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𝐁𝐞𝐥𝐢𝐧𝐝𝐚

Der erste Lichtstrahl des Morgens fällt sanft durch das Fenster und zeichnet helle Streifen auf den Boden. Ich liege noch auf dem Sofa, die Decke halb über mich gezogen, und spüre die Kühle des Raumes, die sich langsam mit der Wärme des Tages vermischt.

Der Schlaf war unruhig, von Gedanken an Tiago und Sofía durchzogen. Wo sind sie jetzt? Sind sie sicher? Meine Brust zieht sich zusammen bei der Ungewissheit. Die Ruhe des Zimmers steht im krassen Gegensatz zu dem Sturm in meinem Inneren.

Langsam setze ich mich auf, strecke mich und blicke aus dem Fenster. Die Welt draußen scheint weiterzugehen, als wäre ich einfach verschwunden. Doch ich bin hier – gefangen, allein.

Morgens, gerade als die Sonne langsam höher steigt, klopft es leise an der Tür. Noch etwas schläfrig raffe ich die Decke zusammen, setze mich auf und höre das gedämpfte Klirren von Schlüsseln. Die Tür öffnet sich einen Spalt, und ein Mann tritt ein. Besser gesagt Xavier. 

„Mrs. de Santis, das Frühstück wartet." Ich bleibe kurz stehen, werfe ihm einen festen Blick zu und antworte mit klarer Stimme: „Castelli."

Das ‚Mrs. de Santis' klingt in meinen Ohren fremd, als hätte er mich in eine Rolle drängen wollen, die ich nicht mehr spiele — oder vielleicht nie wirklich gespielt habe. Mit dem Namen „Castelli" mache ich deutlich, dass ich meine eigene Identität zurückfordere, auch wenn die Umstände mich gefangen halten.

Er nickt leicht, ohne ein weiteres Wort, und dreht sich dann um, um mir den Weg zu zeigen. Ich folge ihm, die Entschlossenheit wie ein leiser, aber beständiger Funke in mir.

„Oh, ich hab es so gar nicht vermisst." Die Worte verlassen meine Lippen leise, aber scharf wie ein Messer. Meine Schritte verhallen auf dem kalten Boden, als ich ihm folge. Der Mann – Xavier – verzieht keine Miene.

Ich bleibe abrupt stehen. „Wo sind meine Kinder, Xavier?" Meine Stimme klingt ruhig, aber in mir tobt ein Sturm. Ich sehe, wie seine Schultern sich leicht anspannen, aber er dreht sich nicht zu mir um.

„Dazu werde ich Ihnen keine Auskunft geben, Mrs. de Santis." Er verbessert sich schnell, doch sein Ton bleibt fest.

Ich gehe ein paar Schritte näher, zwinge ihn, sich mir zuzuwenden. „Sie haben mir meine Kinder genommen. Ich will wissen, ob sie essen. Ob sie schlafen. Ob sie Angst haben."

Xavier senkt den Blick für einen Moment. Etwas flackert in seinen Augen – vielleicht Schuld, vielleicht gar Bedauern – doch es ist sofort wieder verschwunden. „Sie sind in guten Händen."

„Gute Hände? In einem Haus, aus dem ich nicht herauskomme, in einem Land, das sie nicht kennen?" Meine Stimme zittert jetzt, nicht vor Schwäche, sondern vor aufgestauter Wut.

Er sagt nichts mehr. Dreht sich um. Geht weiter.

Ich folge ihm. Nicht weil ich mich füge – sondern wegen meinen Kindern. 

Als wir die schweren Doppeltüren passieren, öffnet sich der große Speisesaal vor mir – hell, weit, prunkvoll wie eh und je. Der Duft von frischem Brot und geröstetem Kaffee liegt in der Luft, begleitet von leisem Porzellanklirren. Für einen Moment wirkt alles wie eine perfekte Inszenierung – fast friedlich, fast wie früher.

Doch dann sehe ich sie.

Tiago. Sofía.

Sitzend nebeneinander an der langen Tafel, zwischen Adelia und Adriano. Ihre kleinen Körper wirken verloren in der riesigen Umgebung. Sie haben frische Kleidung an, ihre Haare sind ordentlich frisiert, und vor ihnen stehen Teller mit Frühstück. Aber ihre Blicke suchen, tasten, streifen über das Porzellan – und dann treffen sie meine.

The missing mafia daughterWo Geschichten leben. Entdecke jetzt