12 | Sanguis praeteritus

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Ich taumelte zurück, das Bild der reglosen Lehrerin ins Innere meiner Augenlider geätzt. Sie sah genauso aus wie manche der Leichen auf den Bildern. Sogar noch besser als die meisten. Ich konnte mich an einige erinnern, deren Gesicht man nicht einmal mehr erkennen konnte. Deren Körper von vielfältigen Wunden übersäht waren. Die vom Wasser aufgedunsen waren, die Haut wie die einer Wachsfigur.

Mit aller Kraft stoppte ich den Strom der Gedanken. Das war nicht hilfreich. Ich wusste nicht einmal, ob sie schon tot war. Der Menge an Blut nach zu urteilen schon, aber wenn ich mich irrte, verschwendete ich wertvolle Sekunden.

Mit zitternden Händen öffnete ich das Schloss. Glücklicherweise war es eines von der Sorte mit einem Schlitz als Zeichen, ob es zu oder offen war. Dann stürzte ich in die Kabine und kniete mich neben sie. Sie atmete nicht mehr.

Es kostete mich einige Überwindung, meinen Finger an ihr Handgelenk zu legen. Und dann wartete ich. Doch ich spürte nichts. Nichts außer ihrer eiskalten Haut. Sicherheitshalber versuchte ich es nochmal an der Halsschlagader. Mit demselben Ergebnis.

Mit meiner freien Hand angelte ich nach meinem Handy. Hektisch scrollte ich durch die Kontakte und tippte auf den nächstbesten. Es dauerte kaum eine Sekunde, bis Tina abgehoben hatte.

„Kann es noch eine Stunde warten?", flüsterte sie. „Ich sitze gerade in Physik und der Typ hat mich ohnehin schon auf dem Kieker."

„Nein!" Ich wunderte mich selber über die Ruhe meiner Stimme. „Ich brauche Hilfe. Jetzt. Hol am besten auch deinen Lehrer."

„Okay, warte einen Moment." Man hörte Schritte und die Stimmen der Mitschüler im Hintergrund. Dann eine männliche Stimme.

„Handys sind im Unterricht nicht gestattet, Tina."

„Ich weiß. Es ist ein Notfall", sagte Tina. „Anna, was ist passiert?"

Ich schluckte, die Kehle plötzlich wie zugeschnürt. „Unsere Deutschlehrerin."

„Frau Verdivis?", fragte Tina.

„Ja. Ich... sie ist tot. Schon eine Weile, sie ist eiskalt. Daher wird Hilfe vermutlich auch nichts mehr bringen..."

Ich spürte, wie ein irres Lachen in mir aufkam. Es war zu viel. Zu viel für einen Nachmittag. Ich saß neben der Leiche unserer Deutschlehrerin, die ich noch vor einem Tag quicklebendig gesehen hatte. Wer hätte gedacht, dass sie kaum mehr vierundzwanzig Stunden zu leben gehabt hatte? Ich konnte das Lachen nicht mehr unterdrücken, als hätte ich noch nie etwas Lustigeres erlebt.

„Wo bist du?", fragte der Physiklehrer. Sein ernster Tonfall wirkte so grotesk, dass ich noch mehr lachen musste. Es war wirklich der perfekte Kontrast. „Das ist nicht lustig, bitte konzentriere dich."

Das machte es nur schlimmer. Genau wie Tinas gezischtes „Sie steht unter Schock, seien Sie bitte ein wenig einfühlsamer!". Ich konnte es nicht aufhalten. Bis ich zufällig zurück auf die Leiche blickte.

„Die Damentoilette bei der Eingangshalle", sagte ich. Dann stieg wieder ein Kichern in meiner Kehle auf. Mord auf dem Damenklo. Ein Ort, an dem es jeden treffen könnte. Das Lachen erstarb und Tränen schossen mir in die Augen.

„Es ist sofort jemand da. Bleib auf der Stelle sitzen. Tina, komm du bitte mit."

„Soll ich am Telefon bleiben?", fragte Tina. Ich brach in Tränen aus. „Okay, ich bleib dran. Wir sind schon aus dem Raum raus, gerade auf dem Flur. Alles ist gut, wir sind auf dem Weg. Genauso wie Frau Schwab und noch mehr Leute, die ich nur vom Hören kenne."

Anstatt zu antworten schluchzte ich auf. Womit hatte Frau Verdivis das verdient? Warum hatte sie sterben müssen? Tina redete beruhigend auf mich ein, doch ihre Worte verschwammen zu einem undeutlichen Summen im Hintergrund. Ich hockte an der Kabinenwand, die Hand im Blut abgestützt. Es kümmerte mich nicht. Warum sollte es auch? Sie lebte ohnehin nicht mehr. Sie würde die Augen nie wieder aufschlagen, würde nie wieder aufstehen. Eisige Ruhe ließen die Tränen versiegen.

Die Tür flog auf und Tina, ein älterer Mann und die Direktorin kamen in den Raum geströmt. Ich sah auf, mein Blick fest auf die drei fixiert.

Frau Schwab war die erste, die bei mir ankam. Sie hockte sich neben mich und fragte: „Bist du in Ordnung?"

Ich starrte sie ausdruckslos an. Ich saß neben einer Leiche. Was sollte daran in Ordnung sein?

Sie wechselte einen bedeutungsschweren Blick mit dem Physiklehrer, dann hielt sie mir eine Hand hin. „Komm, lass uns erstmal aufstehen."

Ich ergriff ihre Hand und rappelte mich auf. Sie war warm und trocken. Unwillkürlich fuhr mein Blick zurück zu Frau Verdivis. Sie sah mit leeren Augen zurück. Ich erschauderte.

„Tina, bringst du sie bitte in euer Zimmer? Es ist besser, ihr bleibt hier nicht länger als nötig", sagte Frau Schwab.

„Und was ist mit Befragungen und so? Ich meine, es ist immerhin nicht normal, eine Tote auf der Toilette zu finden", wandte Tina ein.

Das Blut auf meiner rechten Handfläche begann unangenehm zu jucken. Wie ferngesteuert ging ich zu den Waschbecken und drehte den Wasserhahn auf. Ich bemühte mich, nicht in den Spiegel zu schauen, während das rötliche Wasser in den Abfluss lief.

„Das kann warten. Annalena soll sich erstmal ausruhen." Als sie Tinas zweifelnden Blick sah, fügte sie hinzu: „Anweisung von Herrn Araya, dem Schulpfleger, falls ihr ihn noch nicht kennt."

„Okay, dann lass uns gehen." Tina wandte sich zu mir um, nicht ohne ein letztes Mal zur offenen Kabine zu schauen. Danach verließen wir endlich die Toiletten.

Schon als wir gerade mal drei Schritte gegangen waren, folgten uns neugierige Blicke. Es waren ungewöhnlich viele Schüler unterwegs, dafür, dass die meisten noch Unterricht hatten. Oder ich empfand es einfach nur so.

„Die da drüben sind aus meinem Physikkurs", raunte mir Tina zu. Es schien jedoch mehr eine Feststellung als ein Vorwurf zu sein. „Sag mal, wie hast du Frau Verdivis eigentlich gefunden? Bist du ausversehen in ihre Kabine gekommen? Gott, das stelle ich mir wirklich gruselig vor. Man möchte einfach nur auf die Toilette und dann trifft man auf so etwas."

Ich ließ sie reden. Ihre Worte lösten zwar nichts in meinen Gedanken aus, keine Bilder von der blutigen Toilettenkabine. Aber andererseits war mir auch nicht danach, ihr zu antworten. Sie würde sich die Geschichte schon so zusammenreimen, wie sie sie haben wollte. Was kümmerte es mich? Die Gerüchteküche würde bald sowieso brodeln wie noch nie.

In Zimmer zweihundertzehn angekommen unterbrach Tina ihren Redeschwall kurz, um zu erklären: „Leg dich vielleicht ein bisschen hin. Schlaf kann manchmal Wunder wirken. Auch bei Morden. Mich würde wirklich mal interessieren, warum jemand eine Deutschlehrerin umbringen konnte. Und das auch noch in einer Toilette!"

Jetzt war es also schon ein Mord. Da ich aber keine bessere Idee hatte, kuschelte ich mich unter die Decke. Ob ich wirklich schlafen können würde, war die andere Frage.

„Brauchst du noch irgendwas?", fragte Tina.

„Alles gut, danke."

Sie warf mir einen kritischen Blick zu und verzog sich dann zu ihrem eigenen Zimmerteil. Und schon wenige Minuten später bemerkte ich, dass ich mir um das Einschlafen keine Sorgen machen hätte müssen.

Der Ruf der ErdeGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt