Kapitel 34

135 15 2
                                        

Am nächsten Morgen erwachte ich wieder einmal alleine, obwohl ich neben Harry eingeschlafen war. In meinem Bett war er nirgends zu finden, was sich aber durch den Duft nach verbrannten Käsetoasts, welcher den Raum füllte, erklärte. Gähnend richtete ich mich auf und streckte meine Gliedmaßen, ehe ich mir durch die Haare fuhr. Der vergangene Tag hatte mich mehr Nerven gekostet, als ich gedacht hatte.  Nie im Leben hätte ich mir vorstellen können, dass meine Familie so derartig in den Rücken fallen würde. Natürlich hatte ich gewusst, dass sie keine Luftsprünge machen und etwas komisch damit umgehen würden, aber ich hatte nicht erwartet, dass sie sich so gegen mich stellten.
Die Gedanken in meinem Kopf wurden mit jedem Moment, den ich spekulierend in meinem Bett saß, lauter, weswegen ich mich schließlich aus dem Bett rollte. Ich hatte ohnehin das dringende Bedürfnis, nachzusehen, ob meine Küche noch intakt war, und außerdem wirklich Hunger. Als meine nackten Füße den Boden berührten, bildete sich sofort eine Gänsehaut auf meinem ganzen Körper, weswegen ich Harrys Hoodie vom Nachttisch nahm und mir auf den Weg in die Küche überzog. Irgendwie hatte er sich angewöhnt, immer einen Hoodie oder ein Shirt mehr dabeizuhaben, wenn er bei mir war, damit ich es tragen konnte. Er wusste, wie sehr ich es liebte, in seine Shirts zu schlüpfen, und ich wusste, dass es ihm gefiel, sie an mir zu sehen.
Tatsächlich versuchte Harry verzweifelt, die Käsetoasts in der Pfanne vor sich noch irgendwie zu retten, indem er die Schwärze von ihnen kratzen wollte. Mit einem leichten Grinsen auf den Lippen ging ich weiter in den Raum und hob mich auf der anderen Seite der Kücheninsel auf einen Barhocker. Erst dann bemerkte er mich und sah mit einem verlegenen Gesicht zu mir auf.
"Morgen", murmelte ich amüsiert und beugte mich über die Arbeitsplatte, um ihm einen Kuss zu geben.
"Hi", antwortete er und richtete seinen Blick wieder auf die missglückten Toasts. "Ich werd's wohl nie hinbekommen."
"Wir können ja noch eine Scheibe Käse drauflegen, dann fällt deine unvorhandene Kochkunst gar nicht mehr so sehr auf", schlug ich belustigt vor. "Mit viel Vorstellungskraft klappt das bestimmt."
"Ha-ha", gab er ironisch zurück und fuhr sich durchs Haar. Hoffnungslos drehte er die Toasts in der Pfanne und überlegte, wie er das Frühstück wohl retten konnte, während ich mir eine Gabel holte und damit eines der beinahe schwarzen Sandwiches aus der Pfanne fischte. Harrys Augen folgten verwirrt meinen Handlungen, während ich grinsend in den Toast biss. Tatsächlich schmeckte es noch verbrannter als sonst, doch mich durchfuhr trotzdem ein Glücksgefühl, denn der altbekannte Geschmack erinnerte mich an frühere Zeiten. An gute, nicht schlechte.
"Schmeckt wie immer", bemerkte ich und hielt ihm die Gabel hin, damit er abbeißen konnte. "Nur etwas aromatischer."
Sein Gesicht verzog sich leicht, als er zu kauen begann, zeigte aber bald sein wunderschönes Grinsen, als ich den Toast weiter aß. Es dauerte nicht lange, bis wir die ganze Portion vernichtet und den Nachgeschmack mit Milch hinunter gespült hatten, ehe Harry uns noch einen Kaffee kochte. Ich war ihm sehr dankbar dafür, dass er den vorherigen Tag nicht ansprach und stattdessen begann, mir von seiner Zeit in England zu erzählen. Er beschrieb Gemmas neuen Freund, welcher den letzten Feiertag bei seiner Familie verbracht hatte, als ganz okay und meinte, Robin wurde langsam alt. Auch wenn er es nicht sagte, merkte ich, wie gut ihm die Zeit bei seiner Familie getan hatte. Harry gab sich immer die größte Mühe, anderen Menschen nicht zu zeigen, dass er auch eine weiche Seite mit Gefühlen hatte, doch ich war schon lange dahinter gekommen. Ich kannte den Mann hinter der Fassade, mit der er jedem Menschen begegnete, und so versuchte, eben diese von sich fernzuhalten.
"Bist du fertig?", erkundigte er sich und deutete auf die Tasse in meinen Händen. Nickend hielt ich sie ihm entgegen, während er um die Kücheninsel herum ging, um das dreckige Geschirr in die Spüle zu räumen.
"Ich gehe mal duschen", verkündete ich und hob mich von meinem Barhocker. "Du kannst ja fernsehen oder so."
