53 | Cacatum non est pictum

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Ich rannte durch die Gänge und dann über die Wege des Gartens. Heute beim Mittagessen hatte ich Lukas noch gesehen, weit konnte er nicht sein. Doch eine einzige Person auf den Maispielen zu finden, war eine Sache der Unmöglichkeit. Trotzdem musste es in zwanzig Minuten funktionieren.

Zuerst überprüfte ich die Tribünen. Dort waren die meisten Leute, und dort traf ich auch auf Thea, Max und Tina.

„Du bist spät dran, die Duelle haben schon fast angefangen", informierte Thea mich und zog mich zu den anderen auf die Bank.

„Es gibt Neuigkeiten", hielt ich dagegen. „Kann mir wer helfen, Lukas zu suchen?"

„Warum Lukas?", fragte Tina.

„Ich habe eine Frage zu Alchemie. Er kennt sich damit doch so gut aus."

Ich warf Max und Thea einen vielsagenden Blick zu. Ich hoffte, sie verstanden, dass es um die Morde ging. Thea nickte kaum merkbar, während Max verwirrt zurückschaute. Dann eben nicht.

„Also, weiß wer zufällig, wo er sein könnte?"

„Ziemlich sicher bei den Trainingsplätzen für Elementarschach", sagte Max.

Er wollte noch etwas hinzufügen, doch ich unterbrach ihn. „Danke! Ich bin gleich wieder da."

Mit leichtem Ellbogeneinsatz drängte ich mich durch die Menge. Glücklicherweise wurde es immer leerer, desto weiter ich mich von den Duellringen entfernte. In der Nähe sah ich auch schon die hüfthohen Schachfiguren flackern. Ich beschleunigte meine Schritte.

Auf den Wiesen waren tatsächlich nur ganze vier Personen: Drei ältere Schüler, die ich nicht kannte, und Lukas. Gerade spielte letzterer gegen eine Wasserbändigerin aus dem zweiten Jahr und war offenbar drauf und dran, von ihr zu Kleinholz verarbeitet zu werden. Nicht, dass ich wirklich Schach spielen und es beurteilen konnte, doch ich wusste, dass es beim Elementarschach nicht allein auf das Spiel ankam. Es kam genauso darauf an, wie lange man seine selbsterschaffenen Figuren halten konnte. Und gerade die Flammen, aus denen Lukas' König gemacht war, sahen sehr instabil aus.

Leider brachen sie nicht in den nächsten Sekunden zusammen, wie erhofft. Stattdessen ging das Spiel immer weiter und ich wurde immer ungeduldiger. Schach war bekanntlich ein langes Spiel. Was, wenn sie nicht fertig wurden, bevor meine Duelle begannen?

Viel zu schnell waren fünf Minuten vergangen. Es blieb nicht mehr viel Zeit. Ich beobachtete, wie sich eine nach der anderen von Lukas' Figuren in Rauch oder Dampf verflüchtigte. Entweder, weil sie von den Wasserfiguren seiner Gegnerin gelöscht wurden, oder, weil er die Kontrolle über seine Magie verlor.

Nach weiteren zwei Minuten war es endlich soweit. Die Flammen von Lukas' König erstarben. Dann lösten sich auch die Figuren der Zweitklässlerin und die goldenen Linien des Spielfeldes auf und die beiden Spieler trafen sich in der Mitte des Feldes. Sie tauschten ein paar Worte und verließen das Feld wieder.

Ich ergriff die Gelegenheit und ging auf direktem Weg zu Lukas. Er schaute überrascht drein, als er mich erkannte.

„Anna? Seit wann interessierst du dich für Schach?"

„Immer noch nicht wirklich." Obwohl ich zugeben musste, dass er in Sachen Magiekontrolle deutliche Fortschritte gemacht hatte. „Ich wollte dich nur etwas fragen."

„Was denn?"

„Ich bräuchte ein paar Informationen zum Stein der Weisen. Besonders dazu, wie man ihn herstellt."

„Du hast absolut recht, das ist ein sehr interessantes Thema, aber ziemlich umfassend", erklärte er. „Wenn du willst, kann ich nach den Spielen mal ein paar Dinge heraussuchen."

Der Ruf der ErdeWo Geschichten leben. Entdecke jetzt