Obwohl ich vermutlich wieder früh hätte aufstehen müssen, um irgendetwas zu kochen, konnte ich mich am dritten Weihnachtsfeiertag einfach nicht aus dem Bett bewegen. Ich war total müde, weil wir tatsächlich bis spät nachts noch Filme geschaut und Spiele gespielt hatten. Zugegebenermaßen war es wirklich schön, meine Familie dauernd um mich zu haben, doch es war auch komisch. Es war ungewohnt, meine Eltern in solcher Zweisamkeit zu sehen, nach allem, was geschehen war. Außerdem wirkte auch Austins Verhalten irgendwie fremd auf mich, denn so sehr ich mich für ihn freute, dass er jemanden gefunden hatte, konnte ich mich nicht daran gewöhnen, dass er langsam erwachsen zu werden schien. Er kümmerte sich unheimlich lieb und zuvorkommend um Helen, die sich immer wohler bei uns fühlte. Nicht, dass ich mich nicht für ihn freute. Es machte mich sogar sehr glücklich, und vor allem stolz, zu sehen, zu welch wunderbarem jungen Mann Austin herangewachsen war. Bisher hatte ich ihn aber nur als den Teenager mit der Zahnspange und tausenden von Pickeln im Gedächtnis gehabt - und da war er, mit tadellosen Zähnen, wunderbarer Frisur und einer Frau an seiner Seite. Vielleicht übertrieb ich aber auch nur, denn immerhin gehörte das Erwachsenwerden für jeden Menschen dieser Welt dazu, und auch mein kleiner Bruder wurde davon nicht verschont.
Schließlich hiefte ich mich doch aus dem Bett, allerdings erst, als es an der Tür klingelte und meine Familie sich ankündigte. Selbst wenn Helen auch an diesem Tag wieder bei uns sein würde, war es mir ziemlich egal, dass ich noch mmer in meinem Pyjama steckte und aussah, als hätte mich ein Lastwagen überfahren. Das einzige, was ich schnell tat, bevor ich an die Tür ging, war ein wenig notdürftiges Make Up auf meine Wange zu schmieren und meine Nase zu putzen. Irgendwie schien ich mir am vorherigen Tag etwas eingefangen zu haben, denn ich hatte nicht nur Schnupfen bekommen, sondern auch mein Hals fühlte sich komisch an. Wen wunderte es aber auch, immerhin waren Austin und ich lange genug in der gnadenlosen New Yorker Winterkälte unterwegs gewesen. Gähnend tappste ich also den langen Flur entlang und öffnete schließlich die Haustür, um meine Familie hereinzulassen. Als hätte sie es bereits geahnt, beäugte meine Mutter kritisch die Küche, nur um festzustellen, dass ich tatsächlich nichts gekocht hatte.
"Und?", erkundigte sich Austin und sah gespannt zu meiner Mutter, welche ruhig nickte.
"Dad, du schuldest mir zwanzig Dollar!", jubelte er daraufhin und gab Helen daraufhin einen High Five.
"Wenn, dann schulden deine Mutter und ich dir jeweils zehn Dollar", gab mein Vater grinsend zurück und gesellte sich zu uns in die Küche.
"Was ist denn schon wieder?", hakte ich verwirrt nach und sah zwischen den Personen hin- und her. "Wieso schuldest du ihm Geld?"
"Wir haben gewettet", erklärte Austin freudig und ließ sich auf einem meiner Barhocker nieder. "Mum und Dad meinten, du hättest gekocht, Helen und ich haben dagegen gestimmt. Tja, und jetzt sind unsere Eltern um zwanzig Dollar ärmer und ich um eben diese reicher."
"Na dann", murmelte ich belustigt von der banalen Wette und und kreuzte meine Arme über der Brust. "Ich krieg auch zwanzig Dollar, ich stand auch auf Austins Seite."
Nachdem wir anschließend noch eine kurze Diskussion darüber hatten, was wir essen wollten, beschlossen wir, einfach die Reste des vorherigen Tages aufzuwärmen. Meine Mutter bestand jedoch darauf, zumindest einen frischen Kuchen zu backen, weswegen sie sich damit beschäftigte, während ich mich duschte und richtete. Der Rest meiner Familie machte sich im Wohnzimmer breit und widmete sich vermutlich meinem Fernseher. Ich zog wieder meinen Weihnachtsjumper und dazu eine einfache Leggins an, genauso wie es mit meinem Make Up ruhig hielt. Ich deckte die Narbe noch einmal ab und verblendete alles ein wenig besser, ansonsten trug ich nur noch ein wenig Lippenbalsam auf. Bevor ich zurück zu meiner Familie ging, warf ich noch einen Blick auf mein Handy, wobei ich eine Nachricht von Harry fand, in der er mich fragte, was wir an diesem Tag vorhatten. Mit einem schmalen Lächeln auf den Lippen antwortete ich, dass wir uns wohl mit Scrabble und anderen Brettspielen beschäftigen würden. Harry fehlte mir wirklich schrecklich, obwohl es erst zwei Tage her gewesen war, dass ich ihn gesehen hatte. Durch die ganzen weihnachtlichen Gerüche, den Schnee und die Anwesenheit meiner Familie konnte ich einfach nicht anders, als mir zu wünschen, er wäre bei mir. Weihnachten war schließlich das Fest der Liebe und Familie. Seufzend sperrte ich mein Handy, nachdem ich einige Momente unseren Chat angestarrt hatte, und ging in die Küche. Meine Mutter hatte in der verhältnismäßig kurzen Zeit schon einiges auf die Beine gestellt - der Duft des Cranberry Pudding Kuchens erfüllte den ganzen Raum und vermischte sich mit dem von Kartoffeln und der Gans des Vortages. Ich glaubte nicht, jemals so viel 'Weihnachten' auf einmal gerochen zu haben.
"Ich hatte gestern keine Möglichkeit, dich darauf anzusprechen", begann meine Mutter und streute irgendwelche Gewürze über die Kartoffeln, die in einem Topf vor sich hinköchelten. "Aber bist du dir sicher, dass das mit Harry und dir gut ist?"
"Du bist die Letzte, die so eine Frage stellen darf", bemerkte ich und fing an, eine Soße anzurühren. "Immerhin sitzt dein Ex Ehemann im Wohnzimmer."
"Ich weiß", gab sie leise zurück. "Ich habe einfach Angst, dass du enttäuscht wirst. Wo ist er denn heute?"
"Bei seiner Familie, in England", bemerkte ich so ruhig wie möglich. "Er war seit Anfang Dezember quasi dauernd bei mir. So wie ich euch vermisst habe, hat auch er seine Familie vermisst."
"Aha", machte meine Mutter und verdrehte die Augen leicht, weswegen ich kurz überlegte, ob ich wirklich an Weihnachten einen Streit beginnen wollte. Es war unfassbar, dass sie solche Zweifel äußerte, obwohl sie zu meinem Vater zurückgekehrt war. Wieso konnte sie mir nicht einfach meine eigenen Entscheidungen zugestehen? Es war schließlich mein Leben. Bevor ich jedoch überhaupt irgendetwas sagen konnte, unterbrach der schrille Laut meiner Klingel unsere Unterhaltung. Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass ich seinerzeit nicht froh darüber war. Ohne ein weiteres Wort an meine Mutter lief ich den Flur entlang und öffnete die Tür, wobei ich mir nicht vorstellen konnte, wer es wohl sein konnte, bis er wirklich vor mir stand.
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all you had to do was stay
Fanfiction"Es war nie leicht, und auch, wenn es so schwer war, war es das immer wert." Nachdem Harry Taylor betrogen hat, geht für sie eine Welt unter. Sie vergräbt sich in Selbstmitleid und Einsamkeit, bis ihre Freunde sie schließlich dazu bringen, zurück in...
