Kapitel 29

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Zwar wusste Harry mittlerweile von meinen Narben, doch das war für mich kein Grund, sie ihm unnötigerweise zu präsentieren. Die Tatsache, dass ich meine Schminke in der Erwartung, nachts wieder nach Hause zu kommen, nicht mitgebracht hatte, half mir aber nicht unbedingt dabei. Mein Spiegelbild sah mir müde entgegen und nicht nur die Narbe auf meiner Wange zeichnete sich an diesem Morgen deutlich ab, sondern auch tiefe Augenringe. Mit meinen Fingern versuchte ich zumindest die Knoten aus meinen Haaren zu kämmen, denn ich hatte nicht einmal eine Bürste zur Verfügung. Unter einem von Harrys schwarzen T-Shirts zeichnete sich schwach meine Silhouette ab, während zumindest meine Beine dank meiner blickdichten strumpfhose versteckt blieben. Ich wusste, dass ich mich vor Harry nicht extra top stylen musste, aber ich wollte immerhin nicht zu hässlich aussehen wenn er mit dem Frühstück zurück kam.
Beim Gedanken an ihn und den vergangenen Abend schlich sich wieder ein unwillkürliches Lächeln auf meine Lippen. Harry hatte sich wirklich geändert, denn obwohl ich ihm gestern noch klar gemacht hatte, dass ich zwar von neuem beginnen wollte, aber es vorerst bei Küssen bleiben würde, hatte sich nichts an seiner Laune geändert. Er war noch immer glücklich gewesen und hatte Witze gerissen, bis wir irgendwann beschlossen, dass ich die Nacht bei ihm bleiben würde. Tatsächlich hatte er seine Finger bei sich behalten, was er früher niemals getan hätte. Harry wusste was er tun oder sagen musste und dass mein Körper auf ihn reagierte, was früher oder später auch Einfluss auf meine Vernunft hätte, doch er respektierte meinen Wunsch zu warten.
Im gleichen Moment in dem ich aus dem Badezimmer trat, öffnete er die Zimmertür und kam mit zwei vollen Take-Away-Tüten von einer mir unbekannten Bäckerei herein.
"Endlich", stöhnte ich zufrieden als er mir eins der süß duftenden Pakete in die Hand drückte. Ich hatte wirklich unheimlich Hunger weswegen ich mich damit auch sofort auf das Bett setzte und hineinschaute. Harry setzte sich mir gegenüber und tat es mir nach, nur drückte er nebenbei noch auf seinem Handy herum, welches er nach einigen Minuten seuzfend zur Seite legte. "Alles okay?"
"Lou nervt mich schon wieder", murmelte er und nahm einen Schluck seines Kaffees. "Ich soll dich fragen, ob du mit uns den Tag im Zoo verbringen willst."
"Und du willst nicht, dass ich mitkomme?", fragte ich etwas unsicher nach und verlagerte mein Gewicht.
"Doch, klar", gab er schnell zurück. "Aber es wird höchstwahrscheinlich auch Presse da sein."
"Wir sind schon öfter von denen abgelichtet worden", bemerkte ich und nahm einen Schluck meines Karamell-Lattes. "Die machen so oder so Wind, ob wir jetzt gehen oder nicht."
"Ja, aber heute ist es ja was anderes. Oder nicht?", hakte er verwundert nach, weswegen ich nach einer seiner Hände griff und diese drückte.
"Das stimmt. Aber wir müssen das ja keinem zeigen, immerhin wissen nur wir was wirklich zwischen uns ist", erklärte ich ernst und lächelte leicht. "Sie werden nur wieder unnötige Vermutungen aufstellen. Das sie richtig liegen wissen nur wir."
"Also willst du, dass wir als Freunde dort auftauchen?", fragte er und biss in seinen Donut, wozu er seine Hand aus meiner löste.
"Ja", bestätigte ich seine Frage und beobachtete sein Gesicht dabei, wie es langsam nach unten sackte. "Zumindest heute. Oder die nächste Zeit, bis wir uns bereit dazu fühlen. Denkst du anders darüber?"
"Wir machen es, wie du willst", gab er mit einem leichten Lächeln, über dessen Ehrlichkeit ich mir nicht sicher war, zurück.
"Danke", antwortete ich erleichtert, da ich kurz befürchtet hatte, einen neuen Streit zu provozieren. "Du bist ja nur für diese Journalisten weiter mein bester Freund. Solange sie uns nicht sehen bin ich ganz dein."
"Was genau meinst du damit?", hakte er mit einem schiefen Grinsen auf den Lippen nach und musterte mich. Ich wusste, dass ihm diese Unterhaltung eben unheimlich viel an Selbstbeherrschung gekostet haben musste, denn er schien nicht ganz glücklich über meine Entscheidung. Trotzdem hatte er seine Bedürfnisse zurück gestellt um meine befriedigen zu können, was mir nur wieder zeigte, wie sehr er sich geändert hatte.
"Ich meine-", murmelte ich und stellte unsere Getränke auf dem Nachttisch ab, um näher zu ihm rutschen zu können. Er folgte meinen Bewegungen mit seinen forschenden Augen und legte grinsend seine Arme um meine Taille, als ich mich auf seinem Schoss niederließ. "Dass du das hier vorerst nur kriegst, wenn wir allein sind. Aber es hat doch was, so ein kleines Geheimnis oder?"
"Hm-mh", machte er und drückte seine Lippen auf meine, was ich breit lächelnd erwiderte. Es war schön, ihm so nahe sein zu können ohne sich dafür verantworten zu müssen; ohne irgendwelche neugierige Geier im Nacken.
Nach dem Frühstück brachte Harry mich nach Hause, wo ich kurz duschte, endlich wieder vernünftiges Make Up auftrug und mich umzog. An diesem Tag fiel meine Wahl auf eine dunkelblaue Skinny Jeans, einen hellbraunen Pullover mit einem Fuchs auf der Vorderseite und Haare, die zu einem Pferdeschwanz gefasst waren. Zufrieden mit meinem einfachen, aber doch total gemütlichen, Outfit packte ich meine Handtasche, wobei ich dieses Mal vorsichtshalber einen Abdeckstift mit einsteckte. Man konnte nie wissen, und vor allem zu diesem Zeitpunkt musste ich mehr Acht auf die Narbe geben, als sowieso schon. Ich wollte nicht, dass die Medien von diesem Ding erfuhren, das mein Gesicht entstellte, denn dann hatten sie noch einen Grund mehr mich auf die Schippe zu nehmen. Außerdem wollte ich nicht immer und immer wieder mit dieser alten Geschichte konfrontiert werden, vor allem nicht, da Roger wieder auf freiem Fuße war. Da ich so über all das nachdachte, fiel mir auf, dass ich unbedingt Abby warnen musste. Dieser grauenvolle Schwerverbrecher würde mit Sicherheit früher oder später bei ihr und/ oder ihrem Kind auftauchen und das galt es zu verhindern. Ich rief sie an, während ich weiter in meinem Schlafzimmer herumwuselte, damit Harry nichts davon mitbekam. Nach dieser Nacht sollte er sich nicht noch mehr Sorgen machen, als er eh schon tat.
Ich erzählte Abby von meiner Begegnung mit dem Alkoholiker, seinen Worten und Drohungen und bat sie, auch Steve einzuweihen. Etwas geschockt, aber verhältnismäßig ruhig, bedankte sich meine Stylistin in Babyzeit schließlich und legte wieder auf. Am liebsten wäre ich persönlich zu ihr gekommen, doch solange ich noch vorhatte, nachher mit Harry auszugehen, traute ich mich nicht bei Steve aufzulaufen- so wie ich ihn kannte, würde er mich einsperren sobald er von meinen Plänen erfuhr.
"Fertig?", riss Harry mich aus meinen Gedanken und musterte mich von der Tür am anderen Ende des Raumes.
"Ja", gab ich zurück und zog meinen Mantel an, um gemeinsam mit ihm das Apartment zu verlassen. Wir nahmen sein Auto, und während der Fahrt legte er seine Hand wieder auf meinem Knie ab. Ich liebte es, wenn er das tat, denn es gab mir irgendwie Sicherheit. Egal wie viele Medien uns jetzt nerven und entlarven wollen würden, mit ihm an seiner Seite konnte ich auch dagegen ankommen.
"Ich war schon so lange nicht mehr im Zoo", bemerkte ich als wir auf den Parkplatz fuhren und sich das große Gelände vor uns auftat. Ich fühlte mich ein bisschen wie ein kleines Mädchen, als ich das Schild und die Werbetafeln mit den verschiedenen Tieren darauf an uns vorbeiziehen sah, denn ich liebte den Zoo. Ich liebte es, die Tiere zu sehen und manche zu streicheln, sie füttern zu können und die gesamte Atmosphäre herumtollender, glücklicher Kinder.
"Na dann wird es Zeit", gab Harry grinsend zurück und drückte mein Knie noch ein letztes Mal, ehe er einparkte und seine Sonnenbrille aufsetzte. "Bereit?"
"Ja", antwortete ich lächelnd und nickte. Während er ausstieg, atmete ich noch einmal tief durch und folgte ihm dann nach draußen. Von unserem Parkplatz aus konnten wir schon Lou mit ihrem Kind und Mann am Eingang sehen, genauso wie Louis und Eleanor. Ich hatte gar nicht gewusst, dass die beiden auch kommen würden, freute mich aber unheimlich darüber, denn es war schon wieder viel zu lange her, dass ich die beiden gesehen hatte. Freudig umarmte ich alle zur Begrüßung bis auf Lous' Ehemann, da ich ihn zum ersten Mal in meinem Leben sah. Zwar wusste ich aus Erzählungen so einiges über ihn, auch, dass er Tom hieß und ein Tattoostudio besaß, doch ihn persönlich zu treffen war etwas ganz anderes. Er wirkte wirklich nett, zuvorkommend und wie gemacht für Lou und die Rolle des Vaters.
