#108 Schnappschildkröte

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Jooo ich lebe auch noch :D Hier mein Adventsgeschenk für euch. Viel Spaß! Anschluss an 107 (LOL)

Perspektive Thomas "Tommi" Schmitt
Schlagartig ändert sich mein Gesichtsausdruck, als ich ihre Nachricht lese. Ansa hat zwar einen sehr direkten Charakter, aber irgendwie habe ich im Gefühl, dass das hier ernster ist als sonst.
Handys sind am Set ja eigentlich nicht erlaubt und irgendwie ist ja auch der Control Room ein Set. 
Höflich frage ich Bully, ob ich für ein wichtiges Telefonat kurz rausgehen könne. Ohne zu zögern nickt er und sagt "Jaja, mach nur.". Sein freundliches Lächeln dazu ermutigt mich, ich bedanke mich mit einem netten Blick und verlasse das Studio.

Ich antworte nicht einmal mehr Felix, sondern wähle sofort Ansas Nummer. Mein Herz schlägt mir bis zur Brust, während ich das Gerät langsam Richtung Ohr bewege und tief einatme.
"Thomas, hallo."
Ihre Stimme klingt nicht belustigt.
"Du weißt, was im Vertrag mit Amazon drin steht. Und du weißt auch, was in deinem Vertrag mit uns steht."
Sie seufzt, ich nicke, was sie nicht sieht.
"Je länger du dabei bist und nicht lachst, desto mehr Screentime und desto mehr Kohle bekommst du."
"Ja. Ich weiß." erwidere ich und möchte eigentlich noch etwas sagen, werde aber unterbrochen.
"Thomas, du weißt auch, dass wir dich nur mit Müh und Not in die Agentur aufgenommen haben. Wir haben uns mehr von dir erhofft. Dein Vertrag steht auf der Kippe."
Ich muss schlucken. Scheiße. Zur Not frage ich bei Becci an. 
"Warst du denn wenigstens in der kurzen Zeit aktiv und im Vordergrund?" will sie wissen, ihre Stimme klingt hoffnungsvoll.
Ich kann ihr diese Hoffnung nicht erfüllen und schüttele ertappt den Kopf. Das sieht sie natürlich nicht. Daran denke ich aber nicht.
"Tommi?" hakt sie erneut nach. Wenigstens ist sie jetzt auf meinen Spitznamen übergesprungen. Der andere klingt immer so, als hätte ich irgendetwas angestellt. Wobei, eigentlich habe ich das ja auch.
"Nein." antworte ich endlich. "Ich hab' nur einmal was Vorbereitetes gemacht. Und sonst war ich eigentlich nur im Hintergrund." beichte ich mit trauriger Stimme. Ich fühle mich wirklich schlecht und schuldig.
"Hm. Man, Tommi, wir hatten uns mehr Ertrag von der ganzen Sache gewünscht. Es ist klar, dass du nicht so viel Sendezeit bekommen wirst."
"Vielleicht können wir noch Verhandlungen antreten, wenn ich jetzt noch aktiver werde. Gegen Ende zumindest." biete ich an.
Einerseits scheint sie erleichtert über meinen ersten konstruktiven Vorschlag in diesem Gespräch, in ihrer Stimme schwingt allerdings keine überzeugte Hoffnung mit. "Das mit dem Verhandeln überlässt du mal schön uns. Du konzentrierst dich jetzt auf die Show. Viel reagieren und witzig reagieren. Vielleicht kannst du ja sogar nochmal raus. Sodass sie dich quasi reinschneiden müssen."
"Ja, okay, machen wir so. Danke." schließe ich. Dann legt sie auf.

Für die nächsten Sekunden stehe ich wie angewurzelt da und lasse mich von zwei inneren Stimmen anschreien. Die eine klingt fast wie die von Ansa. Sie ist geld- und ruhmgierig. Die andere erinnert an die von Felix. Sie zieht mich mit Liebe an. Viel lieber würde ich jetzt mit ihm schreiben, wenn wir uns schon nicht sehen können. Andererseits hängen meine Karriere und mein Leben von ersterer ab. Felix kann ich auch die nächsten Wochen, Monate und Jahre noch sehen, wenn ich jetzt nicht all meine verbliebene Energie in ihn stecke. Leider funktioniert das analog zu meiner Agentur nicht.

Während ich meinen Entschluss fasse, fällt mir das mit der Erpressung und dem Geld, das ich Felix und Becci noch schulde. Spontan tätige ich die Überweisung, weil ich weiß, dass ich das sonst wieder vergesse. Das teile ich meinem Freund kurz mit und finde damit doch noch eine legitime Möglichkeit, um ihm zu schreiben. Er verdreht die Augen, was ich bis hier spüre. 

Nachdem ich den Flugmodus aktiviert habe, lasse ich mein Handy wieder in die Hosentasche gleiten und betrete zielstrebig wieder das Studio. Wie versprochen konzentriere ich mich die nächsten Stunden voll und ganz auf die Show, um Ansa nicht zu enttäuschen. Nur wenige Male schweifen meine Gedanken zu Felix ab. Ich glaube, auch mit meinem erneuten Studioauftritt konnte ich noch einiges rausholen.

Als ich mit Anke wieder in Bullys Control Room sitze, passiert mir ein fataler Fehler. Ich schicke Felix ein großes, rotes Herz, darüber kann man noch unsere Sex-Nachrichten sehen. In einem Moment der Unachtsamkeit lasse ich den Bildschirm an und Anke schaut eher zufällig darauf, liest aber alles sofort. Scheiße. Wir sind aufgeflogen. Unsicher schaue ich Anke Engelke an, sie schaut zurück und runzelt die Stirn. "Felix...Lobrecht!?" fragt sie lauter als nötig. Ich beiße mir auf die Unterlippe. Zum Glück ist Bully bei den anderen und wir hören nur die Leute im eigentlichen Studio und nicht andersherum. Ankes Blick wird immer eindringlicher. Ich will nicht lügen, mich nicht rausreden, uns nicht mehr verstecken. Also nicke ich. Erst langsam, dann so, dass man es nicht mehr uminterpretieren kann. Bully betritt den Raum wieder. "Woar, krass! Das hätte ich nie gedacht! Ihr wart doch immer nur Podcast-Kumpels! Bist du nicht eigentlich auch mit Caro Daur zusammen?" ruft sie aus und erregt unweigerlich Bullys finale Aufmerksamkeit. Auf so ein spontanes, unfreiwilliges Outing war ich nicht vorbereitet. Jetzt schaut Bully zu uns hinüber, eher mich an.
"D-Das mit Caro ist nur eine Alibibeziehung." antworte ich stotternd. 
"Aber warum steht ihr nicht öffentlich dazu? Schwul zu sein ist doch im 21. Jahrhundert kein Verbrechen mehr." führt Anke weiter aus und überfordert mich total. Zum Glück sagt Bully nichts, das hätte mir noch gefehlt. Interessiert dreht Anke ihre  Körper zu mir und stützt den Arm auf die Lehne, um mich direkt ansehen und meiner Antwort folgen zu können. Ich sitze neben ihr ganz klein, wie ein Kind, das Süßigkeiten geklaut hat und erwischt wurde. Ich spüre, wie sich eine schwere Maske des Unbehagens auf mein Gesicht legt.
"Kannst du bitte nicht so ein großes Ding draus machen?" bitte ich verzweifelt. In meiner Perplexität ergänze ich "Kann man das bitte, bitte rausschneiden?" wahllos in den Raum. Wer auch immer das jetzt gehört hat, ich hoffe, dass es ankommt. Alles andere kann ich Felix nicht antun.

Im nächsten Moment ist Bully meine Rettung. "Könnt ihr das nach dem Dreh besprechen? Es hat wieder jemand gelacht." 
Ich nicke und atme auf. Zur Ablenkung werfe ich einen kurzen Blick auf die unzähligen Monitore vor uns und erblicke Kurt Krömer, wie er die Bewegungen einer Schnappschildkröte nachahmt. Irritiert wende ich mich wieder Anke zu, die mich immer noch erwartungsvoll anschaut.
Während ich von außen vielleicht ruhig und gelassen aussehe, tobt in mir wieder dieser Kampf. Dieser Kampf, den wahrscheinlich niemand gewinnen kann. Felix schreibe ich vorerst nicht mehr. Anke und ich bauen eine eigenartige wortlose Distanz auf, von der ich hoffe, dass sie wieder verschwindet. Weil eigentlich mag ich die Frau.

Nachdem der Gewinner feststeht, sitzen wir noch in kleinen Grüppchen zusammen. Über mir hängt der Schleier meines Outings, intransparent und schwer. Ich traue keinem der Anwesenden Homophobie zu, aber das bedeutet nicht, dass ich meine Beziehung zu einem Mann herausposaune. Bevor ich noch einmal zu Anke gehe, hole ich mir ein weiteres Bier.
"Hallo." sage ich selbstsicher, als ich mich an ihren Tisch stelle. Bei ihr stehen noch Klaas und Tahnee- die perfekte Kombination. Wenn wir in dieser Konstellation bleiben, könnte die Runde echt entspannt werden. Außerdem ist sie von Felix abgesegnet. Sie begrüßen mich nett und ich stoße mit Klaas an. In Ankes erwartungsvollem Gesichtsausdruck kann ich lesen, dass sie Redebedarf hat. Also atme ich tief durch und beginne zu sprechen.

"Ich bin mit Felix Lobrecht fest zusammen. Wir haben vor, zusammenzuziehen und gemeinsam in den Urlaub zu fahren. Wir sind glücklich zusammen. Caro Daur weiß davon und hat sich dazu bereiterklärt, meine Alibifreundin zu spielen. Bisher wissen es nur unsere engsten Vertrauten."
Mit einem eindringlichen Blick versuche ich, dem letzten Satz Nachdruck zu verleihen und hoffe inständig, dass ich keinen folgenschweren Fehler begangen habe.

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