Kapitel 50

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Der zweistündige Flug kam mir in diesen Momenten ganz gelegen, da ich so einen Grund hatte, mein Handy auszuschalten. Ich hatte nicht vor, mich bei Harry zu melden und wollte auch nicht, das er es bei mir tat, bis ich einen freien Kopf hattte. Irgendwie war an diesem Tag alles zu viel für mich - angefangen hatte es mit der eher weniger einvernehmlichen Versöhnung am Vortag. Harry wusste genau, wie er mich behandeln, was er sagen und tun musste, um mich so hinbiegen zu können, wie er es brauchte. Dazu brauchte er mir nur zu nahe kommen, dann schaltete sich mein Kopf anscheinend aus und ließ ihn das mit mir tun, was die Schutzmauern um mein Herz so sehr zu verhindern versuchten. Woran das lag, wusste ich auch nicht, aber es war etwas, was mir erst seit ich ihn kannte bei mir auffiel. Kein anderer hatte vorher so viel Einfluss oder so eine Macht über mich, wie Harry, und jedes Mal wenn ich darüber nachdachte, verunsicherte es mich gewissermaßen. Wie sollte ich mich vor weiterem Herzschmerz schützen, wenn er genau diesen Mechanismus bei mir ausstellte? Es konnte doch nicht richtig sein, dass ausgerechnet die Person, die mir den größten Schmerz zufügen konnte auch mein Herz in den Händen hielt. Oder?
Da war es wieder: Dieses "oder", das ich mir nach jeder rationalen Überlegung zu Beziehungen und Liebe stellen musste, seit ich Harry kannte. Er stellte all meine Überzeugungen und Regeln auf den Kopf, sodass ich keine Ahnung mehr hatte, ob diese überhaupt richtig waren. Andererseits war ich vor Harry auch mit der Wucht, mit der einen die eigenen Gefühle überrumpeln konnten, nicht vertraut. Erst seit ihm verstand ich das, von dem all die Romane und Filme sprachen, so richtig. Diese Schmetterlinge, die angeblich immer in einem rumflattern, wenn man seine große Liebe sieht. Die Gänsehaut, die einen umhüllt, sobald sie einen berührt. Die Leichtigkeit, mit der man alles tut, wenn alles gut ist. Genauso aber auch den Schmerz, den man spürt, wenn man diesen Menschen verliert. Diese Wertlosigkeit, die man auf sich überträgt, wenn man betrogen wurde. Die Angst davor, jemals wieder so einen Schmerz zu erfahren, wie durch diese Person. Bei ihm war ich anders als bei anderen - ich war immer ich selbst, wenn ich bei ihm war. Die Taylor, die ich wirklich war und die nicht jeder kannte. Bei ihm fühlte ich mich wohl genug, um mal einen schlechten Witz zu reißen und in Jogginghosen rumzulaufen. Doch bei ihm war ich eben auch nicht die Taylor, die auf eine Bühne ging und vor tausenden von Leuten performte, um hinterher Hate-Kommentare einfach wegzustecken. Wenn es um ihn ging war ich nicht so stark, wie man vielleicht glaubte. Vielleicht war das mein Problem. Wenn das Liebe war, empfand ich vielleicht einfach zu stark für ihn.