"Können wir dann langsam mal reingehen?", erkundigte Harry sich trocken und deutete auf die Kassen vor uns. "Das verdammte Rumgestehe regt mich auf."
Etwas verwundert über seine plötzliche Stimmung folgte ich an der Seite von Lou und Eleanor der Gruppe zum Eingang, um eine Karte zu kaufen und in den Zoo zu gehen. Harry ging mit Louis voran, darauf folgten wir Mädels und hinter uns schob Tom Lux' Kinderwagen her.
"Ich habe gehört, dass du bei Harry übernachtet hast", bemerkte Lou leise und sah mich von der Seite an, weswegen ich zu Boden sah und meine Wangen dafür verfluchte, dass sie so schnell eröteten.
"Ja, und?", fragte ich nach und ließ zu, dass sich die beiden Frauen an meinen Seiten bei mir einhakten.
"Na ja, was ist das mit euch? Ihr seid ja auch gemeinsam hergekommen", erklärte die schöne Blondine weiter un gestikulierte mit ihrer freien Hand herum. Auch wenn ich Lou und Eleanor vertraute, wusste ich nicht, ob ich die Wahrheit sagen sollte- immerhin hatten Harry und ich gemeinsam beschlossen, es keinem zu sagen.
"Wir sind Freunde", gab ich zurück und beobachtete die zwei Männer vor uns bei einer ruhigen Unterhaltung. Zwar glaubten mir meine Freundinnen nicht wirklich, doch sie konnten auch nicht das Gegenteil beweisen, weswegen das Thema fürs Erste als begraben galt. Wir kamen an verschiedenen Gehegen vorbei; sahen Affen, Bären, Erdmännchen und vieles mehr. Als wir schließlich nach einer Stunde aus dem großen Aquariumshaus in der Mitte des Zoos kamen, beschlossen wir eine kleine Pause zu machen und uns am Seelöwengehege kurz zu setzen. Das passte ganz gut, denn um das mit Wasser gefüllte Becken herum waren einige Stufen, auf denen man sich zumindest kurz niederlassen konnte. Louis, Eleanor und Harry gingen sich Mandeln holen, während ich Tom und Lou dabei half, den Kinderwagen sicher abzustellen und Lux zu mir nahm, damit die glücklichen Eltern auch ein bisschen Nähe genießen konnten. Ohnehin liebte ich die Kleine über alles, denn sie war so ein artiges und aufgewecktes Kind. Als die Jungs und Eleanor wiederkamen, ließen sie sich um uns herum nieder. Harry zu meiner rechten, Eleanor zu meiner linken, an ihrer Seite Louis. Harry drückte mir wortlos eine Tüte Sonnenblumenkerne in die Hand, weswegen sich mir ein unwillkürliches Lächeln auf die Lippen schlich. Wusste er tatsächlich nach all der Zeit noch, wie gerne ich sie mochte?
"Danke", flüsterte ich geschmeichelt und nahm einen heraus, um ihn mir in den Mund zu schieben.
"Hey Tay", sprach Eleanor mich lächelnd an und fuhr sich durchs Haar. "Wie wäre es wenn wir uns später zusammen fertig machen?"
"Wofür fertig machen?", hakte ich verwirrt nach und nahm Lux einen Stein aus der Hand, damit sie ihn nicht aß.
"Na, für das Konzert der Jungs", erklärte sie als müsste ich davon wissen. "Im Madison Square Garden?"
"Was?", platzte ich hervor. "Ihr tretet im Madison Square Garden auf? Glückwunsch, Jungs!"
"Du wusstest das nicht?", fragten Eleanor und  Louis wie aus einem Mund und sahen mich geschockt an, weswegen ich mich Harry zuwandte.
"Nein", antwortete ich und sah ihn noch immer überrascht an.
"Danke, ihr Trottel", murmelte er etwas genervt und sah zuerst seine Freunde und dann mich an. "Ich wollte es dir gestern sagen, und als das nicht ging, wollte ich es dir auf dem Weg nach Hause erzählen. Willst du kommen?"
"Gerne.", gab ich leise zurück bevor sich eine größere Diskussion über Harrys Geschimpfe entwickeln konnte. Dabei sah ich ihm in direkt ins Gesicht, was ihm ein kleines Lächeln auf die Lippen zauberte. Am Liebsten hätte ich in diesem Moment seine Hand genommen und sie gedrückt, um ihm zu zeigen, dass alles gut war und er sich nicht aufregen musste, doch das ging nicht. Es war meine Idee gewesen, in der Öffentlichkeit weiter nur befreundet zu sein, und daran würde ich mich halten- es war besser so.
"Dann komme ich vorher zu dir", beschloss Eleanor und nahm Louis Hand, was mir im Herzen wehtat. Ich hatte nicht gedacht, dass es so schmerzen würde, sich zu verstecken.

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