Da wir aufgrund unserer Diskussion relativ spät dran waren, mussten wir uns immerhin nicht in einer langen Schlange anstellen, um Karten zu kaufen. So entgingen wir gleichzeitig auch der Gefahr, frühzeitig erkannt zu werden und unnötig irgendwelche Aufmerksamkeit auf uns zu ziehen, was an diesem Abend wirklich unpassend gewesen wäre. Schon der Eingang der riesigen Eishalle war wunderschön geschmückt, denn überall hingen Lichterketten und aus Papier geschnittene Schneeflocken. Je näher wir der Zuschauertribüne kamen, desto fester schlossen sich Harrys Finger um meine. Obwohl ich versuchte, mich auf unsere Umgebung zu konzentrieren und vielleicht sogar Selma irgendwo zu erblicken, achtete ich auch auf Harry, und der wirkte sehr ernst und nervös. Im Gegensatz zu mir konzentrierte er sich nicht auf das, was um uns herum war, sondern schien nur darauf zu warten, dass etwas Schlimmes passierte oder ihn jemand, von dem er es nicht wollte, ansprach. Um nicht aufzufallen, wartete ich, bis wir zwei Plätze ziemlich weit vorne gefunden hatten und wandte mich dann erst ihm zu.
"Alles ist gut, okay?", erinnerte ich ihn leise und drückte seine Hand fest, woraufhin er sie aus meinem Griff löste und leicht nickte. Und schon begann es wieder; er schloss mich aus. Da aber in genau diesem Moment auf einmal die Musik des ersten Aktes einsetzte, konnte ich ihn nicht mehr darauf ansprechen, weswegen ich mich auf meinem Stuhl zurücklehnte und tief durchatmete. Mich machte Harrys Verhalten ungemein nachdenklich und irgendwie verletzte es mich auch, doch ich versuchte immer im Hinterkopf zu behalten, dass er eigentlich nicht hier sein wollte und er schon vorher ziemlich still war. Er war nur wegen mir gekommen, deswegen sollte ich ihm nicht noch näher treten und ihn dazu nötigen, mit mir zu reden, wenn er es nicht wollte. Nur so konnte ich auch ein bisschen auf das Ballettstück, welches sich vor meinen Augen abspielte, achten, und entdeckte auch bald Selma. Die Musik verriet, dass es sich bei dem Stück um den Nussknacker handelte, und Selma stach mir bald als Clara ins Auge. Als ich realisierte, wie wichtig ihre Rolle war, und dass sie am Nachmittag völlig untertrieben hatte, schlich sich unwillkürlich ein Lächeln auf meine Lippen. Sie machte ihren Job großartig und bewegte sich unheimlich graziös, und das bemerkte ich, auch wenn ich mich mit dem Sport an sich nicht wirklich auskannte. Mich beeindruckte das Gesamtbild unheimlich: Die verschiedenen Bühnenbilder, die mit jedem Akt wechselten, die Kostüme der Tanzenden und deren Darbietung, vor allem aber das Vertrauen, das die einzelnen Partner einander entgegen bringen mussten. Selma, alias Clara, wurde mehrere Male in unheimlich waghalsigen Situationen von ihrem Nussknacker hochgehoben und über die Eisfläche getragen; dabei sah der Nussknacker nicht einmal so stark aus. Zu meiner Beruhigung ließ er sie aber nicht fallen und alles ging gut, was auch der Grund dafür war, dass ich erst bei der Verbeugung der Schauspieler aufatmen konnte. Dafür schloss ich mich dabei der Standing Ovation um mich herum an und applaudierte begeistert, während Harry sitzen blieb, aber immerhin klatschte. Selma erspähte uns, als die Gruppe noch einmal eine Runde um die Eisbahn drehte, ehe sie endgültig abgingen und das Event somit beendeten. Sie grinste sofort breit und winkte uns beiden, was ich in unser beider Namen erwiderte. Vor allem in diesem Moment musste ich mich wieder daran erinnern, dass ich mich nicht aufregen durfte und Harry seine Freiräume lassen musste, da er ja nur wegen mir dort war. Er wollte Selma nicht zeigen, dass er etwa wegen ihr dort war, obwohl ich mir sicher war, dass ihm das Stück gefallen hatte. Das zeigte er mir auch, indem er sich sofort nach dem Auszug erhob und mich zu sich zog, sodass er mir etwas ins Ohr flüstern konnte: "Gehen wir?"
"Können wir nur noch ganz kurz schauen, ob wir Selma irgendwo finden?", erkundigte ich mich und sah zu ihm auf, während er die Augen verdrehte und über mich hinweg sah.
"Taylor", murmelte er unruhig und sah sich versucht unauffällig um.
"Bitte", setzte ich nach zwang ihn, mich anzusehen, indem ich meine beiden Hände an seine Wangen legte. Ich wusste, dass ich seine Geduld nicht strapazieren sollte, aber ich hatte wirklich vor, nur kurz zu Selma zu gehen und ihr zu sagen, wie gut sie getanzt hatte. Dabei stand für mich im Vordergrund, dass Harry sich mit ihr befasste und über seinen Schatten sprang, denn ich war der festen Überzeugung, dass seine Cousine nicht so schlimm war, wie er dachte.
"Dann geh, verdammt", zischte er und steckte seine Hände in seine Jackentaschen, während ich mir Mühe geben musste, um mit ihm Schritt halten zu können. Da die Halle ovalförmig aufgebaut war, stießen wir bald schon auf die Umkleideräume der Tänzer und suchten die weißen Türen des grün gestrichenen Flurs hinter den Tribünen nach Selmas Namen ab, bis wir ihn schließlich auf der vorletzten fanden - er stand, fast wie bei einer großen Hollywoodproduktion, in der Mitte eines großen, gelben Sterns, der mit Klebeband an der Tür angebracht war. Sobald ich klopfte, schlossen sich jedoch Harrys Finger um meine Hand und drückten sie fest, während sein Gesichtsausdruck weiterhin unverändert und, vor allem, ernst blieb.
"Ihr seid wirklich gekommen!", jubelte Selma, als sie öffnete, und ging grinsend zur Seite, damit wir in ihren kleinen Umkleideraum eintreten konnten.
"Du warst großartig", antwortete ich begeistert und blickte zu Harry, der daraufhin nickte.
"Ja", stimmte er zu und vergrößerte so das Lächeln auf ihren Lippen, änderte seine eigene Mimik aber nicht im Geringsten.
"Harold", stellte eine überraschte Stimme fest, die zu einer Frau gehörte, die ungläubig auf uns zu kam. Sie hatte ebenso dunkles Haar wie Selma und trug ein figurbetonendes, rotes Kleid, das ihr wirklich gut stand. "Es ist wirklich schön, dich zu sehen."
Harry nickte nur leicht zur Antwort und zog mich ein wenig zu sich, weswegen der Blick der Frau auf mich überging. Sie musterte mich offensichtlich, aber freundlich und streckte mir dann lächelnd ihre Hand entgegen.
"Du musst Taylor sein. Selma hat mir viel von dir erzählt", bemerkte sie und lächelte, als ich ihren Handschlag erwiderte. "Ich bin Mary-Louise, Harrys Tante und Selmas Mum."
"Freut mich, Sie kennenzulernen", gab ich lächelnd zurück. Sie betrachtete mich noch einige Momente, ehe sie sich an Harry wandte und ihn besorgt betrachtete.
"Du weißt, dass wir dich gerne bei uns haben", begann sie und legte fürsorglich eine Hand auf seine Schulter. "Aber du solltest wissen, dass dein-"
"Die Schande der Familie hat sich also auch her getraut", unterbrach eine dunkle, tiefe Stimme unsere Unterhaltung und ließ mich herumfahren, während Harry augenblicklich versuchte, mich näher zu sich zu ziehen. Vor mir stand ein großer, gut genährter Mann, der einen grauen Anzug und ein dunkelrotes Hemd mit gelben, schmalen Streifen trug. Sein schwarzes Haar hing ihm wirr in die Stirn und unterstrich den selbstgefälligen Ausdruck auf seinem Gesicht, denn er hatte mit viel zu viel Gel versucht, seine Haare irgendwie zu stylen, war aber offensichtlich damit gescheitert. Trotzdem fiel mir eines sofort auf: Harry war ihm wie aus dem Gesicht geschnitten. "Kannst du deiner Cousine nicht einmal diesen Moment des Ruhms gönnen? Musst du auch hier deine sinnlose, wertlose Karriere breit treten?"
"Ich habe die beiden eingeladen", bemerkte Selma kleinlaut und verschränkte ihre Arme vor der Brust; von ihrem wunderschönen Lächeln war nichts mehr zu sehen. Harrys freie Hand zog mich zu sich und seine Griffe verstärkten sich, während ich verwirrt zwischen den Personen hin- und hersah.
"Von seinem Betthäschen will ich gar nicht anfangen", gab Harrys Zeuger zurück und betrachtete mich mit einem abschätzenden Blick.
"Des!", zischten Selma und ihre Mutter wie aus einem Mund, während Harrys Atmung mit jedem Moment schneller wurde.
"Halt deine verdammte Schnauze, du Arschloch!", feuerte Harry zurück und schob mich hinter sich, auch wenn ich mich dagegen ein wenig wehrte. Es drohte zu eskalieren, und das war nur meine Schuld, deswegen wollte ich mich nicht zur Seite schieben lassen.
"Ich sage nur, wie es ist", gab Harrys Vater zurück und ließ sich auf einem Sofa nahe der Tür nieder. "Du verdienst dein Geld mit etwas, das jeder kann. Und dass du dein Blondchen hier mit herschleppst, zeigt nur, dass ihr die doppelte Aufmerksamkeit haben wollt."
"Desmond, sei still!", mischte sich Mary-Louise abermals ein und stellte sich zwischen die beiden, sodass Harry seinem Vater nicht zu nahe kommen konnte. Harrys Hände ballten sich in der Zwischenzeit zu Fäusten, und ich merkte, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis er sich vergaß.
"Vielleicht sollten wir gehen", mischte ich mich ein und lenkte so die Aufmerksamkeit des Raumes auf mich, was vielleicht nicht einmal so schlecht war, da auch Harry sich deswegen zu mir wandte. In seinen Augen loderte blanke Wut auf, als er mich ansah, was mir eine unheimliche Gänsehaut über den Körper jagte. Noch nie hatte er mich so angesehen, noch nicht einmal nach unserer Trennung, als ich mit ihm wegen Adam gestritten hatte. Sein Inneres schien ihn völlig einzunehmen, seine Dämonen übernahmen die Oberhand. Ich hatte gewusst, dass er nicht die beste Beziehung zu seinem Vater pflegte, doch ich hatte mir nie träumen lassen, dass er so verwundbar war, was ihn anging.
"Vielleicht solltet ihr das, ja", stimmte Des, wie Selma und ihre Mutter ihn genannt hatten, zu. "Geht und suhlt euch in eurem unverdienten Geld. Aber pass auf, Schätzchen, morgen sucht er sich ein anderes Blondchen zur Bespaßung."
"Ich schwöre zu Gott, ich werde-", begann Harry, während sein Kopf wieder zu seinem Vater schnappte, und er auf ihn zu ging. Mary-Louise hatte Schwierigkeiten, zwischen den beiden zu bleiben, da sie sichtlich verängstigt war. Anscheinend wusste sie genau, wozu Harry fähig war, und dass Des ihn dazu bringen konnte. Er hatte schon ausgeholt und ging direkt auf seinen Vater zu, als ich nach vorne stürzte und mich noch vor Mary-Louise stellte. Harrys Blick war leer und teilnahmslos, bis ich meine Hände zwischen uns auf seine Brust legte und ihn ein wenig wegdrückte.
"Hey", flüsterte ich und hoffte inständig, dass er sich besänftigen lassen würde. Ich wusste, dass er mir niemals wehtun würde, doch so, wie in diesem Moment, hatte ich ihn auch noch nie erlebt. "Harry, lass uns gehen."
"Hör auf deine Nachtbespaßung", mischte sich Des abermals ein und ließ mich herumfahren.
"Passen Sie mal auf, sie Ekelpaket", begann ich etwas lauter und sah den schmierigen Kerl vor mir an. "Sie sind jetzt mal ganz leise, bevor ich mich vergesse. Die Tatsache, dass sie ihren eigenen Sohn so fertig machen, liegt wahrscheinlich nur daran, dass sie mit ihrem eigenen Leben total unzufrieden sind. Falls sie hoffen, mich mit ihren niveaulosen Beschimpfungen verschrecken zu können, haben sie sich verdammt geschnitten. Dazu müsste ich mich auf ihr Niveau begeben, und, ganz ehrlich-"
"Tay", unterbrach mich Harry und schlang von hinten seine Arme um meinen Bauch, um mich von seinem Vater wegzuziehen, da dieser sich in diesem Moment erhob. "Wir gehen."
Ich hatte überhaupt nicht mitbekommen, wie sehr ich aus mir gegangen war, bis Harry mich in die Realität zurückholte. Er löste seinen Griff erst, als ich tief durchgeatmet hatte, und mich nickend zu ihm drehte. Er griff nach meiner Hand, ehe er mit mir zur Tür ging. Wir waren schon im Flur und machten uns auf in Richtung Ausgang, als von hinten noch einmal Des' Stimme ertönte.
"Ich hoffe ihr habt wenigstens ne schöne Nacht dafür, dass ihr euch hier so aufgeführt habt!", rief er uns nach. In diesem Moment hörte ich förmlich die Sicherung, die in Harry durchbrannte, und dann ging alles ganz schnell. Er löste sich aus meinem Griff, wandte sich um und ging schnell zurück zu seinem Vater, um diesem mit geballter Faust eine zu verpassen. Des ging sofort zu Boden, während Harry ihn einen kurzen Moment schwer atmend betrachtete. Als Selma und ihre Mutter fassungslos aus der Kabine kamen, kehrte er wortlos um, ergriff meine Hand und zog mich aus der Halle. Die kalte Winterluft nahm uns unbarmherzig in Empfang, als wir durch die Tür stürmten, und brannte auf meiner Haut. Die Temperatur ähnelte Harrys Verhalten mir gegenüber. Wenn er nicht meine Hand fest gehalten hätte, hätte ich in diesem Moment wirklich an uns zweifeln können. Mir war klar, dass er wütend und vollkommen außer sich war, und ich wusste nicht, was als nächstes kommen würde oder wie ich mich am besten verhalten sollte. Ich konnte die Situation überhaupt nicht einschätzen, und das machte mir Angst. Vor Harry fürchtete ich mich nicht, niemals, aber vor den Momenten, die folgen würden. Im Auto sagte er kein Wort, und er legte auch seine Hand nicht in meinem Schoß ab, während er fuhr. Er achtete nicht auf irgendwelche Geschwindigkeitsbegrenzungen oder darauf, ob ihm andere Autos in den Weg geraten konnten, er fuhr so wie es ihm in diesem Moment passte. Der Motor heulte ungesund auf, als er im Parkhaus neben dem Wohnungskomplex, in dem sich sein Apartment befand, in einer freien Parklücke zum Stehen kam. Mit ernsten Gesichtszügen zog er den Zündschlüssel und griff nach dem Griff der Fahrertür, um auszusteigen, als ich die Stille zwischen uns mit zittriger Stimme brach.
"Es tut mir leid", flüsterte ich und sah zu ihm, während er in seiner Bewegung inne hielt. In diesem Moment wünschte ich mir so sehr, dass er mich einfach ansah und küsste; dass er mir zeigte, dass trotzdem irgendwie alles okay war. Das war es aber nicht, und das wusste ich nur zu gut. Ich war der Grund dafür, dass er diesen schrecklichen Abend hatte erleben müssen, obwohl er deutlich gemacht hatte, dass er das nicht wollte.
"Mir auch", gab er zurück und stieg aus. Ich folgte ihm, nachdem ich einmal tief durchgeatmet hatte, und stieß beinahe mit ihm zusammen, als ich mich aufrichtete. Trotz allem war er um das Auto herumgekommen und wollte mir die Tür öffnen, was mir fast das Herz zerbrach. Er hatte es nicht verdient, so viel wegen mir zu leiden. Als ich sicher auf meinen Beinen stand, schlug er die Tür hinter mir zu und drückte mich gegen das Auto. Mir war gar nicht aufgefallen, dass ich weinte, bis er eine Hand zu meinem Gesicht brachte und unter meinen Augen etwas wegwischte. "Hör auf zu weinen, Baby."
"Sorry", murmelte ich und wich seinem Blick aus, wobei mir seine rechte Hand auffiel.
Schuldbewusst griff ich danach und hielt sie zwischen uns, um seine blutigen Knöchel genauer betrachten zu können. "Ich mein's ernst. Es tut mir-"
"Hör auf, dich zu entschuldigen", unterbrach er mich und fixierte meine Augen mit seinen. Ich konnte seinem Blick nur schwer Stand halten, weil ich mich so furchtbar schuldig fühlte.
"Aber es ist meine Schuld", gab ich mit zittriger Stimme zurück. Ich wollte nicht weinen. Ich wollte ihm nicht zeigen, wie schwach und verletzlich ich war; wie einfach es war, mich zu brechen. Er sollte denken, dass ich mich geändert hatte und stärker als zu der Zeit war, in der er mich betrogen hatte. Doch in diesem Augenblick konnte ich mich nicht mehr zusammenhalten.
"Nichts was er über dich gesagt hat, trifft zu, okay?", erinnerte er mich leise und wischte mir abermals meine Tränen aus dem Gesicht. "Du weißt, dass du für mich nicht nur irgendeine Bettgeschichte bist, oder? Du bist mehr. Das weißt du."
"Ja", gab ich, ohne nur eine Sekunde darüber nachzudenken, zurück und nickte. "Ich vertraue dir."
"Gut", murmelte er. Sein Gesicht nahm wieder ernstere Gesichtszüge an, während er einen Schritt zurück ging und dann in Richtung des Treppenhauses nickte. "Lass uns hoch gehen."
Er gab mir überhaupt keine Chance für eine Antwort, denn sobald er geendet hatte, machte er sich auf zu seinem Apartment. Wie von selbst folgten meine Füße seinem Weg, bis ich schließlich die Tür hinter mir schloss und mich dagegenlehnte. Es war gut, dass Harry mit mir nach Hause gefahren war, anstatt in irgendeiner Bar zu versuchen, sich zu beruhigen. So musste er sich seinen Problemen mehr oder weniger stellen, ohne die Möglichkeit zu haben, sie in Alkohol zu ertränken.
"Komm her", verlangte er wie aus dem Nichts und ließ mich erschrocken herumfahren. Er stand mit ausgebreiteten Armen vor mir, wie so oft, und wartete darauf, dass ich mich gegen ihn lehnte. Ohne zu überlegen folgte ich seinem Wunsch und vergrub meinen Kopf in seiner Schulter, während er mich fest an sich drückte und tief durchatmete. Sein Herz hämmerte unheimlich gegen unserer beider Brust, wurde aber mit jedem Atemzug ein wenig ruhiger, was auch auf mich überging. "Wieso weinst du, Baby?"
"Weil alles meine Schuld ist", schniefte ich gegen seinen Pullover und öffnete meine Augen. "Ich hätte niemals gedacht, dass er so ein Arschloch ist."
"Du hast ein Schimpfwort gesagt", bemerkte er, und in jeder anderen Situation hätte er das witzig gefunden und ich mich für mein loses Mundwerk in Grund und Boden geschämt, doch nicht in diesem.
"Scheiß drauf", murmelte ich und löste mich etwas von ihm, um ihn ansehen zu können. "Ich wollte dir nicht wehtun."
"Hast du nicht", gab er mit einem gebrochenen Lächeln auf den Lippen zurück und strich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. "Ich fand es sogar ein bisschen scharf, wie du ihm die Stirn geboten hast."
"Ach, sei leise", murmelte ich und fuhr durch sein Haar. Seine Augen wirkten trüb; das Glänzen in ihnen war gewichen. "Wie geht es deiner Hand?"
"Alles gut", antwortete er sofort, weswegen ich mit zusammen gezogenen Augenbrauen nach seinen Fingern griff und sie zwischen uns hielt.
