#46 Nachhaltig Bumsen

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Perspektive Selina

Dass Tommis Gesichtsausdruck während des Telefonats immer besorgter geworden ist, hat mich am Anfang gestört. Soweit ich weiß, ist Julian der Bruder von Felix und ich frage mich, warum er nicht einfach selbst anrufen kann. Felix war nicht gut drauf am Morgen- sah müde und kaputt aus, einfach verschlafen, schätze ich. Dass es ihm so schlecht geht, dass sein Bruder wegen seiner Belange anruft, kann ich mir absolut nicht vorstellen.
Ich kenne Felix nicht gut, seine Familie umso weniger. Das Verhältnis zwischen Geschwistern war für mich als Einzelkind eh noch nie so ganz greifbar, aber auch bei Thomas und seinem Bruder habe ich diese besondere, magische Verbundenheit schon oft beobachten können.
Klar kann ich mir vorstellen, dass Julian und Felix viel füreinander tun.
Aber kann es Felix wirklich so schlecht gehen?

Nur, dass Tommi auffällig kurz angebunden ist, bereitet mir langsam Sorgen. Wir kennen uns schon einige Jahre und ich weiß mittlerweile, dass etwas gehörig nicht stimmt, wenn seine Hände rote Flecken bekommen, offensichtlich schwitzig werden und nervöse Bewegungen machen, die eigentlich untypisch für ihn sind. Zittern oder Trommeln zum Beispiel, wobei mich Letzteres in Kombination mit den Stimmen beim Fahren ziemlich nervt.
Gerade will ich ihn in meinem Ton bitten, das zu unterlassen, jedoch bemerke ich zunehmend mit jeder Sekunde, wie wichtig es zu sein scheint.

Leise seufzend kneife ich kurz die Augen zusammen, presse die Hände gegen das Lenkrad und konzentriere ich mich wieder auf den Straßenverkehr und biege in unsere Straße ein. Tommis Aussage, dass wir uns schon vor der Haustür befinden, ist nämlich gelogen. Auch untypisch für ihn, was mich noch mehr zweifeln lässt.

Als wir stehen, sehe ich meinen Freund seit wir losgefahren sind zum ersten Mal wieder richtig an: er ist blass, seine Augen zucken nervös und sein Blick schwirrt unruhig hin und her. Die Stille, die das Auto auf komische Weise erfüllt, ermöglicht es mir, die Schweißperlen auf seiner Stirn eindeutig zu zählen.
Wenig zögernd greife ich nach seiner linken Hand, die fahrig über seine Hose rutscht.
Ich kann ihn nicht davon abhalten, meinen Fragen aus dem Weg zu gehen.
Er räuspert sich.
Wir haben nie viel über Probleme mit anderen Freunden oder der Familie geredet. Wenn wir Menschen gemeinsam kennen, ja. Aber auch nur, um unser Zusammenleben zu vereinfachen.

"Tommi?" frage ich, ohne zu wissen, ob meine Lautstärke adäquat ist. Zumindest sein Kopf verrät mir, dass er mich gehört hat, indem er sich zu mir dreht- wenn auch verwirrt verzögert.
Er sagt nichts. Wenigstens ein fragendes "Ja?" hätte ich erfahrungsgemäß erwartet. Einige Sekunden, in denen unsere Blicke auf dem anderen ruhen, mal besonnener, mal hektischer, warte ich ab, doch er bleibt still.
"Bitte rede mit mir, wenn dich etwas belastet."

Sein zittriges Ein- und Ausatmen lässt eine Zeit verstreichen, in der er über eine Antwort nachzudenken scheint. Hinter seinen blauen Augen rattert es gewaltig, ohne ihm die Möglichkeit zu bieten, das Wirrwarr in Worte zu fassen.
Das Gefühl in meiner Hand verstummt, bis er sich plötzlich abschnallt, die Tür öffnet und unverhofft aussteigt.
Perplex tue ich es ihm gleich und es bleibt auch still zwischen uns, als wir unsere Sachen aus dem Auto räumen. Das einzige Geräusch, welches unsere Gedanken unterbricht, ist das Klimpern des Schlüssels, als ich aufschließe.

Versucht, Tommis Stummheit zu ignorieren, stelle ich die Sachen in den Flur, schiebe sie mit dem Fuß an die Wand und sehe mich mit kurzem Kontrollblick in der Wohnung um. Bestätigend nicke ich und sehe wieder zu meinem Freund, welcher regungslos im Raum steht. Wenigstens sieht sein Blick weniger teufelsbesessen aus.
"Hast du Hunger?" frage ich leise und streife vorsichtig über seinen Arm. Als Reaktion schüttelt er den Kopf und bewegt sich ungehindert auf das Wohnzimmer zu.
Ratlos seufzend laufe ich ihm mit einigen Sekunden Abstand hinterher und stelle mich hinter das Sofa, auf das er sich gesetzt hat.
Bedacht lege ich meine Arme um seine Schultern und stütze mein Kinn auf der linken ab. Er reagiert nicht darauf.
"Bitte rede mit mir. Ich mache mir Sorgen."
Ich gebe ihm einen stummen Kuss an den Hals und warte mit geschlossenen Augen auf eine Antwort.

