Heute ist der Tag. Der Tag von Felix' Darmspiegelung und der Tag von Tommis Abreise. Zugegeben ungünstig gelegt, aber sie können es nicht ändern. Es ist kurz vor elf, für beide eigentlich viel zu früh, um irgendwie zu irgendeinem Krankenhaus zu fahren.
Noch leicht verschlafen setzen sie sich in Felix' Auto und Tommi startet den Motor, rollt langsam vom Parkplatz. Zum Krankenhaus sind es ein paar Minuten. Felix neben ihm auf dem Beifahrersitz gähnt. Er hat kaum geschlafen.
"Hast du Angst? Bist du aufgeregt?" fragt der Kölner sanft und wirft einen schnellen Blick zu seinem Freund.
"Nein." antwortet dieser, klingt aber nicht gerade von sich selbst überzeugt. Tommi weiß, dass Felix Narkosen und das unaufhaltbare Gefühl des Kontrollverlustes, des Einschlafens, des Wegseins hasst. Aber es spricht es nicht aus. Nur sein Körper kommuniziert das und Tommi versteht ihn.
Felix hat die Beine auf das Sitzpolster angezogen
und wippt auf und ab, als hätte er das erste Mal Alkohol und davon viel zu viel getrunken. Besorgt versucht Tommi, sich sowohl auf den Straßenverkehr und das Handynavi als auch auf seinen Freund zu konzentrieren. Zum Glück fahren sie nicht mehr lang.
Der Kölner parkt Felix' Auto extra in der hintersten Ecke des riesigen Parkplatzes und lässt es im Fahrerraum ruhig werden.
"Ich sag dir jetzt schonmal was, bevor wir dann gemeinsam reingehen. Behalte das bitte im Kopf." flüstert er, fast zu leise, aber Felix versteht es. Tommi nimmt Felix' linke Hand in seine beiden Hände und umschließt sie fest.
"Ich hab dich."
Sie schauen einander an, ihre Gesichter sind ganz nah. Tommi schaut Felix tief in die Augen und lehnt dann seine Stirn gegen die von Felix.
Dieser drückt fest seine Hand. Tommi hofft inständig, dass Felix jetzt nicht anfängt zu weinen.
"Keine Angst, ich bin auch noch da, wenn du wieder da bist. Ich warte auf dich. Ich hole dich ab. Genau da, wo ich dich in die professionellen
Hände der Ärzte übergebe, ja?" sagt er und schaut seinen Freund eindringlich an.
Danach fällt sein Blick auf die Uhr.
"Wir müssen rein, sonst verpasst du deinen Termin."
Felix nickt schwach und öffnet die Autotür.
Gemeinsam gehen sie rein, kurz vorher flüstert Tommi noch einen einschneidenden Satz.
"Denk dir 'ne Geschichte aus und die erzählst du mir dann auf dem Weg zurück, bevor ich zum Bahnhof muss.".
Felix' Gesicht wird schlagartig traurig, weil es ihn daran erinnert, dass sein Geliebter ihn verlässt, kurz nachdem er aus der Narkose wieder aufwacht und sich noch nicht einmal richtig von ihr erholt hat. Mit trübsinniger Miene schaut er drein und sein Blick sagt "Ich kann nicht ohne dich.".
Auf Station geht die Anmeldung verhältnismäßig schnell. Etwas zu schnell für den Berliner. In ungefähr zwei Stunden soll er von seinem Freund wieder abgeholt werden, sagen die Schwestern. Tommi sieht, dass Felix' Stirn zittert. Den anderen scheint das nicht aufzufallen, zumindest nicht negativ und nicht erwähnenswert. Aber Tommi sieht die Mikrogestiken seines Freundes und kann sie deuten. Sowas hat er zwar noch nie gesehen, aber er weiß, dass es Felix nicht gut geht. Und es tut ihm weh, ihm allein zu lassen. Aber er darf nicht bleiben.
"Ja, dann bis dann." sagt der Neuköllner tonlos. Niemand weiß, ob er lächelt. Nicht einmal er selbst.
Wider Erwarten sieht Tommi Felix' blaue Augen über dem Mundschutz, den er trägt, nicht mehr blitzen und es scheint, als müsse er sich fast überwinden, das zu sagen, als wäre es ihm unangenehm.
Als Tommi Felix wieder abholt, sind seine Augen glasig. Aber auch das sieht wieder nur er. Der Kleinere ist noch etwas wackelig auf den Beinen, freut sich jedoch enorm, Tommi zu sehen und will so schnell wie möglich aus diesem Krankenhaus raus. Auf Empfehlung der Schwester hakt er sich bei seinem Freund ein und wie ein altes Ehepaar spazieren sie durch die riesigen Kliniktüren nach draußen in die Freiheit. Auf ihrem Weg zum Auto atmet Felix tief ein und aus und lächelt sogar ein bisschen.