"Setz dich aufs Sofa", verlangte ich und löste mich aus seiner Umarmung, um aus dem Badezimmer einen Verbandskasten zu holen. Natürlich war nicht alles gut - die aufgeplatzte Haut schien immer mehr Schaden zu nehmen, je länger sie nicht behandelt wurde. Ohne ein weiteres Wort zog ich meinen Mantel aus und warf ihn über die Lehne des Sofas, um mich danach neben Harry zu setzen und seine Wunden zu säubern.
"Déjà-vu", kommentierte er unsere Position und zauberte mir so ein kleines Grinsen auf die Lippen.
"Wenn du dich immer schlagen musst", erwiderte ich schulterzuckend und begann, einen Verband um seine Knöchel zu wickeln. Als ich fertig war, legte ich das restliche Verbandszeug auf den Sofatisch vor uns.
"Eigentlich müssen wir jetzt rumknutschen", bemerkte er und schenkte mir ein schmales Grinsen. Die Stimmung war trotz seinen ganzen Aufheiterungsversuchen vollkommen im Keller, da wir beide wussten, was an diesem Abend noch bevorstand.
"Nein. Eigentlich müssen wir über das reden, was passiert ist", entgegnete ich leise und erwiderte seinen Blick, welcher sofort wieder von ernsten Gesichtszügen umrahmt wurde.
"Da gibt es nichts zu reden", erwiderte er schulterzuckend und verlagerte sein Gewicht. Zwischen uns war viel zu viel Platz - er saß auf dem einen Ende des Sofas und ich auf dem anderen, dabei brauchte ich seine Nähe in diesem Moment so sehr. Ich wusste aber nicht, ob er genauso empfand, weswegen ich auf meinem Platz blieb und ihm den Raum gab, der mir möglich war.
"Was ist das zwischen deinem Vater und dir?", fragte ich trotz seiner Aussage kleinlaut und bereitete mich auf einen möglichen Ausbruch vor.
"Nichts", antwortete er schulterzuckend und stand auf. Ich merkte sehr wohl, dass er mit jeder Sekunde wieder angespannter wurde, wollte aber nicht aufgeben. Reden half doch, oder?
"Harry, ich glaube nicht, dass-", begann ich erneut, zuckte aber sofort zusammen, als er sich schlagartig umdrehte und mich unterbrach.
"Verdammt, Taylor", zischte er. "Ich will und werde nicht darüber reden! Wenn du dich also um deine eigene, scheiß Familie kümmern könntest und meine in Ruhe würdest, würdest du uns beiden einen Haufen Zeit sparen!"
Seine sonst schon machtvolle Stimme hatte noch mehr Wirkung, wenn er sie erhob. Sein Ziel für diesen Abend hatte er auf jeden Fall erreicht, da er mich vollkommen sprachlos ließ. So kannte ich ihn nicht; so wütend, so laut, so sauer auf mich. Einen kurzen Augenblick sahen wir uns noch an - er mich wütend, und ich ihn fassungslos - ehe er seine Schlüssel schnappte und die Wohnung verließ. Ich war zu geschockt, als dass ich ihm hätte folgen können, und in diesem Moment wusste ich nicht einmal, ob das an diesem Abend noch einen Sinn hatte.
(A/N: Guten Abend, ihr Lieben! Ihr glaubt gar nicht, wie sehr ich mich die letzte Woche darauf gefreut habe, heute endlich zu updaten. Ich bin so unglaublich gespannt auf eure Reaktionen zu diesem und vor allem den nächsten beiden Kapiteln - ich würde mich unwahrscheinlich freuen, wenn ihr sie mir mitteilen würdet. :-) Bis nächste Woche, bleibt wie ihr seid. Ihr seid wundervoll!! <3)
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all you had to do was stay
Fanfiction"Es war nie leicht, und auch, wenn es so schwer war, war es das immer wert." Nachdem Harry Taylor betrogen hat, geht für sie eine Welt unter. Sie vergräbt sich in Selbstmitleid und Einsamkeit, bis ihre Freunde sie schließlich dazu bringen, zurück in...