Mit den Minuten passe ich meine Atmung an seine an und realisiere, wie unregelmäßig sie ist. Ein komisches Vibrieren geht von seinem Kopf aus. Vielleicht bilde ich mir das auch nur ein.
Ich seufze resigniert und löse mich von ihm, massiere kurz seine Schultern und sage: "Ich geh' zum Bäcker, was zu essen holen, ja?"
Dass ich keine Antwort erhalte, war mir klar.
"Ich denke an dich, keine Sorge." füge ich für mein eigenes Vollkommenheitsgefühl hinzu, verlasse das Wohnzimmer, ziehe meine Jacke an und schnappe mir Autoschlüssel und Portemonnaie.

Als ich allein im Auto sitze, benötige ich einige Sekunden, bis ich losfahren kann.
Ungläubig wärme ich unnötig lang den Fahrersitz für keinen Nachfolger an und schießt schlagartig in den Kopf, wie oft Thomas schon für mich da war, wenn es mir scheiße ging. Ich beschließe, dass ich jetzt mindestens doppelt so sehr für ihn da sein muss. Diese Abwesenheit, die mir an ihm so unendlich fremd vorkommt, verbildlicht sich wie ein Dämon vor meinem inneren Auge und veranlasst mich dazu, mich stracks auf den Weg zum nächsten Bäcker zu machen.
Ich muss ihm helfen.
Koste es, was es wolle.

Zunächst kosten mich die drei Stück Kuchen, zwei belegten Mini-Baguettes und das doppelte Brötchen 9,30€.
Unentschlossen schaue ich mich auf dem Supermarktparkplatz um und überlege, was ich noch tun könnte, um Tommi aufzuheitern. Der traurig aussehende China-Imbiss-Wagen scheint mir anhand des Essens auf dem Beifahrersitz keine valide Option mehr. Das alternative Geschäft für Bio-Wolle und -Kleidung fällt zusammen mit der Takko-Filiale ebenfalls weg.
Ein unbeabsichtigtes Lächeln schleicht sich auf meine Lippen, als ich daran denken muss, wie Tommi vor einigen Monaten aus einer komischen Laune heraus in den Bio-Laden gegangen ist.
Mit breitem Grinsen ist er damals wieder ins Auto gestiegen und hat mir erzählt, dass er sich mit der zum Geschäftskonzept passend aussehenden Verkäuferin unterhalten hat und sie ihn über das nächste, mit großem Potenzial ausgestattete Produkt informiert hat: wiederverwendbare Kondome in Filztasche.
Wieviel er dazugedichtet hat und was tatsächlich passiert ist, kann ich nicht sagen; niemand von uns ist je wieder durch diese Tür gegangen.
Lustig war es trotzdem auf jeden Fall und ich vermisse diese Art von ihm.
"Nachhaltig Bumsen" hatte er es genannt und sein Lachen hallte durch das Auto, ausgehend von dem Beifahrersitz, auf dem er damals saß und auf dem jetzt nur trist die Bäckertüten liegen.
Während meines Rundumblickes nach anderen Verkehrsteilnehmern fällt mir auf, dass es der gleiche Parkplatz ist.

Als ich das Wohnzimmer wieder betrete, sitzt Tommi immernoch auf der Couch und starrt teilnahmlos am Fernseher vorbei ins Leere. Das Handy in seiner linken Hand erfüllt absolut keine Funktion, so als wäre es nur Deko. Er hält es aber so, als hätte er es eben noch benutzt und nur für einen Moment des Überlegens aus seinem Sichtfeld entfernt, um befreiter denken zu können.
Dieser Moment scheint nun jedoch schon länger anzuhalten; als ich die Tür schließe, den Schlüssel neben der Tüte auf dem Tisch ablege und meine Jacke ausziehe, geht er nicht auf meine Anwesenheit ein.
Sogar, als ich direkt neben ihm stehe, dauert es einige Sekunden, bis er mich wahrnimmt. Er erschrickt sogar richtig, als ich mich neben ihn auf die Armlehne setze und ihn sanft berühre.
Meine Besorgnis steigt ins Unendliche. So abwesend ist er wirklich nie.
"Ich war beim Bäcker."
Ein leichtes Nicken seinerseits nehme ich war, was aber nicht zu bedeuten scheint, dass er etwas essen will.
"Kuchen. Und Brötchen. Belegt und trocken."
Keine Reaktion.
"Schatz, bitte iss 'was. Wenigstens ein Bissen."

Er springt auf, ich erschrecke mich.
"Ich muss zu Felix."

Ich weiß, bisschen sehr Fanfiction-Kitsch-lastig, aber gebt es zu, ihr hättet mir sonst den Kopf abgehackt ☝️🤣
Wo wünscht ihr euch, dass es im nächsten Kapitel weitergeht?

Platzierte, verkopfte, elegalante Gemischtes Hack StoryWo Geschichten leben. Entdecke jetzt