unverkennbar eine von Sherlocks eigenen Kompositionen. Sofort hatte ich das Bild des hochgewachsenen Mannes, wie er am Fenster stand und Geige spielte, vor Augen, weswegen ich auch überrascht in der Tür zum Wohnzimmer stehen blieb, als sich mir dort ein gänzlich anderer Anblick bot.

Die Musik kam vom Band und der Detektiv stand in seinem braunen Morgenrock mitten im Zimmer und tanzte Walzer.

„,Haltet den Mund'", begrüßte Sherlock uns, ohne seinen Solo-Tanz zu unterbrechen.

„,Wir haben gar nichts gesagt'", erwiderte Mrs. Hudson und stellte das Tablett auf den kleinen Tisch neben Sherlocks Sessel.

„,Ich spüre doch die Fragen in euren Köpfen'", meinte der Detektiv und schaltete die Musik aus. „,Es bereitet mir physische Schmerzen.'"

„Es ist doch immer wieder schön dich zu sehen, Sherlock", meinte ich kopfschüttelnd, gab ihm jedoch trotzdem einen kurzen Kuss zur Begrüßung. „Hast du das Lied komponiert?"

Sherlock nickte und ein zufriedenes Lächeln trat auf sein Gesicht. „,Das eben war der Probelauf.'"

„,Der was?'", fragte Mrs. Hudson neugierig.

„Warum sind Sie hier, Mrs. Hudson? Breanna holt Marys Kleid, das ist offensichtlich."

„,Ich bringe Ihnen nur Ihren Morgentee'", erklärte die Vermieterin und gestikulierte zu dem kleinen Tablett. „,Für gewöhnlich schlafen Sie ja noch.'"

„,Sie bringen mir morgens Tee?'", fragte Sherlock überrascht und ließ sich in seinen Sessel fallen.

„,Wo dachten Sie denn, dass er herkommt?'", stellte Mrs. Hudson die Gegenfrage.

„,Weiß nicht'", gab der Detektiv zu. „,Ich dachte das würde einfach passieren.'"

„Weißt du, die Welt außerhalb deines Gedankenpalastes funktioniert nicht ganz so einfach, wie du es gerne behauptest", lachte ich. „Dann hole ich mal Marys Kleid. Immerhin wartet sie sicher schon darauf und ich muss mich auch noch umziehen, bevor ich Harry und meine Eltern vom Hotel abhole. Und du hast auch noch genug zu erledigen, Sherlock."

Mit diesen Worten verließ ich das Wohnzimmer und stieg die Treppe hinauf in mein altes Schlafzimmer. John hatte Mary und mich mit Fragen gelöchert, wie das Kleid seiner Braut aussehen würde. Seine Neugierde hatte keine Grenzen gekannt, weswegen wir das Kleid von der Schneiderin direkt in die Baker Street geschmuggelt hatten. Sherlock und Mrs. Hudson waren neben Mary und mir die Einzigen, die wussten, dass es hier war und hatten versprechen müssen, John nichts zu verraten. Wobei mein Bruder sowieso nie auf die Idee gekommen war, dass das Kleid hier sein könnte und in einen Kleidersack verpackt auf meinem alten Bett lag.

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