2 | Cognitiones

285 23 26
                                        

Den Theatersaal konnte man eigentlich nicht als Theatersaal bezeichnen. Eher als Opern- oder Konzertsaal. Die Tür mündete ins Parkett, wo sich eine Sitzreihe mit rotem Samt gepolsterten Stühlen an die nächste reihte. Über mir befanden sich noch zwei Etagen mit Rängen und an der kuppelförmigen Decke thronte ein majestätisches Engelsgemälde. Von der Bühne konnte man derzeit nicht viel mehr sehen als die Säulen, die sie an beiden Seiten einrahmten, und einen schweren dunkelroten Vorhang. Auch der Orchestergraben wirkte verlassen.

Ich bahnte mich durch die Sitzreihen und entschied mich dann für einen Platz relativ weit außen. Die besten Plätze waren ohnehin schon alle belegt. Und außer Klettern fiel mir noch kein Weg auf die Balkone ein.

Trotz des aufgeregten Tonfalls des Jungen auf dem Flur dauerte es noch ein paar Minuten, bis eine hochgewachsene, brünette Frau aus einem Seiteneingang. Alles von ihrer Miene bis zu ihrer Haltung schrie mir Schulleiterin entgegen. Und ich sollte recht behalten.

„Willkommen und willkommen zurück an die Akademie der Elemente, liebe Schülerinnen und Schüler."

Selbst ohne Mikrofon hallte ihre Stimme überdeutlich durch den Raum. Die Akustik war einfach fantastisch.

„Mein Name ist Frau Schwab und ich bin die Schulleiterin der Grimm Akademie, aber das wusstet ihr wahrscheinlich schon. Ich vermute, ihr seid alle erschöpft von der Anreise und würdet lieber auf eure Zimmer gehen, anstatt endlosen Reden zuzuhören. Daher lasst es mich kurzfassen.

Der Alltag hier wird dieses Jahr genauso ablaufen wie letztes Jahr und das davor. Der Unterricht ist auch in Magie nicht optional, auch wenn das so manche Spezialisten anders sehen. Ich empfehle euch außerdem, die Essenszeiten und die Nachtruhe einzuhalten. Das Außengelände der Akademie steht allen Schülerinnen und Schülern frei. Solltet ihr allerdings mit euren Elementen üben wollen, bitte tut das nicht in Innenräumen und bestenfalls zusammen mit einem Partner.

Für die Erstklässler: Die genauen Schulregeln findet ihr in euren Zimmern auf dem Schreibtisch, genau wie alle notwenigen Unterrichtsmaterialien. Ihr habt den heutigen und morgigen Tag Zeit, euch dort einzurichten. Falls ihr irgendwelche Fragen haben solltet, wendet euch an die Vertrauensschüler oder ans Personal.

Die erste Woche wird anstrengend werden, und es wird viel für euch neu sein. Mein Rat an euch: Versucht, diese Tage erstmal zu überstehen, gebt nicht direkt auf, wenn etwas nicht auf Anhieb funktioniert und schlaft viel. Ihr werdet die Kraft brauchen. Aber es haben schon tausende Schüler es durch die erste Woche geschafft, ihr werdet das auch.

Damit viel Erfolg euch allen und auf eine gute Zeit zusammen hier in der Akademie. Danke für eure Aufmerksamkeit."

Jemand hinten im Saal begann zu klatschen, und nach und nach fiel der gesamte Saal ein. Frau Schwab schenkte uns ein kleines Lächeln und verschwand in die Richtung, aus der sie gekommen war. Sobald sie außer Sichtweite war, standen die ersten Schüler auf und bewegten sich angeregt plappernd zum Ausgang. Ich folgte dem Strom und hielt Ausschau nach dem Jungen vom Platz vor dem Eingang. Leider konnte ich seine dunklen Locken nirgendwo in dem Gedränge ausmachen.

Als ich den Saal verlassen hatte, war mein nächstes Ziel das schwarze Brett. Welches dummerweise von einer Traube Schülern belagert war. Vielleicht hätte ich mir vorher doch eher mehr Zeit lassen und eine kleine Verspätung in Kauf nehmen sollen.

Eine gefühlte Ewigkeit stand ich nur auf einer Stelle und wartete, bis sich die Menge auflöste. Das tat sie leider erst nach ein paar Minuten, und selbst dann hatte ich kaum Platz, um mich durch die Leute zu drängen. Mit subtilem Einsatz meiner Ellbogen schaffte ich es schließlich, mir einen Platz in der ersten Reihe zu ergattern.

Der Ruf der ErdeGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt