1~ Yannie& Yamila Santiago

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Yamila


Habt ihr einen Zwilling? Oder kennt ihr jemanden, der einen hat? Wenn ja, dann wisst ihr vielleicht, wie besonders diese Verbindung sein kann. Eine beste Freundin von Geburt an, jemand, mit dem man alles teilen kann – das Leben, die Erinnerungen, vielleicht sogar die Gedanken. So könnte es jedenfalls sein. Aber bei uns ist es anders.

Yannie und ich teilen uns zwar ein Gesicht, einen Nachnamen und denselben Geburtstag, doch das war es auch schon mit den Gemeinsamkeiten. Während Yannie die perfekte Tochter ist – brav, ehrgeizig, mit tadellosem Benehmen und einem klaren Plan für die Zukunft – bin ich das Gegenteil. Wild, impulsiv, mit einer großen Klappe und einer Vorliebe für die falschen Jungs. Sie studiert Jura und träumt von einer Karriere als Anwältin, während ich mir schon als Kind sicher war, dass ich mit Tieren arbeiten will. Unser Vater? Er hat nie verstanden, wie ausgerechnet ich zu seiner Familie gehören kann. Als ich dann wegen eines Missverständnisses – und vielleicht auch wegen meiner „Autoritätsprobleme“ – von der Schule flog und ins Internat geschickt wurde, zog ich endgültig seinen ganzen Zorn auf mich. Für ihn wäre es vermutlich einfacher gewesen, mich ganz aus dem Stammbaum zu streichen.

Vor vier Jahren verließ ich unser Zuhause. Erst reiste ich durch die Welt, dann verbrachte ich zwei Jahre in Afrika, wo ich mich um Elefanten, Löwen und andere wilde Tiere kümmerte. Nebenbei machte ich meine Ausbildung zur Tierpflegerin – mein Traum wurde Realität. Jetzt arbeite ich im Bronx Zoo, aber bevor ich dort anfange, kehre ich nach Hause zurück. Nach vier Jahren.

Ich steige aus dem Auto meines Vaters und lasse meinen Blick über das imposante Gebäude gleiten. Mein altes Zuhause. Ob sich Yannie freut, mich zu sehen? Unsere Kontaktversuche in den letzten Jahren beschränkten sich auf sporadische Nachrichten, ein paar Kommentare unter meinen Instagram-Fotos. Ich bin dort inzwischen eine kleine Berühmtheit – meine Reisen, die Natur, die Tiere haben mir viele Follower eingebracht. Und Yannie? Sie hat sie geliket, ab und an etwas Nettes druntergeschrieben.

Mit einer lässigen Bewegung nehme ich den Lolly aus dem Mund, drehe ihn zwischen den Fingern und stecke ihn wieder hinein. Mein Outfit spiegelt mich wider: eine dunkelblaue Boyfriend-Jeans, ein weißes Langarmshirt, darüber ein schwarzes T-Shirt, das locker in der Hose steckt. Meine Straßenköter-blonden Locken fallen mir wild ins Gesicht – genau so, wie ich es mag. Die 90er? Meine Zeit. Mode, Musik, das ganze Lebensgefühl – damals war alles besser.

Mein Vater und ich schweigen, während wir durch die Lobby gehen. Wir haben uns nichts zu sagen. Unser letztes Gespräch endete in einem riesigen Streit, der bis heute unausgesprochen im Raum steht. Ich weiß, dass ich im Recht war – aber ich habe geschwiegen. Weil es meine Schwester geschützt hat. Denn Daddys perfektes Kind kann keine Fehler machen.

Der Aufzug gleitet lautlos nach oben. Ich zähle die Sekunden, bis das vertraute „Ping“ mich aus meinen Gedanken reißt. Mit einem tiefen Atemzug trete ich auf den Flur hinaus. Nichts hat sich verändert – fast nichts. Wo früher Fotos von Mom hingen, sind jetzt Bilder einer anderen Frau. Ich mustere sie kurz, bevor ich meinen Vater anschaue. „Hast du eine neue Freundin?“ Ricardo nickt nur. Ich zucke mit den Schultern. „Schön. Freut mich für dich.“ Eine Lüge. Aber es interessiert mich nicht genug, um weiter nachzuhaken.

