Der Blutige Leibgardist

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Nachdem wir alle das vorzügliche Essen genossen hatten, schlug jemand mit einem Löffel gegen ein Glas und Sherlock erhob sich am Tisch des Brautpaares von seinem Platz, um seine Rede zu halten.

„,Ladies und Gentleman'", begann Sherlock und ließ seinen Blick durch den Raum schweifen. „,Familie und Freunde. Und... äh... andere... Außerdem...'"

Besorgt runzelte ich die Stirn. Eigentlich hatte ich damit gerechnet, dass Sherlock mit seinem genialen Gedächtnis ohne Probleme die Rede hinter sich bringen konnte. Da hatte ich mich offensichtlich getäuscht.

Als sein Blick auf mich fiel, lächelte ich ihm aufmunternd zu und versuchte ihm so etwas Zuversicht zu schenken.

Es schien zu funktionieren, denn Sherlock griff in der nächsten Sekunde nach einem Stapel Karten vor sich und sagte: „,Das wichtigste zuerst: Die Telegramme. Es sind keine richtigen Telegramme, sie werden nur so genannt. Warum weiß ich auch nicht. Wahrscheinlich Tradition. Davon haben wir ja noch nicht genug anscheinend.'"

Damit sah er auf die erste Karte und fing an diese laut vorzulesen: „,An Mr. Und Mrs. Watson, es tut mir leid, dass ich an diesem besonderen Tag nicht bei euch sein kann. Alles Gute und die besten Wünsche, Mike Stamford.'"

„,An John und Mary, alles liebe und Gute zu eurem besonderen Tag. Lasst euch fest und... fest und saftig knutschen von Stella und Ted.'" Sherlock sah irritiert auf und ich musste mir ein Kichern verkneifen.

„,Mary, alles Liebe ... oh... Püppchen. Ein Sack voll Liebe und guter Wünsche von Cam. Schade, dass deine Familie nicht dabei sein kann.'"

Mitfühlend sah ich zu Mary, die in diesem Moment bedrückt auf ihren Teller blickte. Als Waise war das sicher nicht leicht für sie und ich war froh zu sehen, dass sie wieder zu Lächeln anfing, sobald mein Bruder nach ihrer Hand griff und diese aufmunternd drückte.

„,Ähm, besonderer Tag... ganz besonderer Tag... Liebe... Liebe... Liebe...'" Sherlock blätterte lediglich nur noch schnell durch die übrigen Telegramme und fasste diese jeweils in seinen Worten zusammen. „,Liebe ist das Leitmotiv. Es scheint, dass die Leute sie im Wesentlichen mögen.'"

Damit legte er die Telegramme unachtsam zur Seite und fing mit seiner eigentlichen Rede an. „,John Watson... Mein Freund, John Watson... John...'" Sherlock zögerte erneut und sah zu meinem Bruder neben sich. Dann erst schien er sich wieder zu fangen und fuhr fort: „,Als John das Thema Best Man zum ersten Mal zur Sprache brachte, war ich verwirrt.'"

Erneut musste ich mir ein Lachen verkneifen, denn ich war damals dabei gewesen, als mein Bruder in der Baker Street aufgetaucht war. John hatte ohne Umschweife das Thema zur Sprache gebracht und nach einigen Missverständnissen von Sherlocks Seite hatte auch der Detektiv irgendwann verstanden, was mein Bruder von ihm wollte.

„,Ich muss gestehen, dass mir zunächst nicht klar war, dass er mich meinte. Als ich es dann verstand, erklärte ich ihm, dass ich sowohl geschmeichelt als auch überrascht sei. Ich brachte zum Ausdruck, dass ich diese Bitte nie erwartet hätte und dass es mich auch ein wenig einschüchtern würde. Dennoch versprach ich mein allerbestes zu geben, um meine Aufgabe zu erfüllen, die für mich nicht weniger herausfordernd war, wie jede andere, der ich je gegenübergestanden hatte. Dann dankte ich ihm für das Vertrauen, das er in mich setzte und deutete an, dass ich in gewisser Weise nahe daran war, davon gerührt zu sein.'"

John und ich tauschten verwirrte Blicke, denn wir hatten diese Situation etwas anders in Erinnerung. Sherlock hatte nichts dergleichen gesagt, sondern minutenlang stumm in der Küche gestanden, meinen Bruder angestarrt und weder auf seine noch auf meine Versuche, den Detektiv aus der Starre zu lösen, reagiert. Es war irgendwann einfach nur noch unheimlich gewesen.

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