Kapitel 20

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„Wir sind da." Raffaele parkte den Wagen auf einem schmalen Seitenstreifen. Er lief zum Kofferraum und holte etwas heraus. Ich stieg aus und erstarrte. Das beruhigende Geräusch von Wellen, die ans Ufer schlugen. „Pass auf, wo du hintrittst." Der Italiener lief vor. Der Pfad war uneben, voller Steine, die zum Ende des Weges immer größer wurden. Gesteinsbrocken lagen im Meer. Ein riesiger Wellenbrecher, auf den mein Begleiter zueilte. Wie ein treues Hündchen folgte ich ihm. Wozu weglaufen, wenn mein Pass in der Schreibtischschublade seines Vaters lag? Zuhause vermisste mich niemand. Sie waren eher froh, dass die ungeliebte Tochter, das fünfte Rad am Wagen verschwunden war. Ich schluckte leer. Mit dem Stoff meines Shirts wischte ich mir fahrig über das Gesicht.

„Klappt es oder soll ich dich tragen?" Raffaele breitete die mitgebrachte Decke auf einem großen flachen Stein aus. Ich tippelte vorsichtig weiter zu ihm. Kurz bevor ich ihn erreichte, blieb mein Fuß an etwas hängen. Wie wild ruderte ich mit den Armen, stürzte vorwärts gegen seine harte Brust.

„Hab' dich, du kleiner Tollpatsch", wisperte er mir ins Ohr, das mit meinen Wangen um die Wette brannte. Umständlich setzte ich mich hin, versuchte, Abstand zu dem Italiener zu gewinnen. Der Meereswind trug eine frische Brise zu uns. Eine Armee von winzigen Beulen überzog meinen Körper, ich unterdrückte ein Frösteln. Raffaele rückte näher heran, schlang die Arme um mich und stütze seinen Kopf auf meiner Schulter ab. Seine Wärme verscheuchte die lästige Gänsehaut, die nur widerwillig das Feld räumte. An den Italiener gelehnt lauschte ich den Wellen. Das letzte Mal, als ich sie gehört hatte, war ich ebenfalls aufgewühlt gewesen. Was wäre mit mir passiert, wenn ich nicht die Dateien auf dem Computer gefunden hätte? Ein Pädophilenring hatte der Mafiaboss gesagt. Hatte mein Stiefvater mich wissentlich zu diesem Verbrecher geschickt? Ich schluckte, doch der harte Kloß in meiner Kehle schmerzte zu sehr. Raffaele schien die Unsicherheit zu spüren, zog mich enger an seine Brust.

„Ich werde dich trainieren, da mein Vater es wünscht. Ich darf mich ihm nicht widersetzen. Im Notfall würde er selbst dein Training übernehmen. Das kann und werde ich niemals zulassen." Er verstummte, kraulte meine Taille. „Versprich mir nur, dass du dich nie für eine Mission melden wirst. Ich habe bereits eine Freundin verloren, weil sie mir imponieren wollte."

„Du sprichst von Giorgina, oder? Dein Bruder erzählte, dass ihr früher unzertrennlich wart." Ich richtete den Blick auf das Meer, dessen Wellen das letzte Licht mühsam reflektierten. Bald würde die Nacht ihren Einzug halten und alles in Finsternis tauchen. Ausnahmsweise beunruhigte der Gedanke mich nicht. Mein Begleiter würde verhindern, dass mir etwas passierte. Mein Vertrauen zu ihm wuchs mit jedem Tag mehr. „In Ordnung. Ich habe eh Angst vor Waffen. Lieber sitze ich in der Bibliothek und lese ein Buch." Raffaele lachte leise hinter mir. Das Vibrieren seiner Brust kitzelte meine Haut, sandte mir angenehme Schauer über den Rücken.

„In unserer Bibliothek wirst du so viel Zeit verbringen müssen, dass du sie irgendwann nicht mehr leiden kannst. Ab nächster Woche werden Mick und Sam wieder von unserem Privatlehrer unterrichtet. Meine Mutter deutete bereits an, dass er deine Ausbildung ebenfalls übernehmen soll." Der Italiener verstummte kurz, seufzte dann theatralisch. „Seine Liebe zu englischen Dramen hat mich damals fast um den Verstand gebracht."

