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𝐁𝐞𝐥𝐢𝐧𝐝𝐚

Das kalte Licht der Villa fällt scharf in den Raum, als Reyes die Tür hinter sich schließt. Ich sitze da, zusammengesunken, die Hände gefesselt. Angst schnürt mir die Kehle zu, doch seine Stimme ist ruhig, fast flehend.
„Belinda, hör mir zu... Es war nie meine Absicht, dich zu verletzen."Ich starre ihn an, unfähig zu sprechen.Er fährt fort: „Ich musste dich hierherholen, weil die Wahrheit zu gefährlich war – für dich und für alle anderen. Du musst wissen, ich habe unsere Eltern nicht absichtlich getötet."Die Worte hängen schwer in der Luft.„Es war eine Intrige. Mein Onkel und sogar mein Vater... sie haben mich benutzt. Sie haben mich reingelegt, Belinda. Ich dachte, ich kämpfe für uns, für Gerechtigkeit. Aber alles war eine Falle."Ich sehe die Verzweiflung in seinen Augen, die kaum verborgen wird hinter seiner harten Fassade.„Ich wollte dich beschützen, auch wenn es bedeutete, dich festzuhalten. Ich wollte verhindern, dass du in diese Spirale aus Gewalt und Verrat gezogen wirst."Die Wände der Villa scheinen zu schweigen, als ich langsam begriff, dass die Wahrheit komplizierter war als ich dachte.Ich war gefangen – nicht nur hier, sondern in einem Netz aus Geheimnissen und Lügen, das viel größer war, als ich je ahnte.Und Reyes stand zwischen mir und der Welt, als Wächter – oder als Gefangener seiner eigenen Entscheidungen.


Mit Herzrasen bin ich plötzlich wieder wach. Ich dachte ich kann etwas entspannen. Aber doch nicht. Die Vergangenheit holt einen manchmal zu schnell ein. Müde gehe ich durch mein Gesicht und hol tief Luft ein. Es macht kein Sinn zu schlafen. Ich schüttle den Kopf, um die Bilder aus meinem Kopf zu verbannen. Diese Erinnerungen lassen meine Brust schwer werden, doch ich kann mich nicht länger davon lähmen lassen.

Ich stehe vor dem Spiegel im Schlafzimmer. Das Licht ist weich, beinahe schmeichelhaft, aber es kann nicht verbergen, was ich sehe. Die Schatten unter meinen Augen, die feine Linie zwischen meinen Brauen, die Müdigkeit, die mehr aus meiner Seele kommt als aus meinem Körper.

Ich drehe das Wasserhahn auf. Kaltes Wasser läuft über meine Finger. Ich lasse es für einen Moment einfach fließen, als könnte es auch all das mitnehmen, was an mir haftet – die Jahre voller Angst, die Erinnerungen, die Schuld.Dann beuge ich mich vor, spritze mir das Wasser ins Gesicht. Es ist kalt. Erfrischend. Wachrüttelnd. Ich schließe die Augen. Atme tief durch. Noch einmal. Und noch einmal.Meine Hände tasten nach dem Handtuch. Die Bewegung ist routiniert, fast mechanisch. Doch als ich meinen Blick wieder hebe, sehe ich mehr als nur mein Spiegelbild. Ich sehe eine Frau, die zurückgekehrt ist. Ob freiwillig oder nicht – das spielt keine Rolle mehr. Ich bin hier. Ich lebe. Und meine Kinder... meine Kinder sind hier. Genau das wollte ich doch nicht.Ich streiche mir meine getrockneten Haar zurück, wickle es lose zu einem Knoten. Ziehe ein frisches Kleid aus dem Schrank – schlicht, hell, weich fallender Stoff. Nichts Besonderes. Und doch fühlt es sich an wie ein Schritt in eine neue Richtung.Als ich den letzten Knopf schließe, zögere ich.Was bin ich jetzt? Gefangene? Mutter? Feindin?Ich weiß es nicht. Noch nicht. Ich binde meine Haare wieder los und mach mir ein hohen Zopf. Ich höre wie die Kinder draußen im Garten spielen. Ich nehm die Schminkprodukte aus dem Schrank raus und bedecke leicht meine Augenringe. 

Ich öffne die Tür und trete langsam aus dem Zimmer. Der Flur wirkt still, doch als ich näher zum Wohnzimmer komme, dringen Stimmen an mein Ohr. Ich bleibe im Türrahmen stehen, das Stimmengewirr dringt gedämpft zu mir durch, doch es lässt eine alte, schmerzliche Erinnerung wieder aufsteigen — die Nacht, in der alles ans Licht kam.

Ich sehe ihre Gesichter vor mir, in Gedanken, als hätten sie sich damals schon geformt: misstrauisch, verletzt, vielleicht sogar wütend. Jetzt sind sie hier, direkt vor mir, und ich weiß, sie wollen Vorwürfe machen, Schuld zuschieben.Aber haben sie das Recht? Haben sie wirklich das Recht, mich zu verurteilen, wenn sie nicht wissen, was ich durchgemacht habe? Wenn sie nicht wissen, warum ich gegangen bin?Mein Blick verhärtet sich. Nein. Sie verstehen nichts von meinem Schmerz.Meine Brust hebt und senkt sich schnell. Hitze steigt in mir auf, wie ein Sturm, der zu lange gehalten wurde. Ich kann nicht mehr stillstehen. Kann nicht mehr schweigen.Mit festen Schritten durchquere ich das Wohnzimmer. Ihre Stimmen werden leiser, Gespräche brechen ab, als sie mich sehen – aufgerichtet, aufgewühlt, entschlossen.Und dann sehe ich ihn. Leandro.Etwas in mir zerreißt.„Du!" Meine Stimme zittert vor Wut, vor Schmerz. „Das ist alles deine Schuld! Eure Schuld!"Alle sehen mich an. Doch ich sehe nur ihn.„Du hast mich zerstört! Mich genommen, eingesperrt, gezwungen, alles . Du und deine Familie – ihr habt mich zerstört!" Ich gehe direkt auf ihn zu, meine Fäuste geballt. „Ihr habt mir mein Leben genommen!" Ich schubse ihn. Leandro fällt einen Schritt zurück, überrascht. Vielleicht sogar getroffen. Doch das reicht mir nicht.„Und jetzt steht ihr hier, tut so, als wärt ihr verletzt? Als wärt ihr Opfer?" Mein Blick fährt durch den Raum. „Wo wart ihr, als ich allein war? "Ich zittere, nicht vor Angst – sondern vor all den Jahren, die ich geschwiegen habe.„Ihr wollt sauer sein?" Meine Stimme wird leiser, gefährlicher. „Ihr habt kein Recht." Ich spüre, wie mir der Boden unter den Füßen zu entgleiten droht. Meine Stimme ist ein Beben, ein Sturm, der sich nicht mehr zurückhalten lässt. Ich gehe noch näher auf ihn zu, bis uns nur noch ein Atemzug trennt. Tränen brennen mir in den Augen, aber ich lasse sie nicht fallen. Nicht jetzt.„Du hast mein Leben genommen... alles!" Ich stoße die Worte hervor, so laut, dass sie im ganzen Raum widerhallen. „Wer... bist du überhaupt?" Meine Stimme bricht kurz, aber ich fange mich wieder.„Wie viele Gesichter hast du, Leandro? Wie viele Herzen brauchst du, um dich lebendig zu fühlen? Eins? Zwei? Meins?"Wieder schubse ich ihn an der Brust. Er steht einfach da, schweigend, wie eine Wand. Doch ich will ihn zwingen, zu hören. Zu fühlen.„Wer bist du?! Der Mann, der mich festhielt? Der mich küsste, als wäre ich seine Zukunft – und mich dann in ein Nichts verwandelte? Oder der, der jetzt hier steht und so tut, als hätte er je geliebt?"Meine Stimme zittert, aber ich rede weiter, unaufhaltsam, weil ich sonst daran zerbreche.„Ich habe mich in einen Traum verliebt. Und aufgewacht in deinem Albtraum." Der Raum ist still. Atemlose Stille. Nur mein Herz hämmert, so laut, als wolle es durch meine Brust brechen. ,,Belinda", fängt er an. ,,Nein", red ich dazwischen. ,,Hör mir zu-"

The missing mafia daughterWo Geschichten leben. Entdecke jetzt