𝐋𝐞𝐚𝐧𝐝𝐫𝐨
Ich stehe vor dem Fenster meines Arbeitszimmers, den Blick auf den Garten gerichtet. Die Sonne malt goldene Muster über den Boden, doch ich sehe nur die zwei kleinen Gestalten, die zwischen den Olivenbäumen hin und her rennen.
Santiago.
Sofía.
Ihre Namen schmecken auf meiner Zunge bitter und süß zugleich.
„Du bist nicht der Vater."
Belindas Worte hallen in meinem Kopf, immer wieder, als hätte sie sie mir eingraviert. Und doch – da war etwas. Ein Flackern. Ein Zögern in ihrem Blick, das sie zu verbergen versuchte. Aber ich kenne sie. Ich kannte sie besser als jeder andere. Damals.
Und ich sehe es jetzt wieder. In der Art, wie Sofía die Stirn kräuselt, wenn sie etwas nicht versteht – genau wie Belinda. In Tiagos Haltung, wenn er sich widersetzt. In dem Feuer in ihren Stimmen, das mir so vertraut ist, dass es wehtut.
Ich bin kein Narr.
Und ich bin kein Mann, der sich so leicht täuschen lässt.
Wenn sie mir die Wahrheit gesagt hätte, warum dann dieser Zorn in ihren Augen? Warum dieser Druck in ihrer Stimme? Warum dieser Hauch von... Angst?
Ich gehe zum Schreibtisch, öffne die untere Schublade und ziehe eine kleine, dunkle Mappe hervor. Darin: die Papiere, die Lorenzo mir gestern gegeben hat. Beobachtungen, Fotos. Und ein Bericht, den ich noch nicht lesen wollte.
Ich streiche über die erste Seite, doch ich brauche keine Bluttests, keine Analysen. Nicht wirklich.
Ich weiß es bereits.
Sie sind meine.
Und sie hat sie mir genommen. Fünf Jahre lang.
Ich schlage die Mappe zu, atme langsam ein.
Es geht nicht mehr nur um Macht.
Nicht um Kontrolle.
Es geht um das, was mir gehört.
Was aus meinem Blut geboren wurde.
Wenn sie mich belügt – dann nur, weil sie weiß, wie tief ich noch in ihr lebe. Und wie weit ich bereit bin zu gehen, um zurückzuholen, was mein ist. Ich trete vom Fenster zurück, nehme das Telefon vom Tisch und wähle eine Nummer, die ich auswendig kenne. Eine ruhige Stimme meldet sich nach dem ersten Klingeln.
„Dottore Severi."
„Ich brauche deine Diskretion", sage ich knapp. „Und einen Test. Zwei."
Ein kurzes Schweigen. Dann nur ein professionelles: „Verstanden."
Ich schließe die Vorhänge. Die Sonne verschwindet, der Raum wird kühler. Die Entscheidung ist gefallen.
Ich werde mir Gewissheit holen – nicht weil ich es nicht weiß, sondern weil ich sehen will, wie ihre Lüge zerbricht.
Ein paar Minuten später treffe ich Lorenzo auf dem Gang. Er mustert mich mit diesem stillen Wissen, das uns Brüder verbindet. „Was hast du vor?"
„Beweise", sage ich knapp.
Er nickt. „Und wenn du recht hast?"
Ich bleibe stehen, blicke ihn an. „Dann ändert sich alles."
Am Nachmittag arrangiere ich es. Die Kinder werden, ohne dass sie es merken, in das kleine Untersuchungszimmer im Westflügel gebracht. Eine harmlose Kontrolle, wird ihnen gesagt. Nichts Schmerzhaftes. Nur ein Wattebausch, ein Tropfen Speichel, ein leises Lächeln der Ärztin, die weiß, wie man mit Kindern umgeht.
Ich stehe hinter der Einwegspiegelscheibe. Beobachte Tiago, wie er seine kleine Faust tapfer ballt. Sofía kichert, als die Ärztin ihr ein Pflaster mit Einhörnern reicht.
Sie sind stark. Stolz. Stolzer, als sie es mit ihren vier Jahren je sein müssten.
Und sie sind mein.
Ich weiß es. Aber ich will es schwarz auf weiß.
Die Proben werden diskret nach Madrid geflogen. Ein Kurier aus dem engsten Kreis übernimmt den Transport. Die Ergebnisse – in spätestens 48 Stunden.
Ich gehe zurück in mein Zimmer, ohne Umweg. Sperre die Tür hinter mir zu, setze mich an den massiven Schreibtisch, wo die Welt sich planen lässt.
Und ich frage mich:
Was werde ich tun, wenn der Beweis zurückkommt?
Aber eigentlich weiß ich es längst.
Ich werde sie nie wieder gehen lassen.
Keine Lüge dieser Welt wird stark genug sein.
-
Es ist kurz nach acht, als der Umschlag mir übergeben worden ist. Kein Klopfen, kein Klingeln – nur das dumpfe Rascheln von Papier auf Fliesen. Ich starre einen Moment darauf, als hätte ich ihn mir eingebildet.
Dann hebe ich ihn auf.
Weiße, dicke Pappe. Auf der Rückseite ein roter Aufkleber: **PRIVAT. MEDIZINISCHE UNTERLAGEN.**
Mein Herz schlägt schneller. Ich reiße ihn nicht auf – ich *schäle* ihn auseinander, vorsichtig, fast ehrfürchtig. Das Licht im Flur ist grell, erbarmungslos, als würde es jeden Zweifel ans Licht zerren wollen.
Ein einziges Blatt. Offizieller Briefkopf. Laboranalyse. Unten das Siegel.
Ich scanne die Zeilen, überspringe medizinisches Kauderwelsch. Dann finde ich sie – die entscheidenden Sätze:
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Name des getesteten Kindes A: Sofia Castelli
Name des getesteten Kindes B:Santiago Castelli
Getestete Vergleichsperson: Leandro De Santis
Ergebnis:
Die Übereinstimmung der genetischen Marker beträgt über 99,9989 %. Es besteht eine biologische Vaterschaft zu beiden Kindern.
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Mir wird schwindlig. Ich stütze mich an der Wand ab. Die Zeilen tanzen vor meinen Augen. Nicht weil ich sie nicht glauben will – sondern weil ich sie *so sehr gehofft* habe, dass sie wie ein Schock wirken.
Sie sind meine.
Nicht vielleicht. Nicht unter Vorbehalt.
Meine.
Ich lese es noch einmal, langsam. Sofia. Tiago. Meine Kinder. Die Namen, die ich nur aus der Ferne gehört habe. Die Gesichter, die ich bisher nur von heimlichen Fotos kannte. Die Träume, in denen sie mir immer entglitten sind, kurz bevor ich sie erreichen konnte.
Doch jetzt... ist da kein Zweifel mehr. Kein Raum für Lügen. Kein Schutzschild aus Schweigen.
Die Tür zur Vergangenheit ist offen – aber dahinter steht etwas viel Größeres: Verantwortung. Hoffnung. Und die zweite Chance, von der ich nie gewagt habe, sie zu erbitten.
Ich falte den Brief vorsichtig zusammen. Lege ihn neben das alte Glas auf dem Tisch. Und sehe zum ersten Mal seit Jahren in den Spiegel – ohne Scham.
Sie sind mein.
Und ich werde sie mir zurückholen.
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The missing mafia daughter
FanfictionSie wollte ein normales Leben. Doch die Vergangenheit findet jeden. Belinda Castelli ist jung, schön und erfolgreich - eine Maklerin mit Stil, Verstand und einer geheimen Vergangenheit. Nach dem tragischen Verlust ihrer Eltern kehrte sie der gefährl...