„Kommt er jeden Tag zur Villa oder wie muss ich mir das vorstellen?", fragte ich voller Neugierde. Die Möglichkeit, zumindest das Wissen für einen Schulabschluss zu erlangen, gefiel mir.

„Er wohnt bei uns, ist seit Ewigkeiten ein Teil der Familie. Er war in England, bei seinen Verwandten zu Besuch und freut sich darauf, wieder ins warme Kalifornien zu fliegen. Mein Vater hat unseren Privatjet rübergeschickt, um ihn abzuholen." Raffaele kicherte. „Die Bildung meines Bruders liegt ihm sehr am Herzen. Der Kleine versucht zwar immer, sich dem Unterricht mit Sams Hilfe zu entziehen, doch wenn du ebenfalls teilnimmst, wird er sich mit etwas Glück endlich zusammenreißen. Ich habe später nicht vor, alleine über die Familie zu herrschen, nur weil er zu faul zum Lernen ist."

„Du willst die Familiengeschäfte nicht allein übernehmen?" Ich spielte mit dem Rand unserer Decke, den der Wind immer wieder umklappte, egal wie oft ich ihn glättete.

„Nein, meinem Vater gefällt es zwar nicht. Er bevorzugt es, wenn die Macht in einer Person gebündelt ist. Doch mir ist seit langem klar, dass ich kein Alleinherrscher bin." Sein Atem streichelte meine Wange. „Was weißt du über die Mafia und ihre Strukturen?"

„Nichts, um ehrlich zu sein. Nur, dass man euch besser nicht in die Quere kommt. Ansonsten wird es schmerzhaft." Ich erschauderte, zog missmutig die Schultern hoch. Einerseits hatte mich die misslungene Aktion, zu der Carmen mich verführt hatte, mir Schmerz und Leid zugefügt. Andererseits gab der Italiener mir Sicherheit. Sein Bruder und dessen Freund behandelten mich wie ein langjähriges Familienmitglied. So anders als bei meiner echten Familie in Toledo. Etwas Weiches fuhr meinen Nacken entlang, verursachte mir eine neuerliche Gänsehaut. Mein Atem stockte. Waren das seine Lippen?

„Das stimmt", lachte er leise gegen meine Haut. „Nach außen sind wir knallharte Geschäftsleute oder tödliche Gegner. Je nachdem wem wir gegenüberstehen. Innerhalb der Famiglia halten wir dagegen zusammen, sind füreinander da. Der Don steht an oberster Stelle, der Geschäftsführer sozusagen. Ihm zur Seite steht der Sottocapo, sein Stellvertreter, wenn du es so sehen willst. Ein weiteres wichtiges Mitglied der Führungsriege ist der Consigliere, der Berater. In den meisten italienischen Mafiafamilien hält er sich aus dem blutigen Tagesgeschäft raus, kümmert sich einzig um wirtschaftliche oder juristische Aspekte. Unsere Capos sind mit dem mittleren Management vergleichbar. Sie führen Teams an, kümmern sich darum, dass jede Gruppe den Vorgaben entsprechend handelt. Die Mafia ist modernen Unternehmen in ihrer Struktur nicht unähnlich. Respekt, Verschwiegenheit in Bezug auf Betriebsgeheimnisse, eine klare Kommunikation und noch viel mehr findest du in beiden." Fasziniert hörte ich seinen Erklärungen zu. Langsam drang zu mir durch, dass seine Worte beim Essen gegen seinen Vater, nicht gegen mich gerichtet waren. Raffaele wollte mich schützen, vielleicht, weil er seine Freundin verloren hatte. Ich kuschelte mich enger an ihn, genoss die Wärme, die von seinem Körper ausging. In Gedanken wiederholte ich das Versprechen, das ich ihm gegeben hatte. Niemals würde ich mich freiwillig in Gefahr begeben.

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Soso, Raffa hat keine Lust, später die Führungsrolle allein zu übernehmen. Da wird Mick wohl kaum begeistert sein.

Verdammte MafiosiGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt