Kapitel 46

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Harry POV;
"Das passt nicht", brachte ich genervt hervor und stand auf, als Ella die Hände vom Klavier nahm. "Es ist verdammt nochmal nicht gut genug."
"Gestern warst du noch begeistert", entgegnete sie und wandte sich mir seufzend zu.
"Ich sagte, dass es okay ist", verbesserte ich sie und lehnte mich gegen eine der Wände. "Okay ist aber verdammt nochmal nicht gut genug. Es muss perfekt sein."
"Es ist perfekt", murmelte sie und nahm das Blatt, das vor ihr auf dem Klavier lag, um darüber zu lesen. "Mir gefällt es."
"Du bist aber nicht die, der es gefallen soll", bemerkte ich. "Es geht nur um sie. Sie muss es mögen und mir glauben."
"Was stört dich an dieser Version?", erkundigte sie sich, so ruhig wie sie immer war, und klappte lautstark den Pianodeckel zu. Wenn sie mich nicht so gut kennen würde, hätte ich mich über sie aufgeregt. Ella wusste allerdings genau, wie man mit Arschlöchern wie mir umgehen musste, weswegen ich mir gar nicht mehr die Mühe machte, ihr sonderlich auf den Sack zu gehen.
"Die Worte", antwortete ich schulterzuckend. "Sie sagen zu wenig."
Mir war klar, dass wir schon zum fünften Mal oder so diese Unterhaltung hatten, aber was sollte ich denn tun? Es musste perfekt sein, mehr noch, und es musste sie umhauen. Es musste ihr all die verdammten Worte liefern, die ich ihr nie sagen konnte. Es musste ihr zeigen, was in mir vorging, ohne dass ich es aussprechen musste. Es musste ihr zu verstehen geben, dass sie die einzige verdammte Frau auf dieser Welt war, mit der ich irgendetwas haben wollte; dass nicht nur sie für mich die Einzige war, ich aber auch vollkommen ihr gehörte.
"Okay", seufzte sie ruhig und stand auf, um sich einen Meter neben mir auf dem Boden niederzulassen. Als sie mich verwirrt umdrehte und sie ansah, verstand ich schließlich, was sie wollte, und setzte mich zur ihr. Während wir einige Momente lang schwiegen, fragte ich mich, wieso Tay ausgerechnet auf Ella eifersüchtig war. Ella war zwar nicht hässlich, aber bei Gott auch nicht die Schönheit auf Erden. Außerdem war sie, auch wenn das manchmal beruhigend wirken konnte, einer der bequemsten und langweiligsten Menschen, die ich kannte. Bei ihr durfte nichts zu hektisch oder abenteuerlich sein; alles musste Schritt für Schritt und mit viel Vorsicht passieren. Im Prinzip war sie damit das Gegenteil von Taylor - und für sie würde ich mich immer wieder aufs Neue entscheiden. "Probieren wir's mal anders. Erzähl mir von deiner liebsten Erinnerung mit ihr."
"Es gibt keine-", begann ich.
"Doch. Es kann sein, dass alle schön waren, aber eine gefällt dir sicherlich außerordentlich gut. Erzähl mir davon", entgegnete sie bestimmt und sah mich erwartungsvoll an, während ich mit mir rang. Natürlich gab es eine Sache, an die ich besonders gern zurückdachte. Die Frage war, ob ich sie ausgerechnet Ella auf ihre große Nase binden sollte - immerhin gehörte das nur Taylor und mich etwas an. Andererseits kam ich sonst vielleicht nie zu einem scheiß Ergebnis...
"Wir sind mal weggefahren. Nach Vermont", fing ich nach einigen Momenten an und fuhr mir durchs Haar. Ich hasste es wie die Pest, Leute an so einem privaten Teil meiner Selbst teilhaben zu lassen. Dennoch folgte ich ihrer Anweisung und offenbarte ihr das ganze Wochenende, von Anfang bis Ende. Ich vertraute ihr an, wie ich Tay überrascht hatte und wie überrascht ich war, als sie mit mir kam. Ich erzählte ihr, wie verdammt schön es für mich war, als sie meine Jacke trug und wie egal mir war, dass mich fror, während ich fuhr. Ich beschrieb die Spaziergänge durch Burlington, das Tanzen im Wohnzimmer, die Schlägerei und Taylors Lächeln. Ella war die Erste seit langem, die aus meinem Mund hörte, dass ich Taylor von ganzem Herzen liebte und wie sehr ich mir wünschte, ihr all das ins Gesicht sagen zu können. Ich schilderte ihr so viele Sachen, die ich noch nie zu Taylor gesagt hatte, und hätte mir deshalb schon wieder eine reinhauen können. Wieso konnte ich mich jemandem wie Ella anvertrauen, aber nicht Taylor?
"Erzähl mir mehr von ihr", verlangte Ella, als ich geendet hatte, mit einem schmalen Lächeln und lehnte sich gegen die Wand hinter ihr.
"Was denn noch?", hakte ich mürrisch nach und atmete tief ein. Sie bewegte sich auf verdammt dünnem Eis, wenn sie mich so forderte.
"Drei völlig banale Dinge, die du an ihr liebst", gab sie zurück und zuckte mit den Schultern.
"Sie-", setzte ich an. Ich hielt einige Augenblicke inne, weil ich mich nicht entscheiden konnte, welche drei Dinge ich ihr wohl sagen wollte. "Sie trägt gern meine Klamotten, weil sie sich darin angeblich sicher fühlt. T-Shirts, Jacken, Hoodies. Und, uhm, sie gibt mir das Gefühl, nicht verloren zu sein. Sie gibt mir Hoffnung. Für diese scheiß Welt und für mich. Mit ihr ist alles so leicht. Sie sieht das Arschloch, das ich bin und erkennt trotzdem gute Dinge, die nicht einmal ich sehe. Sie macht mich besser, obwohl ich hoffnungslos verloren bin."
"Himmel", brachte Ella überwältigt hervor und sah mich ebenso an. "Jetzt verstehe ich, was du meintest."
Augenblicklich erhob sie sich und hielt mir beide Hände hin, um mir aufzuhelfen und mich zum Klavier zu ziehen, wo sie mich auf den Hocker drückte. Während ich nicht so recht verstand, was für kranke Anwandlungen sie schon wieder hatte, nahm sie sich einen Zettel und einen Stift.
"Spiel", verlangte sie bestimmt.
"Was?", erkundigte ich mich planlos und sah sie verwirrt an.
"Eine Melodie, die ausdrückt, was du eben gesagt hast."

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