Kapitel 36

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Die Bilder huschten wie ein niemals enden wollender Farbfilm an mir vorbei. Schreie, unverständliche Worte attackierten mein Trommelfell. Blut, das sich unaufhaltsam am Boden zu einer riesigen Lache ausbreitete. Tote Augen, die mich anklagend anzuschauen schienen.

Zitternd setzte ich mich auf, wischte mir den Schweiß von der Stirn. Mein Herz hämmerte hart in meiner Brust und ich holte stoßweise Luft. Seit der Ankunft in der Wohnung, der ersten Nacht, störten die Erinnerungen an die Mission meinen Schlaf. Manchmal abgelöst von den Aufnahmen, die ich auf Harolds Computer gefunden hatte. Einzig von der Zeit im Keller des Dons hatte ich keine Flashbacks. Doch nichts nahm es mit dem Alptraum von vor zwei Nächten auf. Ich schluckte die aufsteigende Übelkeit hinunter. Nein, an das Bild weigerte ich, zu denken. Zu grauenvoll war die Szene, obwohl sie nie stattgefunden hatte.

Seufzend schwang ich die Beine über den Bettrand, setzte die Füße auf den kühlen Laminatboden auf. Das helle Holz glänzte honigfarben. Anheimelnd, wie der Rest der Wohnung. Hatte Raffa sie extra für mich angemietet oder gehörte sie zu dem umfangreichen Immobilienbestand seiner Familie? Wäre Letzteres nicht zu unsicher? Würden die Mafiosi mich dann nicht schnell finden? Was hatten der Don und seine Frau zu meinem Verschwinden gesagt? Was Annetta und Alerio? Ich hatte nicht einmal die Möglichkeit gehabt, mich von meinen Zieheltern zu verabschieden. Oder hatten etwa alle Bescheid gewusst? Die ersten Tränen rannen mir übers Gesicht, ich schniefte leise. Warum tat es nur so weh? Meine richtige Familie hatte ich nie so vermisst.

„Weil sie mir nie so viel Liebe und Zuneigung geschenkt hatten", murrte ich bitter. Doch jetzt bekam ich diese nicht einmal mehr von meiner Zweitfamilie. Weggejagt hatten sie mich, wie einen räudigen Hund. Ich stand auf, schlurfte ins kleine Badezimmer. Das Wasser der Dusche nahm meine Tränen mit, führte sie in den Abfluss, damit sie auf Nimmerwiedersehen verschwanden. Doch die Verzweiflung über die neue Lage blieb zurück.

Etwa eine Stunde später verließ ich noch immer missmutig die Wohnung. Träge stieg ich Stufe um Stufe hinab, gegen einen unsichtbaren Widerstand an. Warum kehrte ich nicht um, verschwand wieder im Bett? Wozu sollte ich die Schule beenden? Zugegeben, wenn ich einen vernünftigen Job wollte, war das notwendig. Doch ein Schulwechsel mitten im zweiten Halbjahr? Das rief mit Sicherheit hunderte unliebsamer Fragen auf. Das hatte Raffaele nicht bedacht.

Meine zitternden Finger fanden den Türgriff, der eine eisige Kälte verströmte. Ich zögerte, hörte förmlich, wie mein Bett nach mir rief. Gedankenverloren starrte ich aus dem kleinen Fenster neben der Haustür. Wenn ich mich jetzt nicht überwand, nach draußen zu gehen, wann dann? Wer erledigte die Einkäufe? Ewig nur Nudeln mit Tomatensoße, die zuhauf im Vorratsschrank lagen, war keine Dauerlösung. Welche andere Wahl besaß ich, als mich endlich in Bewegung zu setzen? Was würde mir schon passieren? Auf der Straße lauerten keine bösen Männer oder pflasterten Leichen den Weg, von Blutlachen umgeben, aus denen sie mich anklagend anstarrten. Ich spürte, wie meine Atmung abflachte, wie mein Puls ins Stolpern geriet. Der Drang, zurück in die Wohnung zu hetzen, beherrschte jede Faser meines Körpers. Meine Armmuskeln zuckten, bereit, um die Hand vom Türgriff zu nehmen und umzukehren.

