39// Minute für Minute.

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Noch immer völlig übermüdet betrat ich mein Wohnhaus und schleppte mich zum Fahrstuhl. Ich wollte einfach nur ein paar Stunden schlafen. Erleichtert seufzte ich, als ich aus dem Fahrstuhl trat, doch beinahe sofort rutschte mir das Herz in die Hose. 
"Luce?" Fragte ich zögernd. Ruckartig hob sie den Kopf und hörte auf vor meiner Wohnungstür auf und ab zu gehen. "Was machst du hier?" Fragte ich sie schnell. Sofort war ich hellwach. War etwas passiert? Ich hatte vor mit ihr zu sprechen, doch noch hatte ich nicht wirklich eine Ahnung was ich sagen sollte. Und schon gar nicht wie ich anfangen sollte mit ihr zu sprechen. 
"Du meintest doch, dass ich an der Reihe bin." Erklärte sie, sah mich aber nicht an. Nervös knetete sie ihre Hände und begann wieder auf und ab zu gehen.
"Sollen wir vielleicht erstmal reingehen?" Fragte ich sie also. Ich war nicht scharf darauf das, was auch immer das war im Flur auszudiskutieren. "Ja, das wäre vermutlich gut." Antwortete sie mir. Doch noch immer hob sie den Blick nicht um mich anzusehen. Ein eigenartiges Gefühl braute sich in meinem Magen zusammen. Vielleicht wollte ich gar nicht hören, was sie mir zu sagen hatte. 
Mit zitternden Fingern kramte ich meinen Schlüssel aus meiner Tasche und öffnete die Tür. Mit einer Handbewegung wies ich ihr an vor zu gehen. Sofort betrat sie meine Wohnung. Ich knipste das Licht an, schloss die Tür und ließ meine Tasche auf den Boden fallen. Dann blickte ich sie an. Neugierig ging sie durch meine kleine Wohnung. Dann begann sie wieder auf und ab zu gehen, mit gesenktem Blick und noch immer ihre Hände knetend. 
"Was ist los?" Fragte ich nach einer Weile. Denn ich befürchtete sie würde noch eine Spur in meinen Holzboden fräsen, wenn sie weiter so rasant hin und her gehen würde. "Lucy?" Noch immer keine Antwort. Obwohl ich noch eben hellwach war, spürte ich die Anstrengung in meinen Knochen und dieses seltsame Verhalten zerrte ebenfalls an meinen Nerven. 
Mit fünf schnellen Schritten war ich bei Lucy und hatte sie an den Schultern gepackt und angehalten. "Sieh mich an." Bat ich sie, doch sie zögerte. "Lucy!" Mahnte ich sie. Ich war dafür echt nicht in der Stimmung. Da war es wieder, dieses seltsame hin und her. 
Langsam hob sie den Blick. Endlich. In ihren schönen, grünen Augen glänzten einige Tränen. Ich holte tief Luft. Ich wollte es bestimmt nicht hören. 
Bebend holte sie Luft und begann endlich zu sprechen. "Ich mag dich." Begann sie und ich lauschte aufmerksam. "Ich mag dich wirklich." Ok. Das war bis jetzt nicht so schlimm. "Aber das ist keine gute Idee. Ich beginne nächste Woche mit der Chemo und du steckts mitten in der Saison..." Sie brach ab, ich schnaubte. Doch beinahe sofort begann sie zu weinen. Ich wollte sie in den Arm nehmen und trösten, doch ich tat es nicht.
"Wenn du nichts für mich empfindest dann ist das in Ordnung. Damit muss ich leben." Erklärte ich, sie schluchzte auf. "Aber wenn du mich von dir schiebst, weil du mir keine Last sein willst oder weil du Angst hast, dann sag ich dir jetzt was..." Sprach ich weiter. "Es ist mir absolut scheißegal ob du Chemo hast oder ich mitten in der Saison stecke. Ich werde hier sein. Ich werde für dich da sein, ob du mich brauchst oder nicht." Fügte ich hinzu. "Aber bitte denke dir keine bescheuerten Ausreden aus." 
Lucy sah mich an. Lange, als wäre ich ein riesiger lila Elefant. "Ich war so in dich verliebt früher." Flüsterte sie leise. "Ich hab mir tausend Dinge vorgestellt." Lucy lächelte leicht. "Aber diese Scheiße hab ich mir nicht einfallen lassen." Flüsterte sie und sah mich an. "Was hast du dir so vorgestellt?" Wollte ich von ihr wissen und konnte sehen, wie sie rot wurde. Verlegen senkte sie den Blick. "Oh verrückte Dinge." Lachte sie und ich stieg mit ein. Die Neugier brannte unter meinen Nägeln. "Erzähl mir nur eine Sache, Bitte?" Flehte ich förmlich. 
"Ich habe mir halt das übliche gewünscht, das du mein erster Kuss bist, mein erstes Mal, das du mich auf den Abschlussball begleitest, das du mich zu einem deiner Spiele einlädst und mich nach dem Sieg mitten auf dem Feld küsst." Sie zuckte mit den Schultern und lachte leicht. "Das übliche eben." Fügte sie verlegen hinzu. "Tut mir leid, dass ich nicht dein erster Kuss war. Oder dein erstes Mal. Und das ich nicht mit dir zum Abschlussball gegangen bin, tut mir ebenfalls leid." Brachte ich aufrichtig raus. Lucy nickte. 
"Schon in Ordnung." Sie zuckte mit den Schulter und unsere eigenartig gelockerte Spannung wurde wieder ernst. Lucy holte Luft um etwas zu sagen, doch dann brach sie ab. Nur um nach ein paar Sekunden wieder Luft zu holen. Doch wieder sagte sie nichts.
"Wie wäre es wenn wir von vorne anfangen?" Fragte ich also, doch Lucy schüttelte den Kopf. "Nein." Ihre Stimme fest und überzeugt. "Wenn du dir sicher bist, dann bin ich dabei." Auf meinem Gesicht breitete sich ein Lächeln aus. "Aber..." Sagte sie sofort, bevor ich etwas dummes tun konnte. "Lass uns ganz langsam machen, einverstanden?" Ich nicke grinsend. "Und lass es uns nicht an die große Glocke hängen. Nicht so lange ich durch die Chemo muss." Fügte sie hinzu und wieder nickte ich. "Tag für Tag, Minute für Minute." 
"Ganz langsam. Das kriege ich hin. Immerhin warte ich mittlerweile schon seit fast zwei Monaten drauf." Lucy runzelte die Stirn. "Zwei Monate?" Hakte sie nach und ich nickte. "Zwei ganze Monate. Da machen die paar Minuten auch nichts aus." Ich lächelte sie an. "Also rein hypothetisch, wenn wir nicht neu anfangen, dann haben wir uns ja schon geküsst..." Sie nickte skeptisch. "Wie würdest du es dann finden, wenn ich dich jetzt küsse?" Fragte ich Lucy und sie schnaubte. "Rein hypothetisch würde mir das gefallen." 
Lächelnd beugte ich mich zu ihr hinunter, fuhr mit meinen Händen auf ihren Rücken und zog sie an mich. Dann langsam drückte ich meine Lippen auf ihre. Und es fühlte sich an als wäre ich nach Hause gekommen. Doch bevor ich mich dagegen wehren konnte, spürte ich ihre Arme in meinem Nacken, ihre Finger in meinen Haaren und Hitze in meinem ganzen Körper. So viel zum Thema: Minute für Minute.

Ein Cavalier hin und wegGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt