38// Krebs ist ein Arschloch.

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Mein Schädel brannte. Ich konnte mich nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal einen solchen Kater hatte. Stöhnend setzte ich mich auf und bereute diese Bewegung sofort. "Verdammte..." Keuchte ich, schwang meine Füße aus dem Bett auf den kalten Holzfußboden und rieb mir die Schläfen.
Ich roch fürchterlich. Vermutlich sah ich auch genauso aus. Und warum genau ich es gestern so übertrieben hatte, wusste ich selbst nicht. 
Wir hatten gegen Boston gewonnen. Haushoch. Ein Grund zum Feiern. Nicht nur das wir Boston seit Jahren nicht geschlagen hatten, wir hatten sie auch noch nie in ihrem Stadion geschlagen. 
Nun und als die Jungs vorschlugen feiern zu gehen klang das wie eine sehr gute Idee. Jedenfalls gestern. Jetzt gerade klang das nach absoluter Scheiße. 
Langsam kämpfte ich mich auf die Beine und sah mich in dem Hotelzimmer um. Meine Klamotten lagen wild verstreut herum und ich bückte mich, um sie aufzusammeln. Ich würde in drei Stunden beim Bus sein müssen. Nur um dann zwölf Stunden mit dem beschissenen Bus über die Interstate 90 zu tuckern. Darauf freute ich mich nicht wirklich.
Genervt ließ ich meine Klamotten in meine Tasche fallen und ging direkt ins Bad. Ich sollte etwas frühstücken. Danach konnte ich im Bus einfach schlafen. 
Nun jedenfalls in der Theorie. In der Praxis nämlich saß ich vier Stunden später neben Anton, der mich einfach nur vollquatschte. Doch ich tat mein bestes ihn zu ignorieren. Mit steifem Nacken blickte ich aus dem Fenster und sah dabei zu, wie die Häuser seltener und die Landschaft immer grüner wurde. Irgendwie mochte ich das grün. 
LA war da anders. Zwar war es auch nicht so grau wie Boston. Es war aber auch nicht so grün wie das Land. Wenn LA eine Farbe war so war es orange. Mit einem leichten Stich ins rötliche vielleicht. Und Cleveland? Cleveland war für immer Schwarz, Gold, Navy blau und Weinrot. 
"Hörst du mir überhaupt zu?" Riss mich Anton aus meinen Gedanken. Irritiert schüttelte ich meinen Kopf. "Entschuldige." Erklärte ich und blickte Anton an. Versuchte mich an etwas zu erinnern, dass er gesagt hatte. Doch leider wollte mir nichts einfallen.
"Maggie, Pippa und Lucy haben das ganze Wochenende miteinander verbracht." Erklärte Anton als habe er es gerade schon mal erzählt. Vermutlich war es auch so. "Und?" Fragte ich nach, verstand die Relevanz dieser Nachricht nicht gerade. 
"Nun Maggie hat mir erzählt, dass sie das volle Herzschmerzprogramm durchgezogen haben." Ich hob fragend eine Augenbraue. "Du weißt schon: Schokoeis, Chips, Schnulzen und Schlafanzug?" Brachte er fragend heraus. Doch noch immer wusste ich nichts mit der Information anzufangen. "Du bist manchmal echt ein Idiot, Chief." Maulte Anton genervt. Aber eigentlich hatte ich doch eher allen Grund von seinem ewigen Gelaber genervt zu sein. Immerhin hatte ich den Kater des Todes, auch das Frühstück hatte daran nichts geändert. 
"Warum glaubst du haben sie dieses ganze Herzschmerzding durchgezogen?" Fragte er mich und hob fragend beide Augenbrauen. "Keine Ahnung?" Fragte er weiter. Dann schnaubte er genervt und schüttelte leicht den Kopf. Als wäre ich wirklich zu blöd. 
"Wegen Lucy natürlich." Klärte er mich auf. Nun ich hatte mir das gedacht. Sofort schossen mir die Bilder in den Kopf, wie ich sie weinend stehen gelassen hatte. Ich holte Luft. 
"Das bedeutet Lucy hat Herzschmerz. Was wiederum bedeutet das sie was fühlt. Und wenn ich Maggie richtig verstanden habe, dann meckert sie die ganze Zeit nur wegen dir. Was laut Maggie heißt, dass Lucy Herzschmerz wegen dir hat." Verwirrt sah ich ihn an. Er zuckte mit den Schultern. "Frag mich nicht." Sagte er und lächelte leicht. Aber noch immer wusste ich nicht was ich mit dieser Information anfangen sollte. 
"Wenn Lucy also Herzschmerz wegen dir hat, heißt das ja das sie etwas für dich empfindet." Schlussfolgerte er und ich schnaubte. "Das alles nur um darauf zu kommen?" Fragte ich ihn und lachte auf. "Nun das habe ich dir schon nach unserem ersten Kuss gesagt." Er nickte. "Aber jetzt weiß ich es auch von ihr." Erklärte er als wäre ich ein Idiot. "Nun es wäre mir aber lieber, dass sie es mir ins Gesicht sagt." Gab ich zu. Das stimmte. Ich wollte nicht über fünf Ecken erfahren, dass Lucy vielleicht oder vielleicht auch nicht etwas für mich empfand.
Eine ganze Weile sagte Anton nichts mehr. Doch er dachte so laut, dass ich den Rädern beim mahlen zuhören konnte. Er Grübelte fast eine Stunde lang, bevor er wieder etwas sagte. Ich hatte mich schon darauf gefreut, dass ich endlich eine Mütze Schlaf bekommen konnte.
"Wusstest du eigentlich das eine der häufigsten Nebenwirkungen bei Chemotherapien eine andauernde Unfruchtbarkeit ist?" 
Ich war langsam in einen dösenden Zustand gesunken, doch seine Worte rissen mich sofort wieder raus. Jedes einzelne seiner Worte klingelte in meinen Ohren, als wäre es so laut wie diese bescheuerten Signaltröten.
"Was?" Fragte ich, nachdem ich schon ein paar Mal angesetzt hatte, etwas zu sagen. "Eine der häufigsten Nebenwirkungen..." Ich unterbrach ihn. Er sagte das, als wäre das nichts. Doch in meinem Kopf schrie es förmlich. "Warum sagst du mir das?" 
Sofort schossen meine Gedanken zu Lucy. Sie musste eine Chemo machen, sobald die Fäden gezogen waren. Was in zwei Tagen passierte. 
"Naja du erzählst davon, dass du und Lucy... Ich wollte nur das du die Fakten kennst." Erklärte er. Doch seine Stimme war nicht mehr so fest wie eben noch. Aber ich konnte nichts darauf sage. Was hätte ich auch sagen sollen? Ich war sprachlos. Lucy musste sich zweifelslos damit beschäftigen oder beschäftigt haben. Und ich stellte mir die Frage, ob das auch zeitgleich etwas mit mir zu tun hatte. Ich hatte ihr gesagt das ich das volle Programm wollte. Immer und immer wieder. Ihr musste klar sein, dass ich damit Heiraten und auch Kinder meinte. Jedenfalls in der Zukunft. War sie deswegen so eigenartig immer wenn ich das Thema ansprach? 
War ich wirklich ein unsensibles Arschloch? Hätte ich das wissen müssen? Ich meine ich hätte es wissen können. Anton wusste es ja auch. Aber sie hätte es mir auch sagen können. Immerhin wollte ich nicht sofort mit ihr die 2,4 Durchschnittskinder bekommen. Wir hatten Zeit. Und es gab hunderte Wege ein Kind zu bekommen. Scheiße. 
Krebs war ein Arschloch. Und ich? Ich war es offensichtlich auch.

Ein Cavalier hin und wegGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt