#140 Dahabsache

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Ich habe keine Ahnung.
Wirklich gar keine.
Von nichts.

Weder, wer ich so richtig bin,
noch, wie ich zur Zeit aussehe.
Ich weiß nicht, wie der Ort aussieht, den ich mein zu Hause nenne.
Die Bedürfnisse meines Körpers? Schon lang nicht mehr präsent in meinem Kopf.

Ein lautes, metallisches Ächzen durchbricht meinen Gedankenstrudel.
Dieser verfickte Kran.
Diese verfickte Baustelle.
Diese verfickte Situation, in der ich ohne...
Ich habe keine Ahnung.

Ein Hupen ertönt.
Einige Sekunden vergehen, bis ich sie einem Auto zuordnen kann.
Motoren heulen auf und Autos schlängeln sich durch eine Gasse aus weiß-roten Baken.

Aus den wenigen Vorlesungen Literaturwissenschaft weiß ich, dass Menschen aus der dritten Perspektive auf sich selbst schauen können.
Ich glaube, genau das tue ich seit mehreren Wochen.
Weil ich mein Leben durch meine eigenen Augen aktuell nicht ertragen könnte.

Eine schwere, salzige Träne rollt meine rechte Wange hinunter.
Ich spüre, wie die Räder unter mir rollen und ich weit weg davon bin, so etwas wie Kontrolle zu haben.

Ein Handy klingelt. Jemand nimmt ab.

"Felix?"

"Ja?"

"Wo bist du?"

"Auf dem Weg zum CT"

"Du musst dir dringend einen Termin beim Therapeuten machen."

"Ich mach das, wenn ich wieder auf Station bin."

Den Rest des Gespräches kriege ich nicht mit.

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Eigentlich sind Felix und Tommi total unterschiedlich. Wenn ein bisschen Müll draußen auf den Boden fällt, würde Tommi es aufheben und so lange in seiner Hand oder Tasche verweilen, bis er einen geeigneten Mülleimer findet, um ihn sach- und fachgerecht zu entsorgen. Felix hingegen wäre einfach drübergelaufen. So weit kann er gar nicht zählen, wieviel Müll er allein in den paar Sekunden gesehen hat, in denen er checken wollte, was es war und ob es auf seine Schuhe fielen oder einen Wegkick-Reflex auslösten.

Im Moment fühlt es sich an, als würde sie alles und nichts verbinden.
Sie brauchen einander, können sich aber nicht haben.
Sie schlafen in unterschiedlichen Betten, ohne auch nur einen Hauch von Comfort zu verspüren.
Sie wollten umziehen, heiraten, einen Hund adoptieren, Kinder bekommen, Podcast aufnehmen, Comedy machen und ganz viel Sex haben.
Und jetzt?
Was jetzt bleibt, ist nur die Fantasie.
Die Fantasie, die sich aktuell anfühlt wie ein ausgetrocknetes Flussbett eines Flusses, der früher Mühlen angetrieben, Menschen und Kleidung gewaschen und hydriert hat, Flora und Fauna ein zu Hause bot.

Ich schließe die Augen und atme tief ein.
Versuche zu spüren, wie der Sauerstoff, den ich einatme, von meinem Blut da hin gebracht wird, wo er gebraucht wird.
Er flutet mein Gehirn und ich atme hörbar aus.

Felix' steifer Schwanz zuckt.
Jan grinst.
"Ich sehe, du hast Bock. Hast du Gleitgel da?" fragt er und reibt sich mit der linken Hand über den Penis.
"Klar." antwortet Felix und spürt sein Herz bis zum Hals schlagen, als er zum Nachttisch geht und die unterste Schublade öffnet: mehrere Kondome, zwei Tuben Gleitgel, ein Analplug mit Vibrierfunktion und eine Packung Taschentücher.
Er nimmt das vollere Gleitgel und schüttelt es.
"Klassische Dahabsache." kommentiert er verlegen und schaut auf den Boden.
Trotzdem spürt er, dass Jan in anschaut. Hungrig. Wartend. Geil auf ihn.