Steve hatte den Trip geplant, als hatte er gewusst, dass ich gut Ablenkung brauchen konnte. Sofort als wir den Flughafen verließen ging es zum ersten Radiosender, wo ich sowohl zu einem Interview eingeladen, als auch für einen Auftritt gebucht war.
Der Name des Senders kam mir zwar nicht bekannt vor, mir gefiel die Location an sich aber von Anfang an. Es war nämlich nicht nur ein einfaches Gebäude, sondern ein gigantischer Turm mit einer beinahe komplett verglasten Kuppel direkt unter der Spitze, in der sich wohl auch die Büros befanden. Nachdem ich mein Make Up auf der Fahrt vom Flughafen zum Sender aufgefrischt hatte, fuhr ich mit Steve in einem unheimlich schnellen Aufzug den Turm entlang zur Kuppel, wo mich bereits zwei Reporter beziehungsweise DJs erwarteten. Mit meiner Schminke saß auch meine Maske wieder, sodass ich es ziemlich gut schaffte, meinen Privatkram in eine der hinteren Ecken meines Kopfes zu packen und mich voll und ganz auf meinen Job zu konzentrieren. Zumindest versuchte ich das.
Nach einer kurzen, aber sehr herzlichen, Begrüßung machten wir uns direkt an die Arbeit und begannen mehr eine Unterhaltung, als das gewöhnliche Frage-Antwort-Spiel. Wir sprachen über das Wetter in England und meinen Eindruck von den Leuten, darüber wie meine Tour lief und wie die beiden mein Album fanden. Wir diskutierten auch über das berühmte englische Bier, was die beiden total gerne mochten und mir überhaupt nicht schmeckte. Ehrlich gesagt war es schwer, auf meine Worte zu achten und mir so nicht versehentlich ein eigenes medienartiges Grab zu schaufeln, weil ich mich fühlte, als unterhielt ich mich mit guten Freunden. Wir drei waren sofort auf einer Wellenlänge und konnten über ein Thema reden, ohne zu persönlich oder einengend zu werden. Sie stellten mir keine Fragen darüber, wer meine Songs inspiriert hatte und wie meine Beziehung lief - es war ein simples, sehr angenehmes Gespräch. Ich ließ mich sogar dazu verleiten, spontan eine Akustikversion von meinem Song "22" zu spielen, ehe ich das Studio wechselte, um meinen gebuchten Auftritt zu erledigen. Der Raumwechsel musste deswegen sein, weil sie mich wohl mit einer Live-Cam filmen und auf ihre Website übertragen wollten. Meine Band hatte sich bereits dort eingerichtet, sodass ich mich nur noch auf meinen Hocker setzen, singen und Gitarre spielen musste.
Ehrlich gesagt fand ich es schon fast schade, als wir zum nächsten Termin aufbrechen mussten. Ich hatte schon lange nicht mehr so viel Spaß bei einem Interview wie diesem. Diese beiden Reporter behandelten mich wie einen vollkommen normalen Menschen, nicht wie einen abgehobenen Megastar. Sie traten mir vollkommen ohne Vorurteile oder eine Meinung über mich gegenüber und gaben mir so die Chance, meinen Fans durch dieses Interview einen Blick auf die Taylor zu geben, die ich wirklich war. Trotzdem verhielten sich die beiden aber sehr respektvoll und sprachen keine Themen an, die man auch keinen Fremden fragen würde, sodass ich mich zu keiner Sekunde unangenehm fühlen musste.
Trotzdem war mein Aufenthalt in Liverpool beruflicher Natur, weswegen es nicht anders ging, als weiter zu fahren. So gastierte ich an diesem Tag noch bei zwei weiteren Sendern, ehe ich endlich zum Hotel fuhr und mich ausruhen konnte. Ehrlich gesagt brauchte ich das zum Abend hin auch wirklich, weil sich natürlich direkt beweisen musste, dass nicht jedes Interview so lief, wie das erste. Die anderen beiden waren nicht nur Arbeit, sondern harte Arbeit. Die Reporter konnten kein "Nein" akzeptieren und hatten anscheinend auch keinerlei Grenzen - keine Frage war denen zu persönlich oder unangebracht. Außerdem behandelten sie mich, als wäre ich irgendeine abgehobene Tussi mit irgendwelchen Allüren, nur, weil ich meine eigene Gitarre benutzen wollte. Es war unfassbar anstrengend, durchgehend zu lächeln und mich nicht in Rage bringen zu lassen, weshalb es umso schöner war, endlich eine Tür hinter mir schließen und einmal tief durchatmen zu können.

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