79

588 39 4
                                        

𝐁𝐞𝐥𝐢𝐧𝐝𝐚

Leandro und ich gehen nebeneinander her, schweigend, mit einem Abstand, der mehr sagt als Worte. Unsere Schritte sind synchron, aber unsere Gedanken kreisen weit voneinander entfernt.

Die Stimmen der Kinder werden lauter, je näher wir dem Garten kommen. Tiago ruft etwas von „Nicht schummeln, Sofia!" und sie kichert, während sie sich hinter einem Baum duckt.

Ich werfe Leandro einen flüchtigen Seitenblick zu. Er sieht müde aus. Aber nicht erschöpft, eher wie jemand, der zum ersten Mal in seinem Leben versucht, etwas richtig zu machen – und nicht weiß, wo er anfangen soll.

Wir bleiben am Rand des Gartens stehen, die Sonne scheint warm auf das Grün, und ich merke, wie Leandro seine Hände in die Hosentaschen schiebt, als wüsste er nicht wohin damit.

„Sie sind... schön", sagt er plötzlich, fast tonlos.
Ich brauche einen Moment, um zu begreifen, dass er von den Kindern spricht.

„Ja", antworte ich leise. „Sie sind das Beste, was ich je hatte."
Ich lasse meinen Blick über Sofia schweifen, wie sie sich kichernd weiter duckt, ihre Haare im Sonnenlicht wie ein goldener Schimmer. Tiago steht mit geschlossenen Augen am Baum, zählt mit kräftiger Stimme rückwärts.

Im Wohnzimmer liegt ein milder Kaffeeduft in der Luft, vermischt mit dem leisen Knistern des Kamins. Der Tag ist längst vergangen, die Kinder schlafen tief in ihren Betten – erschöpft von Lachen, Rennen und Verstecken.

Wir sitzen im Kreis, verstreut auf Sesseln und dem großen Sofa. Die Tassen dampfen noch, doch keiner spricht viel. Jeder hängt seinen Gedanken nach.

Ich halte meine Tasse fest umklammert. Der Porzellanrand ist warm, aber meine Finger sind kühl. Ich beobachte, wie Adelia sich eine Strähne hinters Ohr schiebt, wie Adriana mit dem Löffel leise im Kaffee rührt, ohne ihn zu trinken.

Leandro sitzt auf der anderen Seite des Raums, leicht zurückgelehnt, das Gesicht im Halbschatten. Sein Blick ist auf das Feuer gerichtet, aber ich sehe, wie sich seine Kiefer leicht anspannen.

Die Luft ist nicht mehr angespannt wie vor Tagen – aber auch nicht leicht.

„Sie haben so friedlich geschlafen", murmelt Adriana schließlich.
„Sofia hat im Schlaf gelächelt", fügt Adelia leise hinzu. Ich nicke nur. Mein Herz wird schwer und leicht zugleich. „Die beiden... sie sind so lebendig", sagt Adriano plötzlich. „Fast so, als würden sie Licht mit sich tragen." Alle blicken auf ihn. Auch Leandro hebt den Kopf kurz. Dann spricht er – ohne jemanden direkt anzusehen. „Ich hätte da sein sollen..." Seine Stimme ist rau. „Für sie. Für dich." Ich senke meinen Blick. Nicht, weil ich seine Reue nicht hören will – sondern weil sie schmerzt. „Aber du warst es nicht", antworte ich ruhig. Keine Wut, keine Bitterkeit. Nur Wahrheit.

Ein stilles Nicken. Niemand sagt etwas. Und doch ist der Moment voller Worte. Die Wohnzimmerluft ist schwer, nicht von Rauch oder Hitze – sondern von unausgesprochenen Worten, von Blicken, die mehr fragen als jede Stimme es je könnte. Die Kinder schlafen. Der Kaffee wird kalt. Und doch sitzt niemand unruhig. Es ist, als würden alle warten. Auf ein Zeichen. Auf Antworten. Auf Mut. Ich halte die Tasse fest in meinen Händen. Ihr Rand ist schmal, filigran. So wie mein Nervenkostüm in diesem Moment. Ich atme ein – der Duft von gerösteten Bohnen vermischt sich mit Parfüm, Leder, Holz... und Erinnerungen. Adriana schaut mich an. Ihre Stimme ist vorsichtig, fast brüchig. „Belinda... kannst du uns sagen, warum du... gegangen bist? Warum du uns nicht eingeweiht hast?" Alle Augen liegen jetzt auf mir. Und obwohl sie nicht feindselig schauen, fühle ich mich plötzlich nackt. Durchschaubar. Angreifbar. „Ihr fragt, warum ich gegangen bin..." Ich senke den Blick, nehme den Mut in beide Hände. „Aber keiner von euch hat je gefragt, wie es mir ging." Stille. Fast erschreckend laut. „Ich war nicht einfach nur weg. Ich war gefangen – innerlich und dann wirklich." Leandro starrt auf den Boden. Kein Wort kommt von ihm.

The missing mafia daughterWo Geschichten leben. Entdecke jetzt