Mit errötetem Kopf begibt sich Felix im Vierfüßlerstand auf das große Ehebett und streckt Jan seinen Hintern an der Bettkante entgegen.
Dieser grinst und spuckt auf Felix' Eingang.
Er schließt die Augen und versucht sich vollständig auf die Empfindung an seinem Anus zu konzentrieren. Da ist eine feuchte Zunge, die ihn in kreisenden Bewegungen daran gewöhnen, wie es sich anfühlt, sich etwas komplett hinzugeben.
Immer feuchter und feuchter wird er, bis Jan mit einem Finger in ihn eindringt und die andere Hand auf seinen unteren Rücken legt.
"Alles gut?" fragt er leise und gibt Felix einen Kuss auf die Hoden. Der Berliner stöhnt leise und nickt. "Mach weiter."

Aus einem Finger werden zwei und dann drei.
Felix genießt es und fragt sich, wie sich der Unterschied zu Jans Penis anfühlen wird.
Die langsame, aber bestimmte Penetration seines feuchten Loches lösen in ihm noch nie empfundene Sensationen aus. Es fühlt sich an, als würde ein neuer Teil seiner Körperwahrnehmung freigeschaltet.
Felix' Gedanken kreisen um die rhythmischen Bewegungen und passt dann den richtigen Moment ab, um sich nach vorne auf den Bauch zu legen und die plötzliche Leere in ihm zu spüren.
Nur, um sich sofort umzudrehen, an die Bettkante zu krabbeln und Jans Penis in den Mund zu nehmen.
Er lutscht ihn so lange feucht, bis er das Gefühl hat, dass es ausreicht und fängt dann an, Jans Hoden zu massieren.
Als er nach oben schaut, um etwas zu sagen, legt Jan seinen Finger an Felix' Kinn und hält ihn mit seinem Blick fest.

"Lass mich mit meinem Schwanz deine Prostata massieren, bis du kommst und ich auch in dich spritze."

Da ist schon wieder dieses Piepen.
Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt.
Trotzdem nervt es mich. Vor allem, weil ich es nicht ausstellen kann.
Es fühlt sich an, als hätte ich total viele Aufgaben, und gleichzeitig keine.
Als wäre alles was ich tue egal, und gleichzeitig jede einzelne Tätigkeit von größter Bedeutung.
Die Türen, die sich um mich herum öffnen und schließen begreife ich schon gar nicht mehr so richtig.
Die meisten Reize, die ich so wahrnehme, verschwimmen zu einem großen Brei von Gehirn. Ohne, dass ich irgendetwas davon differenzieren kann.

Die Geräusche um mich herum werden wieder lauter. Das ist meistens ein Zeichen dafür, dass es danach wieder ruhig wird.
Oder sind es doch nur die in meinem Kopf?
Ich muss hier raus. Andere Bilder sehen, andere Geräusche hören. Andere Luft schnuppern, anderes Essen essen. In einer anderen Bettwäsche schlafen, ein anderes Bad benutzen.
Die einzige Sache, der ich nicht entfliehen kann, ist mein eigener Kopf.

Ich schlafe ein, glaube ich.
Meistens kann ich das nicht so richtig differenzieren- es gibt eine Aufgabe, aber auch nicht so richtig. Also schlafe ich, aber halt auch nicht so richtig.
Noch niemand konnte mir sagen, wann dieser Zustand aufhört. Wann ich wieder ein zu Hause habe. Wann ich endlich wieder ihn habe. Wann wir endlich wieder zusammen sind.
Immer nur höre ich "Wir müssen schauen, wie er sich entwickelt".

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Ihr könnt selbst entscheiden, aus wessen Sicht das Kapitel geschrieben ist :)


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