Kapitel 43

124 12 2
                                        

Auch, wenn ich es liebte aufzutreten, konnte der Touralltag auf Dauer unheimlich stressig werden. Vor allem, wenn man so einen Manager wie Steve hatte, der so gut wie jede freie Minute verplante. Ich flog nur so zwischen Interviews, Proben und Fernsehauftritten hin- und her, während das Tourteam die Bühne in den verschiedenen Hallen der verschiedenen Städte auf- und abbaute. Beinahe jeden Tag gingen wir alle der gleichen Routine nach, um die Shows so perfekt wie möglich zu gestalten und so den Fans ein Konzerterlebnis der Superlative zu bieten.
Umso wichtiger war es, dass sich alle gut mit einander verstanden und man in ruhigeren Minuten jemanden bei sich hatte, bei dem man sich wohlfühlte. Was mich anging, gab es mit dem Team keine Probleme - ich hatte nicht nur nette Menschen um mich herum, sondern auch Freunde wie Ed. Ich war unheimlich froh, dass gerade er mein Voract und Duettpartner war - so konnten wir Zeit aufholen, die unserer Freundschaft aufgrund unserer Karrieren oft verwehrt blieb. Während Ed noch hart daran arbeitete, internationale Anerkennung zu erhalten, musste ich darum kämpfen, diese nicht zu verlieren. Wir waren nicht oft zur gleichen Zeit am gleichen Ort, geschweige denn, dass wir gleichzeitig Urlaub oder Ähnliches hatten. Uns bedeutete es schon viel, wenn wir ab und an einen Tag gemeinsam verbringen konnten, weswegen diese Tour wie ein Geschenk war. Wir hingen im Prinzip jede freie Minute, die wir hatten, an einander, machten Blödsinn und redeten über belanglose oder tief ernste Themen. Wir halfen uns auch gegenseitig dabei, Songs, die unter Umständen auf unseren nächsten Alben landen würden, zu schreiben.
Wenn Ed unterwegs war, um Interviews zu geben und ich wundersamer Weise dennoch nichts zu tun hatte, versuchte ich meistens, Harry irgendwie zu erreichen oder verbrachte die Zeit mit Abby und ihrem Sohn. Dabei musste man aber bemerken, dass ich wenig Erfolg dabei hatte, eine anständige Unterhaltung mit Harry aufrecht zu erhalten, da sich unser Kontakt prinzipiell auf Textnachrichten beschränkte. Ich hatte ihn schon öfter gefragt, ob wir nicht doch mal telefonieren oder skypen wollten, doch jedes Mal, wenn wir einen Zeitpunkt vereinbart hatten, kam einem von uns etwas dazwischen. Es störte  mich, dass wir nur so wenig Kontakt hatten. Natürlich hatte das auch mit  der Zeitverschiebung und der Tatsache, dass wir beide wieder in den  stressigen Berufsalltag eingestiegen waren zu tun, doch es musste doch  irgendwie möglich sein, trotzdem Kontakt zu halten. Laut ihm arbeiteten er und die Jungs zur Zeit hart daran, neue Songs zu schreiben und waren daher den ganzen Tag eingespannt, was ich wiederrum nur zu gut verstehen konnte. Wir hatten beide von Anfang an gewusst, dass das mit uns nicht leicht war, weswegen ich mich vermutlich auch nicht so darüber aufregen sollte; er fehlte mir nur einfach ungeheuerlich. Auch deswegen war ich so froh über die Leute, die mich auf dieser Reise begleiteten - sie lenkten mich von diesen Ängsten und Befürchtungen immerhin weitgehend ab, auch wenn sie nur wenig darüber wussten.

"Ist bei dir alles in Ordnung, Tay?" Abby fragte des Öfteren nach meinem Befinden, vor allem vor den Shows, wenn sie sich um mein Make Up kümmerte. Seit sie ihren Sohn hatte, war sie im Allgemeinen um einiges fürsorglicher und rücksichtsvoller geworden, auch wenn sie vorher schon ein sehr netter Mensch war. Wir hatten nie eine wirkliche enge Bindung, aber ich wusste, dass ich auf sie zählen konnte, wenn es darauf ankam.
"Bin ein wenig kaputt", gab ich zu und betrachtete sie über den Spiegel vor uns, nachdem ich einen Blick auf mein Handy geworfen hatte, um nachzusehen, ob Harry mir geantwortet hatte.
"Das sind wir wohl alle", murmelte sie und grinste etwas gezwungen, während sie eine weitere meiner Strähnen glättete. Da ich ein wenig genauer hinsah, bemerkte ich die dunklen Ringe unter ihren Augen und ihren müden Blick - ja, der Touralltag nagte an uns allen.
"Bekommst du nachts immernoch keinen Schlaf?", erkundigte ich mich mit einem mitfühlenden Unterton und beobachtete sie weiter bei ihrem Tun.
"Er gibt einfach keine Ruhe", seufzte sie. "Also, Andy. Nicht Steve."
"Sollte er sich nicht langsam an die Umstellung gewöhnt haben?", hakte ich nach und verlagerte mein Gewicht ein wenig.
"Er ist ein Baby, Taylor. Er kennt dieses viele Herumgereise und das Leben mit zwei arbeitenden Eltern nicht", antwortete sie ruhig und legte das Glätteisen zur Seite, um mir mit den Fingern durch die Haare zu kämmen. "Vorher habe ich mich den ganzen Tag um ihn gekümmert und das Kindermädchen, was Steve organisiert hat, ist einfach fremd für ihn."
"Bring ihn doch mit hier her", schlug ich vor, woraufhin sie sofort den Kopf schüttelte. "Wieso denn nicht? Das Kindermädchen kann während der Show auf ihn aufpassen und vorher kann Andy mit hier sein."
"Ich bin hier um zu arbeiten", merkte sie an, öffnete ihren großen Kosmetikkoffer und ließ sich neben mir auf ihrem Friseurstuhl nieder. "Er könnte mich ablenken."
"Das kriegen wir schon hin, ich meine-", setzte ich erneut an, wobei ich aber von einem Klopfen unterbrochen wurde, auf welches die Tür aufging und eine zierliche Brünette ihren Kopf hereinsteckte. "Eleanor!"
"Kann ich reinkommen?" Noch während sie sprach vergrößerte sie den Spalt, durch den sie schaute, und kam breit grinsend ins Zimmer. Sie wirkte erholt und ausgeruht, was zum einen ihre entspannte Haltung und zum anderen ihre braun gebrannte Haut unterstrichen. Da Abby noch nicht angefangen hatte, mich zu schminken, erhob ich mich schnell aus meinem Stuhl, um Eleanor zur Begrüßung zu umarmen.
"Was machst du denn hier?", erkundigte ich mich fassungslos und ließ mich von Abby zurück auf meinen Platz ziehen, damit wir pünktlich fertig wurden.
"Ich war in der Stadt und dachte mir, dass ich nicht zurück nach London fliegen kann, ohne eine deiner Miami-Shows gesehen zu haben", erklärte sie grinsend und ließ sich auf dem Sofa am anderen Ende des Raumes nieder.
"Freut mich total, dass du hier bist", antwortete ich mit einem schmalen Grinsen, was ich sofort wieder zurückziehen musste, weil Abby sonst nicht arbeiten konnte. "Du kannst dir von Steve einen Backstagepass holen, dann können wir uns danach auch nochmal sehen."

all you had to do was stayStories to obsess over. Discover now