#131 Bottom Line

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Ich hasse Krankenhäuser. Ich hasse alles an ihnen. Der Parkplatz, auf dem ich stehe, sieht ja noch ganz neutral aus. Ein riesiger Parkplatz eben, könnte genauso von einem Einkaufszentrum oder einer Veranstaltungshalle sein.
Bevor ich aus dem Auto aussteige, versuche ich sowas wie meine innere Mitte zu finden. Denn ich weiß genau, dass, sobald mir das große Kliniklogo und die Häusertafel vor dem riesigen Haupteingang näher kommen und ich diesen typischen Krankenhausgeruch wahrnehme, mein Kopf in einen Modus schaltet, aus dem ich alleine nicht mehr herauskomme.
Und die einzige Person, die mir so richtig dabei helfen kann, liegt gerade im Koma.
Jede einzelne Sekunde der Fahrt habe ich verflucht, dass Köln und Berlin so verdammt weit voneinander entfernt sind.

Noch weitere fünf tiefe Atemzüge nehme ich, bevor ich mich auf den Weg Richtung Hauptgebäude mache.

Mit einem hochroten Kopf und einem bestimmt sehr ungesund hohem Puls bahne ich mir den Weg auf die Intensivstation, vorbei an unzähligen Türen, Fenstern, Menschen in Krankenhauskleidung und ohne, Stationen und Säle. Bis irgendwann diese wilde Zahlen- und Buchstabenkombination, die die ganze Zeit wie eine Fliege in meinem Kopf herumschwirrt, ganz groß an einer breiten Doppeltür steht.
Noch einmal atme ich tief durch und klingele dann.
Hatte ich das Auto zugeschlossen?
"Ja, hallo, Lobrecht mein Name. Ich hatte angerufen wegen Herrn Schmitt."
"Achso, ja, Sie sind der Verlobte, richtig? Kommen Sie gerne rein." lächelt mich eine junge Krankenschwester in grünem Kasack an. Ich schlucke, nicke dankend.
"Wir bräuchten dann noch ein paar Informationen über ihn, da können Sie uns sicherlich weiterhelfen. Er war bei Eintreffen des Rettungsdienstes nicht mehr ansprechbar und es wurde kein Notfallpass oder Ähnliches gefunden."
Wir laufen den breiten Gang entlang, links und rechts sind riesige Türen. Anfangs versuche ich noch mitzuzählen, verliere dann aber den Überblick und konzentriere mich darauf, die Schwester nicht aus dem Blick zu verlieren.
"Er liegt hier in Zimmer 7, das hintere Bett. Sie können gleich zu ihm, erst einmal habe ich ein paar Fragen. Hat er irgendwelche Vorerkrankungen?"
Ich überlege kurz, schüttele dann den Kopf.
"Dementsprechend nimmt er auch keine Tabletten regelmäßig ein?"
Wieder schüttele ich den Kopf. "Nein."
"Okay, super, vielen Dank. Hat er irgendwelche Allergien?"
"Nein, nicht dass ich wüsste."
"Gut. Danke."

Ich fühle mich wie ein Kleinkind in einem Polizeiverhör. Dabei meint sie es ja auch nur gut.
Doch, ziemlich sicher habe ich den kleinen Knopf an der Fernbedienung gedrückt.
"Super, dann können Sie jetzt zu ihm. Zimmer 7, mit Blick aus dem Fenster." sagt sie und lächelt, beinahe so, als wäre sie auch traurig, dass er nicht hinausschauen kann. "Wie Sie ja sicherlich wissen, hatte er einen schweren Autounfall und wurde zu seinem Schutz intubiert und ins künstliche Koma versetzt. Das Schlüsselbein ist gebrochen, die Milz und Teile des Darms sind betroffen, wahrscheinlich auch das Kreuzband. Genaueres können wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht absehen."
Ich wäre in diesem Moment sehr gerne super stark. So wie meine Mama es von mir gewollt hätte. Aber jetzt, wo die Schwester vor mir steht und mich alles um uns herum an die Zeit erinnert, in der ich die wichtigste Person in meinem Leben verloren habe, kann ich einfach nicht. Wie gerne hätte ich jetzt Micha in der einen und meinen Vater an der anderen Hand.
"Soll ich mitkommen? Um ehrlich zu sein, sehen Sie gerade nicht so aus, als würden Sie das alleine schaffen."
Ich nicke nur. Dann machen wir uns gemeinsam auf den Weg zu Zimmer 7, hinteres Bett. Fensterblick. Ich laufe hinter ihr, trotzdem gebe ich  das Tempo vor.
Ich krame den Autoschlüssel aus meiner linken Hosentasche und drücke auf den Knopf mit dem geschlossenen Schloss. Dass das total irrational ist, weiß ich. Trotzdem gibt es mir Sicherheit. Sicherheit, die Tommi mir gerade nicht geben kann.
Bevor sie die Tür öffnet, dreht sie sich mit der Klinke in der Hand noch einmal zu mir um und sagt "Also, er hat die Augen geschlossen. In seinem Hals steckt ein Tubus, der beatmet ihn. Es hängen ganz viele Kabel an ihm, das dient zu seiner Überwachung. Dass er nicht aufwacht und keine Schmerzen hat, laufen die ganze Zeit Medikamente in seinen Körper. Er läuft gerade sozusagen auf Bottom Line, das meiste, was ein gesunder Körper den ganzen Tag steuert und reguliert, übernehmen die Maschinen für ihn. So kann sich sein Körper auf den komplexen Heilungsprozess konzentrieren. Das mag alles ganz schlimm aussehen, aber dient nur zu seinem Wohl."
Ihre Stimme und ihr Lächeln beruhigen mich. Dann öffnet sie die Tür und das Piepen in meinem Kopf wird lauter, weil es real ist.
"Wenn Sie etwas benötigen, kommen Sie einfach wieder vor zum Schwesternstützpunkt. Im Notfall betätigen Sie die Klingel."
"Danke." erwidere ich leise und ringe mich zu einem Lächeln durch.

"Hallo mein Schatz." sage ich mit brüchiger Stimme, während ich vorsichtig seine Hand nehme, als würde sie jeden Moment zerbrechen. Er fühlt sich außergewöhnlich warm und zur gleichen Zeit total kalt an. Ein furchtbares Kribbeln steigt meine Nase empor, als müsse ich gleich niesen. Als das aber nicht passiert, steigt es weiter in Richtung meines Gehirns und tritt als dicke, stumme Tränen wieder aus mir heraus.
Vage erinnere ich mich an das Geräusch der sich automatisch einklappenden Seitenspiegel.
Ich weiß nicht, was ich denken oder fühlen soll. Ist er da? Irgendwie? Hört er mich? Versteht er mich? Fühlt er mich? Weiß er, dass jemand, dass ich da bin? Weiß er, dass ich gelogen habe, um zu ihn zu sehen? Ich fühle mich total planlos und verloren, also quatsche ich einfach drauf los.
"Mensch Tommi, wir wollten doch noch so viel machen, die Welt bereisen, jeden beschissenen Podcastpreis gewinnen, überall Sex haben, entspannter Abende auf der Couch und mit den Jungs, ganz lang ausschlafen und viel kuscheln, ganz viel Comedy, du weißt schon. Du kannst doch jetzt nicht so 'ne Scheiße bauen. Was soll ich denn machen ohne dich? Ich bin doch nichts ohne dich. Ich finde nie wieder jemanden wie dich. Das bringt doch dann alles gar nichts mehr."

Ich krame ein Taschentuch aus meiner Hosentasche und wische mir die Tränen damit ab, obwohl es eigentlich total egal ist. Eigentlich würde das Tommi jetzt liebevoll mit seinem großen Daumen machen und mir ganz tief in die Augen schauen und sagen "Alles wird gut. Ich liebe dich." Und dann würde ich lächeln, so wie ich gelächelt hab, als ich als Kleinkind meine Mutter im Krankenhaus besucht habe und sie mir einen neuen Micha geben wollte, weil meiner schon total zerfledert war.
Aber heute nicht.
Mein Kopf sinkt, weil schwer von Gedanken und Zweifel und Angst und Ungewissheit, auf seinen Unterarm. Ich gebe ihm einen sanften Kuss auf die Stelle, auf der mein Mund landet.
"Alles wird gut. Ich liebe dich." sage ich gegen seine Haut.
Plötzlich wird dieses Piepsen, das im Rhythmus seines Herzschlags ertönt und an das ich mich mittlerweile gewöhnt habe, schneller.
Ich glaube, er hört mich doch.

Platzierte, verkopfte, elegalante Gemischtes Hack StoryWo Geschichten leben. Entdecke jetzt