#68 Konterfei

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kleine Triggerwarnung Essstörung im 4. Abschnitt :)

Perspektive Thomas "Tommi" Schmitt

16:32 Uhr
Heute ist wieder ein ziemlich stressiger Tag- Tour halt.
Felix und die Jungs sind seit vormittag beschäftigt.
Ich habe wirklich Respekt vor ihnen und ihrer ambitionierten Arbeit, aber mir wird langsam langweilig.
Nicht, dass das ein großes Problem wäre- ich bin ein erwachsener, selbstständiger Mann.
Nur mache ich mir Sorgen um meinen Freund: er soll sich nicht überarbeiten oder zu viel Stress haben.
Auch, wenn ich da vielleicht etwas zu umsichtig bin. Denn auch er ist ein erwachsener, selbstständiger Mann.
Aber ja, ich vermisse ihn. Und ja, ich lenke mich mit meinem Handy ab. Wie eigentlich immer.

Ich sitze in einem Klappstrandstuhl und scrolle durch Instagram, als ich plötzlich Schritte auf mich zukommen höre. Ich schaue auf:
Felix kommt hastig angelaufen, sieht mich, nimmt meinen Kopf zwischen seine Hände, gibt mir einen sanften Kuss auf die Wange, sagt "Ich musste dich kurz festhalten, damit ich dir besser einen Kuss geben kann!", grinst und streicht mir beim Vorbeigehen über die Schulter. Danach bin ich wieder allein.

Damit habe ich nicht gerechnet, aber es war sehr süß. Ich schmunzle zufrieden vor mich hin und kann mich erst einmal gar nicht wieder auf mein Handy konzentrieren. Ich starre nur auf das Bild von Caro Daur, ohne es wirklich wahrzunehmen. Es verschwimmt.
Felix' Konterfei mit den von niedlichen Grübchen umspielten Mundwinkeln kriege ich nicht mehr aus dem Kopf- der kurze Kontakt reicht, um mich für den Rest des Tages abzulenken. 
Was dieser Mann bei mir bewirkt, kann ich auch nach den Jahren, die wir uns kennen und den Monaten, in denen wir zusammen sind, nicht in Worte fassen.
Ich bin einfach so unglaublich froh, dass wir zusammen und immer füreinander da sind.

Mein Magen knurrt wie ein Gewitter, ich habe heute noch nichts gegessen, will es aber ignorieren. Ich will es nicht hören, nicht darauf eingehen, es nicht beseitigen. Ich will mich ablenken. Mit Social-Media, wie immer.
Mich ereilt die Angst, dass das irgendwann nicht mehr funktioniert. Denn ich weiß keine Alternative, wenn nicht gerade mein Freund da ist, um mich abzulenken.
Bis dahin scrolle ich weiter nach unten und versinke wieder auf meiner Explore-Seite.

Wenige Minuten später- vielleicht sind auch schon Stunden vergangen, höre ich Felix meinen Namen quer durch den gesamten Backstage schreien. Komischerweise sagt er nicht "Tommi", sondern das, was in meinem Ausweis steht.
Verwundert sehe ich auf und suche mit den Augen meine Umgebung ab, weil ich nicht zuordnen kann, von wo die Stimme hallt.
"Komma her!" ruft er erneut, als ich ihn an einem Stehtisch mit Kawus erblicke.
Etwas träge erhebe ich mich, laufe in seine Richtung und je weniger die Meter werden, desto mehr erkenne ich, dass wir beide immer breiter grinsen.

Als ich bei ihnen angekommen bin, begrüße ich Kawus kurz mit einem "Hi." und einem netten Lächeln und stelle mich dann dicht neben Felix.
Erst zögere ich kurz, den Arm um seine Hüfte zu legen und ihm einen Kuss auf die Schläfe zu geben. Aber dann fällt mir ein, dass alle hier ja Bescheid wissen und wir uns nicht verstecken müssen.
Also tue ich es und meine, aus dem Augenwinkel Kawus' begnügsames Lächeln sehen zu können.
Es fühlt sich gut an, einerseits Felix' Haut und seinen Körper wieder zu spüren und andererseits offen und unbeschwert mit unserer Beziehung umzugehen.
Das Gefühl der Freiheit und Angstlosigkeit beflügelt mich beinahe, auch, wenn es eigentlich eine ganz normale Situation ist.

Nicht früher als ich meine Augen von seinem Profil lösen kann, sehe ich, dass Felix sein Handy in der Hand hält.
Auf seinem Display ist das Standbild eines Videos zu sehen.
"Hier, guck mal, das übel witzig." sagt er und hält es mir hin.
Das Video zeigt einen Mann, der ziemlich unglücklich hinfällt und irgendwie ist es schon lustig. Am witzigsten ist aber, wie Felix lacht. Eigentlich beobachte ich nur seine Mimik:
Seine Augen strahlen, leuchten hell. Grübchen bilden sich wieder, die ausgeprägten Lachfalten an Mund und Augen werden sichtbar. Seine perfekte, weiße Zahnreihe kommt proportional super zur Geltung und ich kann nicht verstehen, wie man ihn nicht attraktiv finden kann.
Ich meine, alles, was er tut, ist herzlich und ehrlich zu lachen.
Eine so einfache und doch irgendwie komplexe Emotion, die mich einerseits glücklich macht und andererseits aus unserer Welt holt.

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