20 | Gutta cavat lapidem non vi sed saepe cadendo

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So schnell es ging sortierte ich meine Schulbücher zurück in den Schrank. Der Tag war schrecklich lang gewesen und nur die Aussicht auf eine Stunde Elementtraining mit Kathi hatte mich durchgebracht. Am Samstag kurz nach unserer ersten Stunde hatte sie mir einen ausführlichen Überblick über die Themen im zweiten Jahr gegeben. Der Umfang dessen hatte mich einen Moment lang daran zweifeln lassen, dass ich überhaupt mit den anderen mithalten können würde.

Daher hatten Thea, ihre Lektüre für Englisch und ich gestern noch einen Ausflug zur Lichtung gemacht. Der hatte mein Selbstbewusstsein immerhin ein Stückchen wiederhergestellt. Irgendwie würde es schon funktionieren. Niemand hatte gesagt, dass es leicht werden würde.

„Ist der Vertretungsplan bei euch auch so überfordert?", fragte plötzlich Tina.

„Ich dachte eigentlich, das hätte sich mit den neuen Stundenplänen erledigt." Stirnrunzelnd holte ich mein Handy raus und öffnete die passende App. Nur, um Tinas Beobachtung bestätigt zu bekommen. Ich musste ihn dreimal neu laden, bis überhaupt etwas angezeigt wurde. Schnell überflog ich die Ergebnisse. Es war hauptsächlich Vertretung in allen möglichen Stunden.

„Wer hat sich Vertretung überhaupt ausgedacht?", murmelte ich. „Wir sind doch nicht mehr in der Unterstufe."

„Sehe ich genauso." Tina seufzte. „Mal ganz ehrlich, Physik hätte auch einfach ausfallen können. Und stattdessen muss ich mich da jetzt mit unserem Relilehrer abgeben. Der hat wahrscheinlich nicht mal den Hauch einer Ahnung von geradlinig gleichförmigen Bewegungen."

Irgendwas an der Sache kam mir seltsam vor. Wie von selbst wanderte mein Blick zu Theas und meiner Zimmerhälfte, doch gerade jetzt saß sie nicht hier herum. So ein Mist aber auch.

„Vor einer Stunde stand noch nichts von der Vertretung am Plan", überlegte ich laut. „Und jetzt schon."

„Das muss nichts heißen. Vielleicht hat er die Grippe. Oder..."

Sie kam nicht mehr dazu, ihre zweite Möglichkeit vorzustellen. Die Tür flog auf und Leonie kam hereingestürzt, schwer atmend.

„Sie haben ihn gefunden", keuchte sie.

„Wen?", fragte Tina wie aus der Pistole geschossen.

„Den Mörder."

„Warte. Den von Frau Verdivis?"

Leonie nickte heftig. „Es war unser Mathelehrer. Du weißt schon, der, bei dem du auch noch Physik hast."

Ich sog scharf die Luft ein, während Tina sie halb fasziniert und halb entsetzt anstarrte. Da hatten wir unsere Erklärung.

„Er wurde eben erst verhaftet, aber so, dass es niemand wirklich mitbekommen hat. Frau Schwab wollte keinen großen Aufstand darum machen. Aber Matthias hat es mitbekommen, und jetzt weiß es eigentlich der ganze Schülerrat."

Und damit auch bald die gesamte Schule. Doch bevor ich nach Details fragen konnte, kam mir schon Tina zuvor. „Warum hat er sie umgebracht?"

„Eifersucht. Er kam vor ein paar Jahren aus Österreich hierher und hat sich für Physik, Mathe und Wassermagie beworben. Physik und Mathe hat er bekommen, Magie hat Frau Verdivis ihm quasi weggeschnappt. Was allein kein Grund zum Mord ist. Aber sie hat ihm auch noch seinen langjährigen Freund ausgespannt und zusätzlich nie mit Provokationen gespart. Und irgendwann ist das Fass dann halt übergelaufen."

Tina zog ungläubig die Augenbrauen zusammen. „Er hat nicht wie ein Mörder gewirkt."

„Das tun die wenigsten", sagte ich. Da hätte ich ihr sogar gleich ein paar Beispiele nennen können. Aber dass es gerade das Motiv war, das Thea und ich spaßeshalber ausgeschlossen hatten, war nicht optimal.

Der Ruf der ErdeGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt