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𝐁𝐞𝐥𝐢𝐧𝐝𝐚

Seit heute Morgen herrscht in der Villa die reinste Hölle. Stimmen überschlagen sich, Befehle hallen durch die Flure, Männer werden angeschrien, manche geradezu zerbrochen. Die Spannung hängt so schwer in der Luft, dass selbst das Atmen anstrengend wirkt.

Und ich stehe hier, im Schlafzimmer, vor dem hohen Spiegel. Das hautenge rote Kleid schmiegt sich wie Feuer an meinen Körper, als hätte es die Absicht, mich zu verbrennen. Der Reißverschluss schließt sich oben mit einem leisen Klicken – und plötzlich sehe ich sie im Spiegel: diese Frau, die ich kaum noch erkenne.

Meine Augen sind mit schwarzem Eyeliner umrahmt, scharf gezogen, als könnten sie Schneiden. Das dunkle Make-up lässt meinen Blick noch intensiver, noch härter wirken. Meine Lippen sind tiefrot, glänzend – ein stummer Schrei von Verführung und Gefahr. Auf meinen Wangen liegt ein Hauch von Rouge, leicht rötlich, als sei dort ein verborgenes Feuer, das niemand sehen darf.

Ich sehe stark aus. Mächtig. Unnahbar. Genau das, was Leandro und seine Welt verlangen. 

Das Lachen meiner Kinder klingt gedämpft durch die dicken Mauern, so weit entfernt, als gehörte es nicht in diese Realität. Ich presse die Lippen zusammen, atme tief durch und richte meine Schultern.
Wenn ich schon in dieser Hölle mitspielen muss, dann trete ich ihr nicht schwach gegenüber.

Ich atme tief durch, streiche mit einer letzten, zittrigen Bewegung meine Hände über den roten Stoff meines Kleides. Es sitzt wie eine zweite Haut, jede Falte, jede Bewegung wirkt berechnet, gewollt. Das Schwarz um meine Augen lässt meinen Blick so scharf erscheinen, als könnte er schneiden. Die roten Lippen glänzen im Licht der Kristalllampe über mir – ein Versprechen und eine Drohung zugleich. Nehme meine Tasche und tue mein Lippleiner und Gloss rein. Die Kinder sind heute mit Adelia und Adriana, die werden Sachen unternehmen. 

Die Tür quietscht leise, als ich sie öffne. Kaum einen Schritt auf den Flur gesetzt, spüre ich die Kälte des Marmors unter meinen Absätzen, jedes Klacken hallt wider wie ein Trommelschlag. Bleib gerade. Bleib aufrecht. Zeig ihnen nicht, wie dein Herz rast.

Je näher ich der Treppe komme, desto deutlicher höre ich die Stimmen. Tiefe Männerstimmen, das Lachen,  das metallische Klicken von Waffen, die noch einmal überprüft werden. Ein Hauch von Parfum, Zigarettenrauch und Leder liegt in der Luft, schwer, fast erstickend.

Dann trete ich ins Licht.

Alle Blicke heben sich. Ein Raunen geht durch den Raum, kaum hörbar, aber spürbar wie ein kalter Windstoß. Die Brüder starren, reglos, als müssten sie erst begreifen, was sie sehen. Die Schwestern tauschen kurze Blicke, Augen, die zwischen Überraschung und Sorge schwanken. Die Mutter sitzt aufrecht in ihrem Sessel, unbewegt, als hätte sie diese Szene erwartet – und doch liegt etwas Dunkles in ihrem Blick.

Und er.

Leandro. Schwarz gekleidet, der Anzug wie eine zweite Rüstung, die Hände hinter dem Rücken, die Haltung eines Mannes, der den Raum beherrscht, ohne ein Wort zu sagen. Seine Augen bohren sich in meine, dunkel, unergründlich, gefährlich. Für einen Atemzug bleibe ich fast stehen, gefangen in diesem Blick. Er sieht nicht die Fassade, nicht das Kleid, nicht das Make-up. Er sieht mich. Und das macht mir mehr Angst als jeder Kartellboss.

Doch ich gehe weiter, Schritt für Schritt, jede Bewegung kontrolliert. Die Stille im Raum lastet schwer auf mir, aber ich halte mein Kinn hoch, meine Schultern straff. Ich bin kein Opfer. Nicht vor ihnen.

Am Ende der Treppe bleibe ich stehen, lege die Hände aneinander, als sei das alles Routine. „Sind wir soweit?" frage ich, und meine Stimme klingt ruhig, fest – als wäre sie nicht meine.

The missing mafia daughterWo Geschichten leben. Entdecke jetzt