"Weißt du schon was?"
"Nee, die Ergebnisse kommen in ein paar Wochen."
Als sie im Auto sitzen und Tommi losfahren will, legt Felix die Hand auf seinen rechten Unterarm und schaut ihn an. "Warte mal." sagt er gelassen.
"Ich will dir erst noch meine Geschichte erzählen, die ich dir versprochen hab'".
Geerdet lässt der Kölner seine Hand vom Schalthebel sinken, nimmt den Fuß vom Pedal und entspannt seinen Körper. Seine gesamte Aufmerksam liegt nun auf dem kreativen Erguss seines Freundes.
"Also. Da waren Frösche in der Elbe. Und ich war's. Für dich. Die hab' ich auf der Brücke in dem Park, wo wir spazieren waren und zusammengeschlagen worden, in den Landwehrkanal gesetzt. Dit is' ja irgendwie Spree oder so. Auf jeden Fall sind die dann quer durch Deutschland gehüpft und durch alle Flüssen und waren irgendwann irgendwie in der Elbe und im Rhein und dann bei dir. Frag nicht. Frag auch nicht, woher ich die scheiß Frösche hatte."
Die Story hört abrupt auf, Tommi hebt zweifelnd die Augenbrauen.
"Sicher, dass du keinen Fiebertraum oder so hattest?" will er wissen.
"Nee, aber können wir jetzt nach Hause? Dann kann ich dich nochmal privat genießen." fordert Felix unbeirrt. Der Fahrer zuckt mit den Schultern und startet den Motor.
Während der Fahrt schaut Felix aus dem Seitenfenster. Alles zieht ganz schnell an ihm vorbei, gleichzeitig fühlt es sich an, als befände er sich in einer Zeitlupe. Innerhalb weniger Sekunden kommt sein Kopf in der Realität an: Dass Tommis Zug in zwei Stunden fährt. In dieser Zeit muss Felix wieder in seine Wohnung, weil er wegen der Narkose heute nicht mehr Auto fahren darf, die beiden müssen sich verabschieden und Tommi muss mit der Bahn zum Bahnhof. Der zweite Punkt wird wohl der schwerste.
Und wie immer ist die Zeit knapp. Zu knapp für ihr Vorhaben.
Felix denkt über diese vier Buchstaben nach: Z E I T, ordnet sie alphabetisch: E I T Z und kommt dann zu dem Entschluss, dass er ihr nicht entfliehen kann.
Zeit ist komisch.
Einerseits ist sie eine Erfindung der Menschheit. Eine physikalische, quantifizierbare Größe. Andererseits ist sie so unglaublich omnipräsent und selbstverständlich, dass wir uns oft nicht einmal wirklich Gedanken über sie und ihren Einfluss machen.
Zeit ist nie richtig, wenn man sie braucht. Tommis Zivildienst in der urologischen Ambulanz war oft geprägt von langwierigen Phasen ohne akute Notfälle. Seit er mit Felix zusammen ist, gibt es nie genug Zeit, die sie miteinander verbringen können und immer zu viel Zeit, die zwischen ihren Treffen liegt.
Tommi weint, als er sich verabschiedet. Felix nimmt sein Gesicht in seine Hände und wischt mit den Daumen sanft die Tränen von der Wange. Der Kölner kann bereits jetzt voraussagen, dass er in den nächsten Tagen hässliche, starke Einblutung auf den Wangen haben wird.
Sie sind einander ganz nah, Felix sieht jede einzelne Träne in Tommis Augen.
"Bleib stark, okay?"
Aaaaargh ich merke beim Schreiben wieder etwas, was schonmal letzten Dezember auftrat: Ich hab das Gefühl,dass es so rüberkommt, als zeige Felix viel mehr Commitment zu ihrer Beziehung als Tommi. Liegt aber daran, dass ich mich selbst mit Felix mehr identifizieren kann und deshalb der Fokus öfter auf ihm und seiner Gefühlswelt liegt. Fällt euch das auch auf bzw stört euch das?
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Platzierte, verkopfte, elegalante Gemischtes Hack Story
DiversosKreativerer Titel kommt vielleicht noch,aber so wisst ihr wenigstens, worum es geht. Für die Tzex-Ferkel: Kapitel 18: Felix top, Sicht Felix Kapitel 57: Felix top, Sicht Tommi Kapitel 69: Tommi top, Sicht Tommi Kapitel 100: Tommi top, Sicht Felix Ka...
