Morgendliche Besucher

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„Endlich bekomme ich mal wieder mehrere Stunden Sonne am Stück ab", seufzte ich genussvoll und streckte mein Gesicht in Richtung Himmel. „Ich weiß nicht, wie lange es her ist, dass ich das sagen konnte."

„Ist London wirklich so verregnet?", wollte Karen wissen und ich hörte deutlich das Schmunzeln in ihrer Stimme.

„Weniger als man den Gerüchten nach glauben mag, aber immer noch zu viel."

„Wie gut, dass ich morgen nach Italien fliege. Da brauche ich mir über Regen keine Gedanken zu machen."

Schnaubend öffnete ich die Augen und sah meine beste Freundin an. „Das glaube ich auch."

Es war das erste Septemberwochenende, an dem ich nach Deutschland geflogen war, um Karen zu besuchen. Den Samstag verbrachten wir in der Innenstadt, um zu shoppen und die gemeinsame Zeit zu genießen. Für den Moment gönnten wir unseren Füßen eine kleine Pause und saßen in einem Café.

„Wie läuft es eigentlich auf der Arbeit?", fragte Karen mich. „Ich meine nach der ganzen Sache mit Will."

„Überraschend gut", gab ich zu. „Wir sind Freunde."

Ich hatte befürchtet, dass es nach dem Abend im Theater komisch werden würde zwischen uns, aber dem war nicht so. Will und ich konnten nach wie vor miteinander reden und lachen und auch wenn mal Schweigen zwischen uns herrschte, war es nicht unangenehm.

„Ich kann es noch immer nicht ganz fassen, dass du ihn tatsächlich hast abblitzen lassen", stellte Karen fest. „Nach allem was du mir erzählt hast, schien er ein absolut perfekter Typ zu sein."

„Das ist er", erwiderte ich leise und trank einen Schluck von meinem Cappuccino. „Und vielleicht ist es genau das. Vielleicht will ich ja keinen perfekten Freund."

„Sondern lieber einen chaotischen Ex-Junkie?"

„Wenn du jetzt auf Sherlock anspielst, dann war das eine miserable Beschreibung seines Charakters", antwortete ich trocken. „Sherlock ist nicht einfach nur chaotisch, er ist eine absolute Katastrophe und ein furchtbarer Mitbewohner. Letzte Woche hat er es mal wieder geschafft unsere Wohnung fast in die Luft zu jagen und in der Woche davor habe ich eine tote Maus in der Mikrowelle gefunden. Ich hoffe, dass noch etwas von der Wohnung übrig ist, wenn ich nach Hause komme. John war ja gestern in Dublin."

„Und trotzdem lebst du nach wie vor in der Baker Street", stellte meine beste Freundin kopfschüttelnd fest. „Irgendetwas muss dich dort halten."

Ich zuckte mit den Schultern und dachte über ihre Worte nach. „Versteh mich nicht falsch, ich rege mich oft genug über Sherlock und meinen Bruder auf, aber das Leben bei den beiden ist aufregend. Es gibt selten einen Tag, an dem es langweilig wird, auch wenn es manchmal gefährlich ist."

„Ja, das habe ich inzwischen mitbekommen", murmelte Karen und musterte mich eine Weile. „Trotzdem ist da doch mehr. Ich kenne dich, Breanna, und ich sehe das Glitzern in deinen Augen, wenn du über Sherlock redest. Selbst wenn du dich scheinbar über ihn aufregst, ist es da. Du magst ihn, und zwar mehr als nur ein bisschen."

Überrascht sah ich meine beste Freundin an. In letzter Zeit behaupteten einige, dass ich etwas für Sherlock empfinden würde, aber so deutlich hatte es noch keiner formuliert.

„Ich weiß nicht..."

„Breanna", unterbrach Karen mich sofort. „Noch einmal: Ich kenne dich. Du willst es einfach nur nicht wahrhaben!"

„Weil es verrückt wäre", seufzte ich. „Sherlock ist der beste Freund meines Bruders und mein Mitbewohner. Er ist komplett Ich-Bezogen und echt nervig. Was würde das über mich aussagen, wenn ich echte Gefühle für ihn entwickeln würde?"

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