Adrenalin schießt in ihre Körper, blitzschnell wenden sie sich voneinander ab, verfallen in eine Schockstarre und tun so, als würden sie sich nicht kennen. Das ist also diese Homophobie auf den Straßen, von denen auch oft im Zusammenhang mit Mexiko gesprochen wird. Eigentlich hätte den beiden klar sein sollen, dass sie auch hier nicht komplett frei von Vorurteilen, Ausgrenzung und Ekel, vielleicht auch Gewalt sind. Sie hatten sich jedoch so auf den Urlaub und die kommenden Tage gefreut, dass sie es irgendwie geschafft haben, den Fakt, dass 2021 immer noch Menschen Schwulenhass verbreiten, zu ignorieren.
Jetzt ist ihnen warm und kalt zugleich, sie können nicht einschätzen, welche Außentemperatur in der tropischen Stadt herrschen. Nach einigen starren Sekunden des Schreckens führen sie wieder minimale Bewegungen aus und blicken erst einander in die Augen und sehen sich dann um, wozu sie ihre Körper bewegen müssen. Noch immer liegt eine unglaubliche Spannung in der Luft, die sich erst durch ihr Ausatmen langsam wieder legt.
Das war nicht unbedingt eine neue oder unergründbare Erfahrung, sie hatten einfach nur nicht damit gerechnet, dass ihnen das hier und jetzt passieren würde.
"Alter, irgendwie hab' ich jetzt Hunger." sagt Felix dann, um die Stille zwischen ihnen zu brechen. Tommi nickt zustimmend.
Mit etwas mehr Distanz zueinander als vorher laufen sie wieder aus der Seitengasse heraus und schauen sich auf den nächsten Metern nach etwas Leckerem um. Überall gibt es Stände und Läden, die die verschiedensten Speisen anpreisen. Das Menü reicht von Tacos und Enchiladas über frisch gepresste Säfte und Eis. Zuerst entscheiden sie sich für die Maisprodukte von einem der vielen lieben Leute in Mexiko-City. Tommi überlegt sich, für 15-20 Pesos halben Liter Saft zu kaufe, zögert für Felix' Gesxhmack aber zu lange. Also bezahlt er kurzerhand. "Okay, dann kauf ich dir im Gegenzug aber einen Sombrero. Vielleicht auch aus Eigennützigkeit." hält Tommi entgegen, sieht sich um und hat bereits ein Bild davon im Kopf, wie sein Freund sich den typisch mexikanischen Hut stehen lässt. "Alter, Tommi das ist eine Touristenattraktion. Die tragen das hier nicht!" entgegnet Felix und lacht. "Hm. Schade. Aber sexy sähe das trotzdem aus."
"Jaja, mag sein." Den Klaps auf den Hintern erspart sich Felix. Er möchte das Risiko nicht noch einmal eingehen.
Während sie mit ihren kulinarischen Errungenschaften und etwas Abstand weiter durch die Straßen und Gassen laufen und die Hauptstadt entdecken, muss Felix unweigerlich die ganze Zeit an den Vorfall mit dem Mann denken. Eigentlich lässt er sich äußerlich nichts davon anmerken, doch Tommi kennt seinen Freund so gut, dass er die Zeichen deuten kann: Arhythmisches Atmen, wild hin- und herspringende Augen, fast schon unkontrollierter Gang, ein krampfartiges Festhalten an seinem Saft und allgemeine Starrheit in seinem Körper, die seine sonst so beeindruckende Geschmeidigkeit verdrängt hat.
Der gebürtige Detmolder verlangsamt seinen Schritt und zieht seinen Freund sanft an den Rand der Straße. "Felix, was ist los?" fragt er eindringlich und neigt seinen Kopf zu ihm nach unten.
Der Angesprochene schaut erst nach unten und dann überprüfend um sich herum, als wäre er ein Dieb in einem Supermarkt. "Ich will so krass Eine rauchen." stammelt er leise. Sein Blick ist voller Unbehagen und Schuld, Betroffenheit. Jetzt sieht sich auch Tommi verstohlen um und greift dann nach seiner freien Hand. "Hör zu. Wir gehen jetzt nochmal zurück ins Hotelzimmer und besprechen das in Ruhe, okay?" schlägt der Kölner vor und sieht seinen Freund eindringlich an.
"Hey, Felix." beginnt Tommi wieder, als sie gemeinsam auf dem Hotelbett sitzen. Ihr Essen und ihr Trinken steht auf dem Tisch. "Danke, dass du so ehrlich bist und es mir erzählt hast." fährt er fort und streichelt über Felix' Hand. Dieser nickt nur, als wäre es selbstverständlich.
Mit dem nächsten Satz zögert Tommi, kann noch nicht einschätzen, ob es die richtige Idee ist.
"Rauchen wir eine zusammen, wenn du mir versprichst, nicht anzufangen?"
Felix sagt erst einmal nichts.
"Ich will dich deswegen nicht zu irgendetwas anstiften oder auf dumme Gedanken bringen, ich will dich aber auch nicht bevormunden oder so."
Es folgt ein längere Pause, in de sie sich teilweise anschauen, teilweise umschauen. Aber immer bleiben ihre Hände und Schultern in Berührung.
Mit einem simplen "Tommi?" bricht Felix dann die Stille. Fast schon erschrocken dreht der Angesprochene sich zu ihm um und schenkt ihm seine volle Aufmerksamkeit.
"Ich will's versuchen. Nein, ich mach's. Ich schaff' das. Wir rauchen eine Zigarette gemeinsam. Abwechselnd. Jeder ein Zeug. Paff, pass sozusagen. Und danach rauche ich nie wieder. Nie, nie wieder. Hier und jetzt, das letzte Mal. Im Urlaub, in Mexiko, mit dir."
