„Die eitle Schönheit sich im größten Spiegel gern betrachtet", murmelte ich leise, während ich den nächsten dicken Wälzer zuschlug.
„Hast du etwas gesagt, Breanna?", fragte Mary und sah zu mir.
„Ich habe nur noch einmal die Zeile aus dem Rätsel wiederholt", erklärte ich seufzend.
Wir waren nun seit fast vierundzwanzig Stunden mit den Resten des Rätsels beschäftigt. Uranos hatten wir noch relativ schnell zuordnen können. Er wurde ebenfalls als Gott des Himmels gesehen und war damit in der Zeile Der Himmel stets vereint zusammen steht beschrieben. Außerdem war Andy am Morgen eingefallen, dass Hermes nicht nur der Götterbote war, sondern auch der Gott der Diebe und damit war auch die Zeile Der Dieb der Einzige ist, der sich in die Nähe des Titanen traut, gelöst. Blieb also nur noch die eitle Schönheit zu finden.
Ich nahm mir das nächste Buch vor, welches ich Stunden zuvor herausgesucht hatte und schlug es auf. Es war eine Zusammenfassung von griechischen Sagen. Mary räumte im Hintergrund weiter unsere benutzten Bücher weg, während ich mich in die Texte und Abbildungen vertiefte.
Irgendwann kam ich zu dem Kapitel über den Trojanischen Krieg und hielt inne.
Das Urteil des Paris hieß die Überschrift. Darunter war eine Tuschezeichnung von einem Mann, der einen Apfel in der Hand hielt und vor drei Frauen stand.
Sofort vertiefte ich mich in den Text. Die drei Göttinnen Hera, Athene und Aphrodite waren dem Hirten Paris erschienen und hatten von ihm verlangt zu entscheiden, wer die Schönste von ihnen sei. Um ihn zu bezirzen hatten die Göttinnen ihm verschiedene Dinge versprochen und am Ende überreichte Paris Aphrodite den Apfel und kürte sie somit zur Schönsten der drei Göttinnen.
„Hast du etwas gefunden?", fragte Mary und trat zu mir.
„Ich glaube schon", antwortete ich und zeigte ihr die Textstelle. „Ich denke mit der eitlen Schönheit ist Aphrodite gemeint."
„Das würde passen", stimmte Mary mir zu. „Jetzt müssen wir nur noch herausfinden, was das mit dem Spiegel soll."
„Hey, brauchen Sie Kaffee-Nachschub?", fragte Andy, der mit zwei Tassen in der Bibliothek erschienen war.
„Oh, ja", stöhnte ich. „Sie sind unsere Rettung."
„Eigentlich hat Sherlock den gekocht", erwiderte der junge Restaurator. „Ist etwas?"
Mary und ich hatten uns einen misstrauischen Blick zugeworfen. Natürlich kannte Johns Verlobte die Zucker-Geschichte aus Baskerville.
„Sherlock hat also den Kaffee gemacht?", hakte Mary nach. „Waren Sie dabei, Andy?"
„Nein", sagte er unsicher. „Aber ich glaube John. Ach ja, und ich soll von Sherlock ausrichten, dass er keine Droge untergemischt hat. Ich hielt das für einen schlechten Scherz, aber Ihrer Reaktion nach zu urteilen, ist sowas tatsächlich schon passiert."
„Nicht direkt", winkte ich ab und nahm endlich die dampfende Tasse entgegen. „Haben Sie eigentlich etwas in den Tagebüchern Ihres Großvaters gefunden?"
„Nein, leider nicht", antwortete Andy kopfschüttelnd. „Scheint eine Sackgasse zu sein."
„Naja, einen Versuch war es wert", sagte Mary schulterzuckend. „Wie läuft es bei Sherlock und John?"
„Sie wollten gleich herkommen."
Sherlock und John waren wieder in den Raum mit den Büsten gegangen, um diese von ihren Sockeln zu heben, damit wir sie später neu anordnen konnten. Außerdem hatte Sherlock vorgehabt noch einmal das Gemälde genauer zu betrachten ob nicht doch ein Hinweis dort zu finden sei.