„Diesmal nicht!", quetschte ich zwischen zusammengepressten Zähnen hervor. Ich stieß die Tür auf und trat ins Freie. Erster Schritt geschafft. Den Rest würde ich ebenfalls überleben.

„Hey Kleines." Meine Nachbarin tippte mir von hinten auf die Schulter. Meine Nackenhaare stellten sich auf. Wieso hatte ich sie nicht gehört? War ich so in Gedanken versunken?

„Hallo Candy, erschrecke mich doch nicht so", erwiderte ich ihren Gruß in einer vorwurfsvolleren Stimmlage als geplant. Ich biss mir auf die Lippe. Es war ihr gegenüber nicht fair, ausfallend zu werden. Wenn ich die einfachsten Dinge nicht geregelt bekam, lag es an mir.

„Entschuldige, Kleines." Sie umrundete mich, sodass sie mir in die Augen sah. Ein ehrliches Lächeln zierte ihre Lippen. „Ich wollte nur fragen, ob du mit mir zusammen in die Stadt kommst." Ich zögerte eine Antwort hinaus. Einerseits wäre es eine willkommene Abwechslung, die mich von meinen trüben Gedanken ablenkte. Andererseits formte sich in meinem Bauch ein stetig wachsender Klumpen, der sich weit nach oben ausdehnte und mir die Luft abschnürte. Eine Warnung? Die Angst, erneut enttäuscht zu werden? Ich atmete tief durch. Wenn Candy vorhatte, mich in kriminelle Machenschaften zu verstricken, setzte ich mich direkt ab. Noch einmal latschte ich nicht in eine Falle.

„Gerne", antwortete ich, bevor ich mich umentscheiden und die Flucht ergreifen konnte. Sie hakte sich grinsend bei mir unter.

Wenig später saß ich allein am Tisch in einem Café. Die Blondine war zum Telefonieren nach draußen verschwunden. Gedankenverloren rührte ich in meiner Tasse. Der süße Geruch von Schokolade umgarnte mich. Dampf stieg von der flüssigen Köstlichkeit auf. Mit einem schlechten Gewissen starrte ich auf die Sahne, die wie ein weißes Häubchen den Kakao krönte. Raffa würde mich dafür fünfmal um die Villa scheuchen, angefeuert von dem fröhlichen Gelächter der Bodyguards. Abermals sehnte ich mich danach, in seinen Armen zu liegen. Wieso hatte er mich nur von sich gestoßen? Schnell nahm ich einen Schluck. Die Schokolade rann heiß meine Kehle hinunter, wärmte zumindest mein Innerstes. Die Sahne schwappte mir entgegen, streifte meine Nasenspitze. Mick und Sam hätten darüber gelacht. Ich seufzte leise, stellte die Tasse ab und schaute zur Tür, die in diesem Moment aufgestoßen wurde.

Candy betrat das Café, dichtgefolgt von zwei Polizisten. Ich runzelte die Stirn. Die hatten mit Sicherheit Pause. Es hatte nichts mit meiner Nachbarin zu tun, die vor unserem Tisch stehenblieb. Die beiden Uniformierten, der eine groß und dick, der andere klein und schmächtig, hielten ebenfalls an. Fragend wanderte mein Blick zu Candy, die sich auf die Lippe biss. Also doch.

„Dakota Evans aus Toledo?" Ich zuckte zusammen. Lange hatte mich niemand mehr so genannt. Unwirklich klang er aus dem Mund des kleineren Polizisten. Ich musterte ihn und seinen Kollegen. Der wie ein Bär aussah, schaute abwechselnd zwischen mir und seinem Smartphonebildschirm hin und her. Erwischt. Für einen Augenblick spielte ich mit dem Gedanken, meine neue Identität zu nutzen. Andererseits war dies der passende Moment, um endgültig alles, was zur Mafia gehörte, hinter mir zu lassen.

„Die bin ich." Sowie die Worte meinen Mund verließen, fiel eine schwere Last von meinen Schultern. Endlich würde ich Mama wiedersehen. Sie hatte mich bestimmt vermisst.

Verdammte MafiosiGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt