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𝐋𝐞𝐚𝐧𝐝𝐫𝐨

„Amigo, wo bist du?" höre ich Miguel auf der Leitung, seine Stimme klingt drängend und ungeduldig. Im Hintergrund höre ich die Geräusche des Flugplatzes, das Summen der Maschinen, die Stimmen der Leute – die Hektik ist beinahe greifbar. „Noch nicht da," sage ich knapp. Offensichtlich, denke ich, aber halte das für mich. „Wann bist du da?" bohrt er weiter „Warum bist du so früh da?" frage ich zurück, um die Kontrolle über das Gespräch zu behalten

„Sicherheitsvorkehrungen," murmelt er. Ich kann das Lachen kaum unterdrücken – der Idiot hatte wirklich Angst, dass ich ohne ihn losgehe. Schwer atme ich ein und aus, bevor ich ihm antworten kann.

„Aha," gebe ich schließlich zurück, ohne meine Belustigung zu verbergen. „Und?" fragt er weiter, seine Ungeduld deutlich hörbar. „Gleich da," antworte ich ruhig, aber bestimmt, und lege dann auf. Der Idiot.


Der Wagen rollt sanft zum Stillstand vor dem Flugplatz, und noch bevor ich den Motor abstellen kann, wird mir die Tür geöffnet. Miguel kommt mir hastig entgegen, seine Miene genervt, die Ungeduld in seinem Blick unverkennbar. „Endlich," stöhnt er, als ich aussteige. „Ich dachte, ich muss schon ohne dich los." Ich hebe eine Augenbraue, lasse seine Worte für einen Moment in der Luft hängen, während ich ihn mustere. „Ohne mich?" frage ich ruhig, die Andeutung einer Herausforderung in meiner Stimme. „Das wäre wohl kaum eine kluge Entscheidung gewesen."

Miguel verzieht das Gesicht, weiß genau, dass meine Anwesenheit nicht nur erwartet, sondern notwendig ist. Es ist keine Zeit für Spielchen, und das wissen wir beide. Ich schließe die Autotür hinter mir und gehe mit langsamen, kontrollierten Schritten auf ihn zu. Der Flugplatz erstreckt sich vor uns, und nur das leise Summen der startbereiten Jets ist um 5 Uhr morgen zu hören. 

,,Señor De Santis, das Flugzeug steht bereit," informiert mich einer meiner Männer.  Ich nicke kurz und mache mich auf den Weg zum Jet. Miguel folgt mir dicht, seine Schritte eilig, als wolle er mich einholen. „Gesprächig warst du nie," höre ich ihn murmeln, als wir uns dem Flugzeug nähern. Ich bleibe abrupt stehen und drehe mich zu ihm um, mein Blick scharf, als ich ihn fixiere. „¿Qué?" frage ich kalt, meine Augen verengen sich leicht. Miguel zögert, realisiert vielleicht, dass er gerade an den falschen Ast gesägt hat. „Nichts, Amigo," weicht er aus, hebt die Hände leicht, als wolle er einen Streit vermeiden. Aber in meinen Augen flackert ein Funken von Warnung. ,,Ich bin nicht hier um Freude zu werden."  Er nickt, weil er keine Wahl hat.

„Gut," sage ich, meine Stimme ruhig, aber durchdrungen von einer Kälte, die jeden weiteren Kommentar unterbindet. Ich drehe mich wieder um und setze meinen Weg zum Flugzeug fort. Das Gespräch ist für mich beendet, und Miguel weiß besser, als weiter darauf einzugehen.

-

Mexiko war noch nie mein Lieblingsort. Die Hitze, der Staub, die angespannte Atmosphäre – nichts daran zieht mich an. Aber jetzt stehe ich hier, auf dem Ladeplatz, und warte. Neben mir dröhnen die Motoren der schwarzen G-Klassen, die nach und nach eintrudeln. Ihre getönten Scheiben glänzen im Licht der untergehenden Sonne und werfen lange Schatten auf den Asphalt. Diese Autos sind nicht nur Fahrzeuge; sie sind ein Symbol. Ein Statement. Jeder, der sie sieht, weiß sofort, zu was wir gehören und was wir repräsentieren. Furchteinflößend, unantastbar, und vor allem: gefährlich. Hier gibt es keine Missverständnisse. Wer uns sieht, weiß, dass er sich besser nicht einmischt. Ich stecke die Hände in die Taschen meiner Jacke und beobachte, wie die Wagen sich in der Reihe einfügen. Die Stille, die folgt, ist fast beunruhigend, wie das tiefe Einatmen vor einem Sturm. Als die letzten G-Klassen zum Stillstand kommen, weht ein flüchtiger Windstoß über den Ladeplatz und wirbelt den Staub auf. Ich setze mich langsam in Bewegung. Sofort reagieren meine Männer; einer eilt voraus, um die Tür der G-Klasse zu öffnen, als ich mich ihr nähere.

The missing mafia daughterWo Geschichten leben. Entdecke jetzt