"Hier ist nicht viel mehr als eine Fertigpizza und gefrorene Frühlingsrollen drin, also wird es wohl darauf hinauslaufen", seufzte ich und nahm die beiden Gerichte aus dem Gefrierschub, neben dem ich kniete, und versuchte mit meinem rechten Fuß das Fach zu schließen. Harry betrachtete mich grinsend dabei, wie ich kläglich scheiterte, und kam mir schließlich zur Hilfe. Dankbar lächelnd ging ich zur Arbeitsfläche und legte unser zukünftiges Essen darauf ab, um es kritisch zu beäugen. In Anbetracht dessen, dass Selma am Abend noch einen Auftritt hatte, und dafür Energie brauchte, und wir alle drei Hunger hatten, war das vor mir viel zu wenig. Da wir aber auch keine weiteren Möglichkeiten hatten, warf ich den Ofen an und wartete darauf, dass er aufgeheizt war. Selma hatte sich wieder vor den Fernseher gesetzt, weil Harry darauf bestanden hatte, und sah sich Cartoons an. Er wich dafür keine Sekunde von meiner Seite, womit er sich wieder vollkommen gegenteilig zu der Zeit auf der Eisbahn, nur eine Stunde zuvor, verhielt. Sobald ich nichts mehr in den Händen hatte, schlangen sich seine Arme von hinten um meine Taille und umarmten mich fest, während er einige vorsichtige Küsse in meiner Halsbeuge platzierte. Sein Verhalten verwirrte mich ungemein; wie konnte er dauernd von liebevoll zu abweisend schalten? Es war als trüge er ab und zu eine Maske, die seine komplettes Wesen veränderte. Die Frage war nur, welche seiner Facetten den wahren Harry zeigte. "Kann ich dich was fragen?"
"Immer", flüsterte er und küsste mich sanft auf die Wange, ehe ich mich zu ihm drehte und ihn betrachtete.
"Von welcher Seite deiner Verwandtschaft stammt Selma ab?", erkundigte ich mich leise und legte meine Hände auf seinen Schultern ab. Die Tür, die das Wohnzimmer von der Küche trennte, war zwar geschlossen, doch ich wollte auf jeden Fall vermeiden, dass seine Cousine unser Gespräch mitbekam. Harrys Griff, welcher noch immer um meine Taille geschlossen war, verstärkte sich in dem Moment, in dem ich meine Frage beendet hatte, ebenso wie seine Gesichtszüge wieder von fröhlich zu ernst wechselten.
"Der meines Vaters", murmelte er und atmete genervt aus, als hinter ihm die Tür aufging und unser Gespräch sich vorrübergehend beendete. Selma stand mit ihrem Handy am Ohr zwischen den beiden Zimmern und blickte uns fragend an.
"Ich - Sorry", begann sie verwirrt, als sie uns so vertraut sah, weswegen ich kurz versuchte, mich von Harry zu lösen. Das blieb jedoch erfolglos, denn Harry sah überhaupt nicht ein, mich loszulassen. "Meine Mum will wissen, ob sie mich in einer halben Stunde holen kann."
"Klar", gab ich lächelnd zurück und deutete auf das Fastfood. "Wir essen in zehn Minuten."
"Okay", antwortete sie und sagte ihrer Mutter Bescheid, legte auf, und steckte ihr Handy ein. "Kann ich hier bleiben, oder störe ich euch?"
"Setz dich ruhig", bot ich an und deutete auf den Esstisch neben ihr, als Harry mich auch endlich losließ und die Verpackungen aufriss, um unser Abendessen in den Ofen zu schieben. Da er sich gut um alles kümmerte, setzte ich mich zu Selma und sah ihm dann dabei zu, wie er aus dem Zimmer ging.
"Ich habe euch gestört", bemerkte das Mädchen neben mir schuldbewusst und fuhr sich durchs Haar. Diese Geste gab ihr etwas überraschend natürliches, neben dem zwar viel zu dunklen, aber perfekten Make Up und ihrer wunderschönen, trainierten Figur.
"Nein, hast du nicht", entgegnete ich lächelnd. "Harry ist nur-"
"Harry", vervollständigte sie meinen Satz, weswegen ich leicht grinsen musste.
"Er meint es nicht so", verbesserte ich uns beide, woraufhin sie nickte. Ich musste zugeben, dass weder Selma, noch Harry unbedingt einfach waren. Harry verhielt sich ihr gegenüber auf der einen Seite irgendwie komisch, während sie sich von ihm wohl zurückgestoßen und irgendwie unerwünscht fühlte. Doch die große Frage war, wieso Harry sich mir gegenüber so liebevoll verhalten konnte, und seiner eigenen Verwandtschaft nicht einmal vernünftig gegenübertrat.
Kurz darauf gab ein Piepen des Ofens bekannt, dass wir essen konnten. Ich bat Selma, den Tisch zu decken, während ich nach ihrem Cousin suchte - und ihn schließlich im Klavierzimmer fand. Ich hatte diesen Raum so getauft, weil ich noch immer nicht dahinter gekommen war, was seine eigentliche Funktion war, und nie dazu kam, Harry zu fragen. Bis ich das tat, würde das also das Klavierzimmer bleiben. Wir aßen tatsächlich zusammen, obwohl nur Selma und ich wirklich mit einander redeten, da Harry - mal wieder - die Gesellschaft seines Handys bevorzugte. Es hatte mich sowieso gewundert, dass er sich überhaupt zu uns setzte, weswegen ich seine Geduld nicht überspannen wollte. Wenn er nicht mit uns über Selmas Hobby und die Veranstaltung später am Abend, oder New York sprechen wollte, sollte er es lassen. Ich erfuhr in den zwanzig Minuten, in denen ich die beiden essen ließ, während ich dauernd auf einer Frühlingsrolle herumkaute, damit sie satt wurden, recht viel über Selma. Sie fuhr schon Schlittschuh, seit sie fünf war, und bewegte sich in ziemlich hohen Rängen ihres Spezialgebiets, dem Eiskunstlauf. Obwohl ich keine Ahnung hatte, was sie mir erzählte, da sie davon ausging, dass ich mich mit den Regeln und so weiter auskannte, nickte ich immer verstehend und lächelte freundlich. Ich hatte irgendwie das Gefühl, dass es Selma nicht darum ging, groß Informationen weiterzugeben, sondern sie einfach nur gehört werden wollte, und diesen Gefallen tat ich ihr gerne. Pünktlich klingelte es an der Tür, weswegen Selma sofort aufstand, in das Wohnzimmer stürmte und ihre Winterkleidung überzog. Harry und ich folgten ihr, wobei er wieder nach meiner Hand griff und sie fest drückte, als Selma die Wohnungstür öffnete.
"Danke, für den schönen Tag", lächelte sie und verlagerte ihr Gewicht. "Ich würde mich echt freuen, wenn ihr später kommt."
"Machen wir bestimmt", antwortete ich schnell, ehe Harry etwas anderes sagen konnte, und machte einen Schritt auf sie zu. Harrys Finger zerquetschten meine mittlerweile beinahe, doch das überging ich gekonnt. Wir wussten beide, dass er dort nicht hinwollte und dass ich nicht kampflos aufgab. "Sollen wir uns schick anziehen oder nicht ganz so?"
"Ein bisschen", gab sie zurück. "Dann... bis später?"
"Bis später", bestätigte ich nickend, und schloss die Tür hinter dem lächelnden Mädchen, ehe ich mich an Harry wandte und unsere Hände hochhielt, damit er sah, wie weiß meine Finger schon waren. "Willst du, dass ich nie wieder Gitarre spielen kann?"
"Sorry", murmelte er und lockerte seinen Griff augenblicklich und schüttelte den Kopf, so als hätte er nicht gecheckt, was passierte, bis ich ihn darauf aufmerksam machte. Er wirkte in diesem Moment irgendwie hilflos und verloren, weswegen ich vorsichtig einen Schritt auf ihn zu machte und ihm meine andere Hand an die Wange legte.
"Was ist los?", erkundigte ich mich vorsichtig, wobei ich erkannte, wie er mit sich haderte. Harry sprach nicht gerne über das, was in ihm vorging, weil er glaubte, das ließe ihn schwach wirken. Zumindest nahm ich das an, da er, sobald wir nicht mehr unter uns waren, so tat, als hätte er überhaupt keine Gefühle. "Sag's mir. Bitte."
"Wir gehen heute Abend nicht zu diesem Benefizscheiß", gab er zurück und setzte wieder seine Maske auf, oder nahm sie ab, je nachdem. Ganz seiner Erscheinung nach machte er auf dem Absatz kehrt und marschierte in das Badezimmer, wo er sich gegen den Waschtisch stützte und den Kopf hängen ließ. Er schloss mich, ganz bewusst, vollkommen aus. Genauso wie sein Rücken und seine Arme eine Art Festung bildeten, um seine Vorderseite vor der Umwelt zu schützen, versuchte er seine Gefühle zu verstecken. Sein Herz und Gesicht mochten zwar nicht zu mir zeigen, doch ich wollte mich nicht aussperen lassen - also schlang ich trotz seiner angespannten Haltung und der Gefahr, dass er dann vollkommen ausrastete, meine Arme von hinten um ihn und lehnte meinen Kopf gegen sein Schulterblatt.
"Was ist los?", erkundigte ich mich nach einigen Momenten abermals leise und drückte ihn etwas fester, als seine Muskeln sich noch mehr anspannten, als eh schon.
"Nichts", zischte er. "Und jetzt lass mich allein, ich will verdammt nochmal duschen."
"Nein", erwiderte ich bestimmt. "Ich lasse dich nicht allein. Vergiss es."
In diesem Augenblick lockerte sich seine Haltung ein kleines bisschen, weswegen ich hoffnungsvoll aufblickte und so bemerkte, dass er in den Spiegel vor sich sah.
"Lass. Mich. Allein", wiederholte er ernst und atmete scharf aus. Ich hatte keine Angst vor Harry, doch sein Verhalten ließ mich vorsichtiger werden, weswegen ich mich von ihm löste und ein paar Schritte zurücktat. Er war kurz davor, sich selbst zu vergessen, und ich musste in diesem Moment einfach einsehen, dass seine Schutzmauern zu hoch waren, als dass ich sie bezwingen könnte.
"Wenn du mir nicht sagen willst, was mit dir ist, ist das deine Sache", beschloss ich laut und verkreuzte meine Arme vor meiner Brust. "Aber dann sehe ich auch nicht ein, wegen dir hierzubleiben. Wir fahren in einer Stunde."
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all you had to do was stay
Fiksi Penggemar"Es war nie leicht, und auch, wenn es so schwer war, war es das immer wert." Nachdem Harry Taylor betrogen hat, geht für sie eine Welt unter. Sie vergräbt sich in Selbstmitleid und Einsamkeit, bis ihre Freunde sie schließlich dazu bringen, zurück in...
