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𝐁𝐞𝐥𝐢𝐧𝐝𝐚

Ich wache langsam auf.
Ein warmer Sonnenstrahl fällt durchs Fenster, tanzt über Sofias Locken, streift Tiagos kleine Hand, die sich in meiner festgekrallt hat.
Einen Moment lang ist alles still. Nur ihr gleichmäßiges Atmen, das ferne Zwitschern draußen im Garten.

Ich strecke mich vorsichtig, um sie nicht zu wecken. Mein Rücken schmerzt leicht von der Nacht, aber das ist mir egal.
Ich sehe auf die beiden hinunter – diese Gesichter, halb ich, halb er.
Mein Herz zieht sich zusammen.

Ich beuge mich vor, küsse sie beide auf die Stirn.
„Buenos días, mis amores", flüstere ich.

Sofia reibt sich verschlafen die Augen, Tiago murmelt etwas Unverständliches.
Ich will gerade aufstehen, da höre ich Schritte im Flur. Ruhig, schwer, bestimmt.
Ein Schatten fällt in den Türrahmen.

Ich friere ein.

Langsam hebe ich den Blick – und da steht er.
Leandro.
In der Tür.
Sein Anzug ist zerknittert, die Krawatte gelockert, die Haare leicht zerzaust. Unter seinen Augen liegen dunkle Schatten – er hat also auch nicht geschlafen.

Unsere Blicke treffen sich.
Einen Herzschlag lang bewegt sich keiner von uns.

„Du bist also hier." Seine Stimme ist leise, rau.
Ich nicke, unfähig etwas zu sagen.

Sofia richtet sich auf, reibt sich die Augen. „Onkel Leandro?"
Tiago gähnt laut und winkt verschlafen.

Ich sehe, wie Leandros Gesicht kurz zuckt, als das Wort „Onkel" fällt.
Etwas bricht in seinem Blick, etwas, das er sofort hinter Kälte versteckt.

„Guten Morgen", sagt er nur und tritt näher.
Sofia lacht. „Wir haben mit Mama geschlafen! Alle drei!"

Er bleibt stehen, sieht auf uns hinunter – und für einen Moment wirkt er, als würde ihm die Luft fehlen.
Dann setzt er sich langsam an die Bettkante, vorsichtig, als wolle er die Stille nicht zerreißen.

„Ihr solltet frühstücken", sagt er schließlich. „Eure Abuela wartet schon unten."
Tiago nickt eifrig und klettert aus dem Bett. Sofia folgt ihm, noch halb verschlafen.

Nur ich bleibe sitzen.

Leandro steht auf, wendet sich zur Tür, bleibt dann aber stehen.
„Belinda..."
Sein Ton ist weicher, kaum hörbar. „Danke, dass du bei ihnen warst."

Ich atme flach, zu überrascht, um zu antworten.
Er sieht mich nicht an, dreht sich einfach um und geht.

Doch in diesem Moment weiß ich – der Abstand zwischen uns ist nicht nur räumlich.
Er ist tief, brennend und voll unausgesprochener Worte.

-

Ich begleite die Kinder hinunter. Ihre kleinen Schritte hallen auf den Marmorstufen, Sofia summt ein Lied, das sie gestern gehört hat, Tiago redet ununterbrochen über Träume, in denen Drachen und Eis vorkamen.

Im Esszimmer duftet es nach frischem Kaffee und süßem Gebäck.
Adelia sitzt schon am Tisch, Adriana schenkt Saft in Gläser ein, ihre Mutter lächelt müde, aber herzlich, als sie ihre Enkelkinder sieht.

„Buenos días, meine Lieben", sagt sie und öffnet die Arme. Sofia rennt sofort zu ihr, Tiago klettert auf den Stuhl neben Adriano.
Ich setze mich etwas abseits, um alles wirken zu lassen. Als wir bei der Gala waren, haben die Kinder zeit mit ihr verbracht und irgendwie hat sie es geschafft das die Kinder sie mögen.

Leandro sitzt bereits da.
Sein Blick ruht auf seiner Kaffeetasse, die Finger umklammern sie fest, als wolle er etwas daran festhalten.
Er sagt kein Wort.

The missing mafia daughterWo Geschichten leben. Entdecke jetzt