"Ich will nur kurz meine Jacke abholen", erklärte Ella, als sie wohl meinen fragenden Blick bemerkte. Sie war recht klein und außerordentlich hübsch, allerdings auf eine vollkommen andere Art und Weise, als ich immer gedacht hatte. "Die muss ich vorhin hier liegen gelassen haben, als wir aufgebrochen sind."
Ella war bei ihm; die ganze Zeit? Er hatte mich nicht nur versetzt, sondern auch noch ewig warten lassen und konnte sich nicht einmal melden, während Ella die ganze Zeit bei ihm war? Unwillkürlich tat sich ein Ziehen in meinem Bauch auf, was mich beinahe zurück auf die Treppen sinken ließ, während Harry seine Arme vorsichtig von mir löste, sodass nur noch ich selbst mich halten konnte.
"Ach so", gab ich zurück und setzte mir ein unechtes Lächeln auf, als sie verlegen zu Boden sah. "Ich bin übrigens Taylor, Harrys Freundin."
"Freut mich sehr", antwortete sie lächelnd und blickte zwischen Harry und mir hin und her. "Ich habe schon so viel von dir gehört, ich konnte es gar nicht abwarten dich endlich zu treffen."
"Kann ich nur zurückgeben", murmelte ich und vergrub meine Hände in den Taschen meines Mantels. Das war also die ominöse Ella, von der ich so viel und doch nichts wusste. Um ehrlich zu sein hatte ich sie mir irgendwie kleiner und, vor allem, älter vorgestellt. Wenn ich sie hätte schätzen müssen, wäre mein Tipp höchstens siebzehn Jahre gewesen. Außerdem wirkte sie unheimlich unscheinbar; sie trug eine einfache Jeans und ein unbedrucktes dunkelgraues Sweatshirt. Sie war ganz anders als die Frauen, die sonst in Harrys Umfeld waren - nicht so aufgestylt, nicht so sehr geschminkt und sie war in seinem Alter und nicht schon viel älter - und dennoch wunderschön.
"Wo liegt die verdammte Jacke?", erkundigte sich Harry, als er meinen Koffer in das Apartment schaffte, weshalb Ella aufatmete und ihm folgte. Die Situation schien nicht nur für mich befremdlich zu gewesen zu sein.
"Hier, glaube ich", gab sie zurück und ging direkt in die Küche, während ich mich darauf konzentrierte, endlich die schweren Stiefel und meinen Mantel loszuwerden und aufzuräumen. Es fühlte sich unfassbar befreiend an, endlich nicht mehr in dieser schweren Winterkleidung stecken zu müssen. "Hab' sie. Dann will ich euch mal nicht weiterstören, war schön dich kennenzulernen, Taylor."
"Und wie stellst du dir vor, heimzukommen?", erkundigte sich Harry und verschränkte die Arme vor der Brust, als sie an uns vorbei und zur Tür hinaus wollte.
"Mit dem Bus", antwortete sie schulterzuckend. "Und wenn keiner fährt, rufe ich mir ein Taxi."
"Und während du unten wartest, bringt dich irgendein pädophiles Arschloch um und ich bin schuld", erwiderte er höhnisch und warf die Hände in die Luft.
"Mich wird in den zehn Minuten, die es dauert, bis so ein Taxi kommt, schon niemand ermorden", entgegnete sie ernst und zog sich ihre schwarze Jacke über. "Ist schon okay."
"Du kannst ja mit ihr auf das Taxi warten, wenn du so besorgt bist", schlug ich leise vor und schlang meine Arme um meine Taille. Ich wusste selbst nicht so genau, wo dieser Vorschlag herkam - vermutlich wollte ich in diesem Moment aber einfach nur jedem Stress aus dem Weg zu gehen, was in diesem Moment wohl selbst Harry und sowieso Ella einschloss.
"Das ist nicht nötig-", begann Ella und sah mich verlegen an.
"London ist zu dieser Zeit wirklich nicht die sicherste Stadt für junge Frauen", unterbrach ich sie und schüttelte den Kopf. "Nimm das nicht auf die leichte Schulter."
"Bist du dir sicher?", erkundigte sich Harry verwundert und sah mich an.
"Ja", antwortete ich ernst und fuhr mir durchs Haar, ehe ich in meine Hosentasche griff, um Ella mein Handy hinzuhalten. "Hier, ruf' einen Taxi-Service an."
"Danke", murmelte sie und tippte eine Nummer ein. "Das wäre wirklich nicht nötig gewesen."
Als Ella es endlich geschafft hatte, ein Taxi zu Harrys Adresse zu bestellen, verabschiedete sie sich und ging mit ihm nach unten. Endlich konnte ich langsam zu mir kommen, wobei ich versuchte meine schlechten Gedanken von mir fernzuhalten. Solche, wie die Frage danach, wieso Ella den Tag bei Harry verbracht hatte, oder wieso er mich nicht vor ihr küssen wollte, oder wieso er sich nicht selbst bei mir gemeldet hatte. Das wollte ich schaffen, indem ich mich vollständig auf das Apartment, das für mich mittlerweile wie ein zweites zu Hause geworden war, konzentrierte. Als ich mich ihnen zuwandte, gaben mir die schwarzen Möbel und das große Wohnzimmer sofort ein Gefühl von Ruhe und Zufriedenheit und mir wurde bewusst, dass ich fürs Erste dem Stress des Touralltags entflohen war und die Reise nach Europa einigermaßen gut überstanden hatte. Mit dieser Erkenntnis fiel mir allerdings abermals auf, wie müde und hungrig ich tatsächlich war und wie sehr ich mich aufs Sofa kuscheln oder ins Bett legen wollte. Diese Tour, die Reise hierher und vor allem der vergangene Tag hatte mich mehr Energie gekostet, als ich erwartet hatte. Ich hoffte nur, dass Harry eine nachvollziehbare Erklärung für sein Verhalten hatte und sich dieser ganze Tumult, der sich über den Tag angesammelt hatte, einfach auflöste. Ich hatte keine Lust zu streiten, nahm es aber auch nicht einfach hin, versetzt zu werden ohne auch nur eine Nachricht von ihm zu bekommen.
Entschlossen dazu, meinem Bedürfnis nach Ruhe endlich nachzugehen, band ich meine Haare nach oben und ging ich in die Küche, wusch meine Hände und ließ mir ein Glas Wasser ein, aus dem ich einen großen Schluck nahm.
Es dauerte nicht lange, bis Harry wieder da war. Als ich mein Glas gerade neu füllte, hörte ich, wie die Apartmenttür ging und kurz darauf die zur Küche aufschlug. Ehe ich mich zur Tür drehen konnte, spürte ich schon Harrys Hände, die von hinten meine Hüfte umfassten und mich so schlagartig zu ihm drehten, damit er seine Lippen unnachgiebig auf meine pressen konnte. In diesem Moment konnte ich diese Geste allerdings nicht einfach erwidern, auch wenn ich die letzten drei Wochen nur auf sie gewartet hatte. Auf die Nähe Harrys, seine Lippen und seine Küsse. Die Schmerzen in meinem Bauch, die gemeinsam mit Ellas Anwesenheit eingetreten waren, waren stärker, als das Bedürfnis Harry so nahe wie möglich zu sein, und das hieß etwas. Irgendwie konnte ich mich ihm nicht einfach hingeben, wenn es zwischen uns so viele ungeklärte Begebenheiten gab, weswegen ich ihn leicht von mir drückte und mein Gesicht abwandte.
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all you had to do was stay
Fanfiction"Es war nie leicht, und auch, wenn es so schwer war, war es das immer wert." Nachdem Harry Taylor betrogen hat, geht für sie eine Welt unter. Sie vergräbt sich in Selbstmitleid und Einsamkeit, bis ihre Freunde sie schließlich dazu bringen, zurück in...
