Als ich am nächsten Tag aus dem Museum trat, zeigte sich zum ersten Mal, seit ich in London war, ein strahlendblauer und vor allem wolkenloser Himmel. Ich band mir meine langen kupferfarbenen Haare zu einem lockeren Pferdeschwanz zusammen und streckte dabei das Gesicht in die Sonne. Ein kurzer Blick auf mein Handy verriet mir, dass ich keine neuen Nachrichten von John, bezüglich des Falls hatte und so überlegte ich, ob ich nicht noch ein Spaziergang durch einen der vielen Parks machen sollte. Bisher hatte ich nicht viel Zeit gehabt mir die Grünflächen in London anzuschauen und so entschied ich mich kurzerhand in den Hyde Park zu gehen.
Gemächlich folgte ich den Pfaden zwischen den Bäumen und um die Wiese herum. An einem See machte ich schließlich halt und setzte mich auf eine der Bänke. Es herrschte reger Betrieb um mich herum, offensichtlich war ich nicht die einzige Person, die die Frühlingssonne genoss.
„Haben Sie etwas dagegen, wenn ich mich setze?", fragte eine männliche Stimme und ich sah auf.
„Nein, gar nicht", erwiderte ich lächelnd. Der Mann war Ende dreißig, groß, wenn auch etwas korpulent. Er trug einen eleganten Anzug, der ziemlich teuer aussah und als er mir von der Seite einen Blick zuwarf, hatte ich das komische Gefühl, dass er mir bekannt vorkam.
„Entschuldigen Sie, aber sind wir uns schon einmal begegnet?", fragte ich und versuchte heraus zu finden, wo ich ihn schon einmal gesehen haben könnte.
„Nein, obwohl ich mich Ihnen schon eine Weile vorstellen wollte, Breanna."
„Sie kennen meinen Namen?", fragte ich überrascht und auch ein wenig misstrauisch.
„Ich weiß noch viel mehr", erwiderte er lächelnd und sah mich an. „Adoptiert von Mr. und Mrs. Watson, vor sieben Jahren nach Deutschland gezogen, um Kunstgeschichte zu studieren. Sie haben ein Volontariat in einem Auktionshaus absolviert, sind aber nach dem Studium im Pergamonmuseum gelandet. Da Ihnen die Arbeit nicht zugesagt hat, sind sie zurück nach England gekommen und wohnen nun in 221B Baker Street bei ihrem Adoptivbruder John Watson."
„Okay. Wer zur Hölle sind Sie?"
„Mein Name ist Mycroft Holmes."
„Der Bruder von Sherlock?", hakte ich nach. Das erklärte natürlich einiges. „John hat Sie mal erwähnt. Ich hätte nicht gedacht, dass sie gerne Spaziergänge machen."
„Sie wissen so einiges nicht über mich", erwiderte Mycroft und sah wieder gerade aus.
„Ich weiß, dass sie quasi die britische Regierung sind und ich kann mir denken, dass Sie mich gleich bitten werden Ihren Bruder auszuspionieren", konterte ich grinsend. „Was wollen Sie mir dafür geben? Geld?"
„Sie scheinen nicht zu der dümmsten Sorte der Menschheit zu gehören", stellte Mycroft fest und klang dabei tatsächlich überrascht. „Ich kann Ihnen einen Job beschaffen. Sie dürfen frei wählen und ich leite es in die Wege. Wie klingt zum Beispiel eine Stelle im Auktionshaus Christie's für Sie? Es ist das älteste Haus in England und Sie wollten doch schon immer in einem Auktionshaus arbeiten."
Verdammt, damit hatte er sogar Recht.
„Klingt tatsächlich verlockend, aber ich lehne ab."
„Was hat mein kleiner Bruder nur an sich, dass die Leute ihm gegenüber so schnell loyal werden?"
„Das hat nichts mit Loyalität zu tun, sondern mit Moral", stellte ich klar. „Ich spioniere für nichts und niemanden. Warum machen Sie sich überhaupt Sorgen um Sherlock? Gibt es dafür einen Grund oder ist das einfach nur ein überausgeprägter Beschützerinstinkt?"
Mycroft zog die Augenbrauen zusammen und sah mich giftig an. „Das geht Sie, glaube ich, nichts an."
„Dann eben nicht", meinte ich und verschränkte die Arme. „Wie auch immer wäre die beste Lösung vermutlich Sie würden mit Sherlock sprechen, anstatt ständig zu versuchen seine Mitbewohner zu Spionen zu machen."
