Kapitel 54

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Harry POV;

Taylor regte sich das erste Mal wieder, als wir endlich das Ortsschild meiner Heimatstadt passierten. Nach verdammten zwei Stunden im Stau und tausenden von Baustellen auf dem Highway war meine Geduld wirklich am Ende. Ich hasste es, von solchen beschissenen Hindernissen aufgehalten werden. Da hatte es auch nicht geholfen, als Tay niedlicherweise versucht hatte mich mit dummen Witzen oder Spielen, die sie von längeren Autofahrten kannte, abzulenken. Glücklicherweise hatte sie, nachdem ich, wie das beschissene Arschloch das ich eben war, nur minder interessiert darauf eingegangen war, irgendwann aufgegeben gelbe Autos zu zählen und war eingeschlafen. Es war wirklich faszinierend, wie viel sie schlafen konnte. Irgendwann musste sie doch die Energie, die ihr ihr Leben und die Leute aus ihrem Umfeld raubten, nachgeholt haben. Anscheinend konnte sie das aber niemals, denn jedes Mal, wenn sie bei mir war, schlief sie unheimlich viel. Nachts, manchmal tagsüber, wenn wir lange Auto fuhren. Es störte mich aber nicht wirklich, schließlich wollte ich ihr all die Ruhe und Sicherheit geben, die sie sonst anscheinend nie hatte. Es hatte lange genug gedauert, bis sie sich bei mir wieder so wohl gefühlt hatte. Außerdem hatte sie sich so noch einmal zwei Stunden lang ausruhen können, während ich mich schweigend über die beschissenen Verkehrsmaßnahmen aufgeregt und gleichzeitig versucht hatte, mich mit The 1975 im Radio zu beruhigen, um nicht auszurasten und sie am Ende noch zu wecken. So blieb ihr Zeit erspart, in der sie sich nur unnötig wegen meiner Familie verrückt machte oder wieder einmal mitbekam, was für ein aggressives Stück Scheiße ich war.
"Sind wir schon da?", erkundigte sich Tay nach einigen Momenten schläfrig und setzte sich aufrechter hin, wie ich aus dem Augenwinkel beobachten konnte. Sie war zu süß, wenn sie gerade erst aufwachte. Ihre Stimme war immer ein wenig belegt und kratzig und ihre Haare hingen ihr meistens wirr ins Gesicht.
"Fast, Schlafmütze", gab ich grinsend zurück und legte meine Hand vorsichtig auf ihr Knie, um ein wenig darüber zu streichen. Ich konnte die Finger einfach nicht von ihr lassen. "Hast du gut geschlafen?"
"Wie eine Prinzessin", gab sie neckend zurück und streckte sich, ehe sie meine Hand in ihre nahm und meine Finger fest drückte. Ich liebte es so sehr, wenn sie das tat. So, als wollte sie mir zeigen, dass sie mir nahe war, obwohl ich sie nicht die ganze Zeit ansehen konnte. "Habe ich die ganze Fahrt verschlafen?"
"So gut wie", antwortete ich müde und warf einen Blick auf die Uhr. Verdammte, scheiß Baustellen. Wir hatten fünf Stunden für eine Strecke von drei gebraucht. "Aber jetzt sind wir ja gleich da."
"Ja, zum Glück", erwiderte sie. Aus dem Augenwinkel bekam ich mit, wie sie sich aufrechter hinsetzte und ihre Kleidung glättete. Auch, wenn sie sich alle Mühe gab, es zu verstecken, wusste ich genau, wie nervös sie wahrscheinlich war. Auch, wenn ich nicht verstand, wieso gerade sie - die perfekteste Frau auf dieser beschissenen Welt - Angst davor hatte, nicht akzeptiert zu werden.
"Baby, mach dir keinen Kopf", bat ich und verstärkte meinen Griff um ihre Finger. "Falls überhaupt schon irgendwer da ist, werden sie dich lieben. Und wie gesagt, wenn nicht, scheiß' ich drauf. Das einzige, was zählt, sind du und ich."