"Ich kann auch mitkommen", gab er mit einem schiefen Grinsen zurück und betrachtete mich. "Körperhygiene ist sehr wichtig."
"Das hättest du wohl gerne", antwortete ich und rollte mit den Augen. Seine folgten indessen meinen Bewegungen nur zu genau.
"Das stimmt allerdings", bestätigte er schulterzuckend und entlockte mir mit seiner Art ein Grinsen.
"Das Leben ist eben kein Wunschkonzert", bemerkte ich schelmisch und verließ den Raum, um mir frische Wäsche aus dem Schlafzimmer zu holen. Als ich alles hatte, begab ich mich ins Badezimmer, schälte mich aus meinen Klamotten und stieg ins Duschbecken. Das warme Wasser auf meiner Haut zu fühlen tat gut und entspannte Muskeln, von denen ich bis dahin nicht einmal gemerkt hatte, dass sie verspannt waren. Nach einer ausgiebigen Dusche trocknete ich meine Haare, glättete sie für den Fall, dass Anne und Gemma noch einmal vorbei kamen, und trug das Make Up auf, was mittlerweile schon zu meiner Alltagsroutine gehörte. In einer Leggins und Harrys Hoodie verließ ich das Bad schließlich, nachdem ich es aufgeräumt hatte, und ging ins Wohnzimmer, da ich Harry dort am ehesten vermutete. Tatsächlich saß er auf dem Sofa und sah mich erwartungsvoll an, als hätte er auf mich gewartet.
"Ist alles okay?", erkundigte ich mich etwas besorgt und ließ mich neben ihm nieder, während er sich mir zuwandte und ein kleines Päckchen hinter sich hervorholte.
"Das hier ist für dich", erklärte er leise und drückte mir das schwarze Schächtelchen in die Hand. "Zu Weihnachten. Ich wollte es dir gestern schon geben, aber ich wusste nicht, wann."
"Was? Aber du solltest doch nichts kaufen", stammelte ich überwältigt und sah zu ihm auf.
"Habe ich auch nicht. Machs auf", gab er zurück und lächelte leicht. Etwas zögerlich löste ich die Schleife und schob den Deckel der Packung nach oben, um darin eine silberne Kette zu finden. Die silberne Kette, die Harry immer trug, und deren Anhänger die Form eines Papierflugzeuges hatte.
"Ist das-", begann ich.
"Ich will, dass du sie hast", antwortete er lächelnd und nahm sie heraus, um sie mir anzulegen. "Damit du immer weißt, dass ich bei dir bin. Selbst wenn wir beide bald auf Tour gehen, trennt uns immer nur ein Flug von einander."
"Das kann ich nicht annehmen", stammelte ich und drehte mich zu ihm.
"Ich will das hinbekommen, Tay", flüsterte er und nahm meine Hände in seine. "Und die Kette wird dich daran erinnern, wenn ich nicht da bin, um es zu tun."
"Sie bedeutet dir doch so viel", murmelte ich und blickte auf den silbernen Anhänger, welcher von meinem Schlüsselbein hing.
"Genauso wie du", gab er zurück und grinste. "Frohe nachträgliche Weihnachten, Baby."
"Danke", hauchte ich und beugte mich zu ihm, um ihn zu küssen. Harry erwiderte den Kuss zunächst zögerlich, bald aber leidenschaftlich, und zog mich näher zu sich, bis ich auf seinen Schoß krabbelte. Seine Hände fanden den Weg zu meiner Taille, während ich meine in seinen Haaren vergrub. Es war unfassbar, wie schön sich seine Nähe und Küsse nach all der Zeit noch immer anfühlten; wie er mir noch immer das Gefühl gab, mein Bauch müsste implodieren, sobald er mich berührte. Gott, ich liebte ihn. Seine Hände fanden den Weg unter den Hoodie, während Harry sich der Länge nach aufs Sofa sinken ließ. Auch wenn unser Kuss von Moment zu Moment leidenschaftlicher wurde, achtete ich genau darauf, wo seine Finger herum wanderten, und stoppte ihn auch, als sie gefährlich nahe an den Verschluss meines BHs kamen, indem ich mich aufrichtete.
"Ich bin noch nicht so weit", erinnerte ich ihn leise und betrachtete ihn, während seine Hände auf meinen Oberschenkeln ruhten.
"Und trotzdem sitzt du gerade auf mir", konterte er grinsend.
"Knutschen ist was anderes", erklärte ich und sah ihm dabei zu, wie er sich aufrichtete, um einen flüchtigen Kuss auf meinen Lippen zu platzieren.
"Ist schon gut, ich zieh dich nur auf", bemerkte er lächelnd und strich eine meiner Haarsträhnen hinter mein Ohr. "Wir warten."
"Danke", gab ich erleichtert zurück. "Dann kann ich dir jetzt ja dein Geschenk geben."

all you had to do was stayStories to obsess over. Discover now