Der Kölner scheint erst nicht so recht zu wissen, was er von dieser Idee halten soll, nach einigen Sekunden Bedenkzeit stimmt er seinem Freund aber zu.
Danach lachen sie. Wahrscheinlich, weil sie den gleichen neuen, bescheuerten Einfall hatten: Sie bestellen sich eine einzige Zigarette von der Hotelrezeption.
"Aber du rufst an." sagt Felix herausfordernd und sein Blick sieht nicht so aus, als würde er sich davon abbringen lassen.
Beinahe beschämt bestellt Tommi per Telefon die Zigarette, in gebrochenem Spanisch mit einzelnen englischen Wörtern zwischen drin. Leider spricht in Mexiko kaum jemand Englisch, wie sie auch schon auf ihrer Erkundungstour schmerzlich herausgefunden haben. In der Zwischenzeit essen sie ihre Mahlzeit noch auf.
Tatsächlich halten sie nur wenige Minuten später eine Zigarette, die auf einem goldenen Tablett gebracht wurde, in ihren Händen.
Felix steht von dem Bett auf und geht zu seinem Koffer, der in der Ecke steht, kniet sich hin und fixiert Tommi mit seinem Blick so, dass dieser seinen Bewegungen visuell folgen muss. Der Kleinere legt die Hand an eine der kleinen Seitentaschen, die nie jemand benutzt und wenn sie zufällig geöffnet werden, findet man darin eine halbleere Packung Taschentücher, Kondome oder nie vermisste Kabel findet. Verstohlen greift Felix in die Tasche und umschließt einen kleinen Gegenstand mit seinen Fingern. Dann steht er wieder auf, ohne ein Wort zu sagen oder sein Geheimnis zu verraten. Die Hand lässt er in der Hosentasche veraschwinden. Mit dem Kopf nickt er Richtung Balkon und steigt dann vorsichtig über die kleine Stufe, die das Zimmer von ihrem erweiterten Aussichtspunkt trennt und wartet dort auf Tommi.
Dieser will gerade fragen, ob sie die Zigarette mit Luft und Liebe anzünden, als Felix ihm endlich offenbart, was er versteckt hat: Ein Feuerzeug. Um genau zu sein, letztes Feuerzeug. Sein erstes hat er leider nicht mehr, weil Rauchen für ihn so banal und alltäglich geworden war. "Das ist...war...mein Lieblingsfeuerzeug." kommentiert er milde lächend das Objekt auf seiner flachen Handfläche, über das sie sich beugen, als wäre es eine verbotene Droge. Bedächtig greift Felix nach dem Clipper und schaut sich das Motiv an: ein Nilpferd. "Aha, der Nil-Mörder also." kommentiert Tommi lachend. "Ja, das ist auch einfach eine sehr schöne Folge." schiebt Felix ein und erinnert sich an die Folge. "Da haben wir über den Comedypreis geredet...und der war dann richtig gut." grinst er dreckig.
Tommi lacht, nimmt Felix' Kopf, drückt ihn in seine Richtung und gibt ihm einen Kuss auf die Haare.
"Also, wer macht an?" fragt er, der endlich zur Sache kommen will.
"Du hältst, ich zünde." lautet der indiskutable Konsens, der durch zweifaches Ncken Bestätigung findet.
Es ist ein magischer Moment, beide zittern leicht.
Als das weiße Ende brennt, passiert erst einmal nichts.
"Mir dir tut es nur noch halb so weh." flüstert Felix, als verrate er ein Geheimnis. "Danke, dass du mir dieses Vertrauen schenkst." erwidert Tommi lächelnd.
"Versprechen wir uns, dass wir das nie wieder machen?"
"Ja. Versprochen. Nie wieder."
Ein Handschlag, dann ein Zug.
"Weil Nikotin eklig schmeckt."
Ein Zug.
"Weil es stinkt."
Ein Zug.
"Weil es im Hals und in den Augen brennt."
Ein Zug.
"Weil es teuer ist."
Ein Zug.
"Weil ich andere dazu zwinge, passiv zu rauchen."
Ein Zug.
"Weil ich die Kontrolle verliere."
Ein Zug.
"Weil die haut Haut dadurch schlechter wird."
Ein Zug.
"Weil es ungesünder aussehen lässt."
Ein Zug.
"Weil es der Lunge schadet."
Ein Zug.
"Weil es die Potenz senkt."
Ein Zug.
"Weil es das Krebsrisiko steigert."
Felix selbst drückt den Stummel im sauberen Aschenbecher aus, dann schauen sie sich in die Augen. Ihre Köpfe bewegen sich aufeinander zu, sie küssen sich.
"Und weil einen Raucher zu küssen nicht schmeckt."
"Wir machen das nie wieder."
Jooooo okay ein Kapitel kommt noch aus Mexiko. An alle Raucher:innen: vielleicht sind das ja Gründe, um aufzuhören. Hat bei mir auch geklappt ;)
Viel Erfolg und ballert mal die Kommentare voll :)🤙✌
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Platzierte, verkopfte, elegalante Gemischtes Hack Story
AléatoireKreativerer Titel kommt vielleicht noch,aber so wisst ihr wenigstens, worum es geht. Für die Tzex-Ferkel: Kapitel 18: Felix top, Sicht Felix Kapitel 57: Felix top, Sicht Tommi Kapitel 69: Tommi top, Sicht Tommi Kapitel 100: Tommi top, Sicht Felix Ka...