"Manchmal wünschte ich, ich hätte etwas von deinem Selbstbewusstsein", murmelte sie und platzierte einen Kuss auf meinem Handrücken, weswegen mich sofort ein warmes Gefühl durchströmte. Sie machte mich wirklich verrückt.
"Ist auch nicht immer das Beste", gab ich grinsend zurück und löste meine Hand vorsichtig aus ihrer, um auf das Grundstück meiner Mutter zu fahren und meinen Wagen zu parken. Sobald das geschehen war, wandte ich mich ihr zu und sah in ihre wunderschönen Augen. Ich konnte das noch so oft tun, ich wurde nicht müde davon. Und das Herzpochen, ehe ich ihr die folgenden Worte sagte, ebbte aus irgendeinem verdammten Grund auch nicht ab. "Tay, ich liebe dich. Das ist das einzige, was zählt. Und meine Mum mag dich auch, was hast du also schon zu verlieren?"
"Ich liebe dich auch, Harry", flüsterte sie und sah mich mit einem aufgesetzten Lächeln an. Keine Ahnung wie, aber aus irgendeinem Grund schaffte sie es immer, die Worte zu erwidern - selbst, wenn ich nicht darauf aus war, sie zu hören. Völlig egal, in welchem Zusammenhang ich sie äußerte, sie gab sie jedes Mal zurück, nur, damit ich mich nicht zurückgewiesen fühlte. Gott, sie war verdammte Perfektion. "Lass uns reingehen. Deine Familie wartet bestimmt schon."
"Na gut", gab ich zurück, zog sie aber noch einmal zu mir, ehe sie die Beifahrertür öffnen und aussteigen konnte. Ich hatte sie viel zu lange nicht nahe genug bei mir gehabt, obwohl sie direkt neben mir gesessen hatte - ich musste sie einfach küssen. Himmel, davon bekam ich niemals genug. Von ihren weichen Lippen, von ihrer Liebe und von ihr. Als ich mich von ihr löste, lächelte sie, wie so oft, wenn ich sie unerwartet küsste, unschuldig und schelmisch zugleich - und ich weiß bis heute nicht, ob sie das unwillkürlich oder absichtlich tat. So oder so machte sie mich verrückt. "Nur du und ich, Baby. Vergiss das nicht."
"Wenn du das sagst", seufzte sie und entfernte sich von meinem Gesicht, weswegen ich ausstieg und ihr die Tür öffnete. Da es in der Zwischenzeit zu schneien begonnen hatte und ich genau wusste, dass Tay ihre Mütze zuhause liegen gelassen hatte, zog ich mein Beanie vom Kopf und setzte es ihr vorsichtig auf. Sie sollte nicht vollgeschneit werden, wenn ich das verhindern konnte. Sie kommentierte meine Handlung nur mit einem schmalen und dankbaren Lächeln, ehe sie sich auf die Zehenspitzen stellte und mir die Kapuze meines Sweatshirts überzog. "Danke."
"Für dich alles", antwortete ich leise und ging dann mit ihr zum Kofferraum, um unser Gepäck auszuladen. Ich hasste es, sie etwas tragen zu lassen, aber es ging leider an diesem Wochenende nicht anders, weil sie beschissene zehn Tonen an Gepäck dabei hatte. Sie hatte gesagt, sie wollte für jeden Fall gewappnet sein - vielleicht meinte sie damit ja auch eine Eiszeit oder so einen Schwachsinn. Aber mir sollte es egal sein, solange sie glücklich war. Scheiße war nur, dass sie mindestens eine Tasche an sich nehmen musste, ohne dass ich protestieren konnte.
"Harold, wie kannst du deiner Lady eine so große Tasche zumuten?" Robins Stimme riss mich schlagartig aus meinen Gedanken, während ich mich aufrichtete und meinen Blick auf die Haustür richtete. Wie er eben komischerweise war, kam er selbst bei Minusgraden und knöchelhohem Schnee in Pantoffeln und Jogginghose aus dem Haus, wenn er jemandem helfen konnte. Wenn er mich in diesem Moment nur nicht wie ein beschissenes Arschloch dargestellt hätte.
"Wenn ich einen dritten scheiß Arm hätte, würde ich ihr die abnehmen", murmelte ich genervt, während Robin Tay die Tasche aus der Hand nahm und sie herzlich begrüßte. Er hatte Tay schon seit dem ersten Treffen geliebt. Wenn er voll am Rad drehte, schwörte er sogar darauf, dass sie seine Schwiegertochter wurde. Ich konnte nur hoffen, dass er so eine Scheiße nicht in ihrer Gegenwart sagte. Nicht, weil mir die Vorstellung nicht gefiel, Tay für immer mein nennen zu können - eher, weil er sie so wahrscheinlich verscheuchte. Und so langsam wusste ich nicht mehr, wie ich sie noch einmal zurückholen konnte. Ich wusste genau, dass sie immernoch an uns zweifelte, auch wenn wir beide versuchten, das zu verdrängen. Wenn Robin das verstärkte - keine Ahnung, was ich dann tat.
"Du sollst nicht immer so viel schimpfen, Harry", gab er zurück und entledigte mich auch einer Tasche, was ich nur mit einem genervten Schnaufen kommentierte. Tay musste denken, ich war ein beschissener Waschlappen, wenn mein Stiefvater mir helfen musste, ihre Sachen zu tragen.
"Komm, Schatz", murmelte Tay unsicher und legte mir sanft eine Hand auf die Schulter, als Robin schon den Treppenabsatz zur Eingangstür hochging, wo meine Mutter bereits wartete. Ich warf einen Blick in Richtung des Hauses, ehe ich Taylor ein schmales Lächeln zuwarf und ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange gab. Ich musste in diesen Momemten auf meine Wut auf alles scheißen - schließlich wussten wir beide nicht, welche meiner Familienmitglieder wirklich im Haus warteten und wie sie damit umging. Ich wusste zwar noch nicht recht, wie ich das machen sollte, aber es war an mir, ihr ihre Angst zu nehmen. Nur zu gern hätte ich in diesem Augenblick ihre Hand genommen oder ihr auf sonst irgendeine Weise gezeigt, dass ich sie beschützte, vor was auch immer, doch ich war vollkommen bepackt, bis ich endlich alle Taschen loswerden konnte. Während ich mich damit beschäftigte, das Gepäck in mein Zimmer zu bringen, nahm meine Mutter Tay so herzlich in Empfang, wie sie eben war. Hoffentlich nahm das Tay ein wenig ihrer Ängste.
"Hallo, mein Sohn", murmelte sie, als ich die Treppen wieder herunterkam und sie Tay los ließ, um auf mich zuzukommen und mich in den Arm zu nehmen. Ich verdrehte zwar die Augen, war aber insgeheim verdammt froh, sie wieder zu sehen. Seit mein Leben so verrückt und voller Musik war, sah ich sie und Gemma nur noch selten. Auch, wenn ich es niemals zugab, die beiden fehlten mir scheiße sehr. "Alles Gute zum Geburtstag, Harold."
"Hey, Mum", gab ich zurück und erwiderte ihre Umarmung, ehe ich mich löste und sofort nach Taylors Blick suchte. Da sie mir ein schmales Lächeln schenkte, wurde ich ein bisschen ruhiger. Trotzdem wollte ich so schnell wie möglich wieder so nahe wie möglich zu ihr, weswegen ich ein paar Schritte auf sie zu machte.
"Wie wäre es, wenn ihr schonmal auspackt und ich das Abendessen nochmal wärme? Ihr müsst am Verhungern sein", schlug Mum vor, weswegen ich leicht nickte.
"Kommt heut noch irgendwer?", erkundigte ich mich, während ich mich aus meinen Schuhen schälte.
"Nein, niemand. Nur Gemma ist noch unterwegs", antwortete sie schulterzuckend. "Der Rest kommt erst morgen zur Feier."

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