Ich betrete das Wohnzimmer. Auf dem Sofa sitzt ein blondes Mädchen mit glatten Haaren – Yannie. Neben ihr ein blonder Typ. Ich werfe beiden nur einen flüchtigen Blick zu und gehe weiter in die Küche. „Hey, Yannie“, sage ich beiläufig, während ich mir ein Glas Wasser einschenke.

„Hallo, Yamila.“ Ihre Stimme klingt normal. Unbeeindruckt. Erst als ich mich umdrehe und in ihre blauen Augen sehe, erfasst sie die Situation vollständig. Ich sehe es in ihrem Gesicht. Ihre Lippen formen langsam meinen Namen.

„Yamila?!“

Ich drehe mich zu ihr um und mustere sie genau. Ihr rosa Rock, die passende Jacke, das weiße T-Shirt, das ordentlich in den Rock gesteckt ist – alles perfekt abgestimmt. Ihre Haare sind abgeschnitten, viel kürzer als früher. Ihre Haut ist blass, als hätte sie die Sonne seit Jahren gemieden.

„Hey, Bambi.“ Mein Spitzname für sie. Ich kann mir ein Schmunzeln nicht verkneifen.

Yannie mustert mich ebenfalls. Mein rebellischer Style, die braun gebrannte Haut, die wilden Locken, der Lolly im Mund – all das ist so typisch ich. Doch ich sehe es in ihrem Blick. Sie nimmt mich anders wahr. Mein Körper hat sich verändert, ich bin stärker geworden, sportlicher. Ich habe mich weiterentwickelt – und sie hat es nicht miterlebt.

Dann, völlig unerwartet, umarmt sie mich fest. „Ich habe dich vermisst, Kleines …“

Ich lächle und erwidere die Umarmung. „Und ich dich erst, Bambi.“

Meine Hände legen sich an ihr Gesicht, ich streiche sanft über ihre Wangen, wische eine Träne fort. Sie will etwas sagen, doch sie bringt es nicht über die Lippen. Ich schüttle den Kopf.

„Hey, es ist gut. Ich würde es wieder tun. Du bist meine Schwester.“

Sie sieht mich an – dankbar, erleichtert. Wir sind wieder vereint. So unterschiedlich wir auch sind, wir gehören zusammen.

„Was hast du mit deinen Haaren gemacht?“ frage ich neckend.

Yannie lacht. „Ich dachte, es sähe professioneller aus.“ Sie macht einen kleinen Knicks.

„Und du bist so braun geworden!“

Ich lache ebenfalls. „Tja, wenn man fast drei Jahre in der Sonne verbringt … Ich muss dir alles erzählen! Die Kulturen, die Menschen, die Tiere – du glaubst nicht, was ich alles erlebt habe.“

Yannie hört mir mit leuchtenden Augen zu. In diesem Moment sind wir wieder wir. Alles ist, als wären wir nie getrennt gewesen.

Dann räuspert sich jemand. Ich hatte ihn völlig vergessen. Der blonde Junge.

Yannie dreht sich zu ihm. „Oh, Yamila … erinnerst du dich noch an Logan?“

Mein Blick verfinstert sich. Natürlich erinnere ich mich an ihn. Wie könnte ich nicht?

„Sicher.“ Meine Stimme bleibt neutral, doch mein Körper spannt sich unbewusst an.

Yannie nimmt seine Hand. „Er ist jetzt mein Freund.“

Mir fällt fast der Lolly aus dem Mund. Mein Kopf ruckt zu ihr.

„Ihr beide?“

Sie nickt.

„Er und du?“

Sie nickt wieder.

„Du und er?“

Noch ein Nicken. Ihr Lächeln wirkt gezwungen, ihre ozeanfarbenen Augen verraten mir mehr, als sie beabsichtigt.

„Hallo, Yamila.“ Logan lehnt sich zurück, mustert mich mit einem dieser Blicke, die mich schon immer auf die Palme gebracht haben. „Wie ich sehe, hast du dich wieder in unsere Kreise begeben.“

Ich zwinge mich zu einem falschen Lächeln. „Logan, was für eine Freude, dich zu sehen. Oder auch nicht.“

Ohne ein weiteres Wort schnappe ich mir meinen Rucksack und verlasse den Raum. ,,Sorry Bambi, aber ich gehe in mein Zimmer." rufe ich noch vom Treppenhaus zu meiner Schwester.

Ich brauche Luft.

Love me touchlessGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt