Er/Sie
Das Zimmer ist in gedämpftes Licht getaucht, ein schwacher Schein aus der Schreibtischlampe reicht gerade aus, um die Umrisse der beiden Gestalten zu erkennen. Yannie liegt in ihrem Bett, ihre Augen halb geschlossen, die Pupillen geweitet – ein offensichtliches Zeichen dafür, dass der Alkohol und die Drogen ihre Wirkung noch nicht ganz verloren haben.
Tim sitzt auf der Bettkante, die Arme auf die Knie gestützt, seine Augen auf das verzogene Gesicht des Mädchens gerichtet. Sie murmelt unverständliches Zeug, lacht dann kurz auf.
„Ey...“ flüstert sie, wobei ihre Stimme lauter klingt, als sie es vermutlich beabsichtigt hatte.
Tim verdreht die Augen. Drogen und Alkohol – eine Mischung, die nie gut ausgeht.
Er hockt sich näher zu ihr hin. „Was denn?“
Yannie kichert wie ein kleines Mädchen. „Ich habe meinem Nachbarn immer beim Training zugeschaut...“ Sie grinst verschwörerisch. „Sag ihm das aber nicht.“
Tim seufzt leise und schüttelt den Kopf. Was soll man dazu noch sagen?
Dann hört er eine Stimme hinter sich.
„Es tut mir leid. Ich versuche echt, sie davon abzuhalten, aber sie macht es immer wieder.“
Sofort richtet er sich auf und dreht sich zur Tür. Yamila.
Sie lehnt im Türrahmen, ihre Augen voller Müdigkeit und einer Spur von Resignation. Sie tritt ins Zimmer und geht an ihm vorbei, ohne ihn weiter zu beachten. Ihre ganze Aufmerksamkeit gilt ihrer Schwester.
Er kennt diesen Blick. Den Blick einer Person, die sich für Dinge verantwortlich fühlt, die nicht ihre Schuld sind.
Ohne ein weiteres Wort beginnt Yamila, Yannie aus ihren Klamotten zu helfen. Sie zieht ihr das enge Top aus und steckt sie in ein weiches, langes T-Shirt. Ihre Bewegungen sind routiniert, sanft. Sie öffnet geschickt den BH, entfernt ihn, ohne dass Yannie dabei ihre Blöße preisgeben muss, und schiebt dann vorsichtig ihre Jeans über die Beine.
Tim beobachtet sie still. Es scheint ihr nichts auszumachen, dass er dabei ist. Wahrscheinlich, weil sie genau weiß, dass er schon genug Frauen in weit weniger als Unterwäsche gesehen hat. Aber das hier ist etwas anderes.
Das hier ist nicht sinnlich oder intim – das hier ist die Verantwortung einer Schwester, die an ihrer eigenen Belastung zerbricht.
Yamila zieht die Bettdecke über Yannie und streicht ihr eine lose Strähne aus dem Gesicht. Dann setzt sie sich auf den Rand des Bettes, den Kopf gesenkt, als würde sie versuchen, ihre Gedanken zu ordnen.
„Drogen zu nehmen.“ Ihre Stimme ist kaum mehr als ein raues Flüstern. „Sie braucht Hilfe, aber sie will es nicht wahrhaben. Ich weiß nicht, was ich noch machen soll...“
Tim lehnt sich in den Schreibtischstuhl zurück, verschränkt die Arme. „Sag es deinem Vater. Zusammen findet ihr eine Lösung.“
Yamila lacht leise, aber es ist kein fröhliches Lachen. Es ist bitter, abgehackt, voller Ironie.
„Das war vielleicht in deiner Familie so, aber du weißt besser als jeder andere, wie es hier läuft.“ Ihre Augen treffen seine, herausfordernd und gleichzeitig müde. „Wenn ich es Dad erzähle, dann wäre seine Welt zerstört. Erst ist Yannik gestorben, dann ist Mom abgehauen, und ich bin für ihn sowieso nur eine Enttäuschung. Wenn er dann auch noch erfährt, dass sein ‚kleines Mädchen‘ Drogen nimmt und einen Entzug braucht, würde er es nicht verkraften.“
Tim sagt nichts.
Er könnte widersprechen. Könnte sagen, dass sie übertreibt. Aber das tut sie nicht. Sie hat Recht.
DU LIEST GERADE
Love me touchless
Storie d'amore●Wird bearbeitet. Beginn: 15.02.25● Es tutet, immer wieder. Und wieder. Und wieder. Dann kurz bevor sie es aufgeben wollte, geht jemand ans Telefon. ,,Daddy?" sagt sie fröhlich und erleichtert. ,,Ja?" seine Stimme, die mit Hass erfüllt ist, zerreißt...
