"Mum!", quietschte ich laut, als ich meine Wohnungstür öffnete. Glücklich fiel ich ihr um den Hals und drückte sie so fest, wie ich nur konnte. Augenblicklich erwiderte sie meine Umarmung und ließ dafür ihre Tasche fallen, welche ich nach unserer Begrüßung direkt aufhob. Mit ihr kam mein Bruder Austin, welchen ich als nächsten begrüßte. Da die beiden einen kalten Wind mit sich brachten, schloss ich die Tür hinter ihnen und zeigte ihnen direkt mein Apartment. Es war komisch, dass sie, als meine Familie, so ziemlich die einzigen waren, die es noch nicht gesehen hatten, doch mittlerweile hatte ich mich auch ein bisschen an diese Umstände gewöhnt. Ich wohnte schließlich über tausend Kilometer von ihnen entfernt und war nur selten zu Hause, um Besuch empfangen zu können. Sie konnten nicht einfach auf einen Kaffeeklatsch vorbei kommen und sich die Wohnung ansehen. Mit neugierigen Blicken folgten sie mir von Zimmer zu Zimmer, wobei ihnen vor allem mein großes Schlafzimmer gefiel. Meine Mutter nahm natürlich alles ein weniger besser unter die Lupe als mein Bruder, doch auch sie schien ganz zufrieden mit meinem Apartment zu sein.
Nach der kleinen Tour ließen wir uns im Wohnzimmer nieder, wo ich bereits Tee und Plätzchen bereit gestellt hatte.
"Da ist ja sogar ein Baum", bemerkte meine Mutter und lächelte, als sie die Tanne genauer betrachtete und einige der Kugeln in die Hand nahm, welche ich gestern als letzte in einem Supermarkt erstanden hatte.
"Ja, ich konnte tatsächlich noch einen ergattern", antwortete ich zufrieden und ließ mich neben Austin aufs Sofa fallen. Im Gegensatz zu meinen Befürchtungen freute ich mich wirklich die beiden hier zu haben. "Wie geht es euch beiden? Wie war die Reise?"
"Anstrengend. Mum hat die ganze Zeit zu irgendwelchen Weihnachtsliedern gesungen", antwortete Austin lachend. Dabei stellte ich wieder einmal fest, wie gut er mittlerweile aussah. Sein braunes Haar hing ihm wirr ins Gesicht, während seine strahlenden blauen Augen seine freundlichen Gesichtszüge nur unterstrichen. Seine Grübchen, die sich zeigten, wenn er lächelte, machten ihn nur noch schöner. Ja, mein kleiner Bruder war mittlerweile ein wirklich gut aussehender, junger Mann geworden.
"Dann hoffe ich, dass du noch nicht am Ende bist mit deiner Energie", gab ich zurück und deutete auf meine Gitarre am anderen Ende des Raumes. "Die swiftsche Familientradition wird natürlich fortgesetzt!"
"Du kannst ja wenigstens singen", lachte Austin und erntete dafür einen spielerischen Schlag auf den Hinterkopf von meiner Mutter. Auch wenn er mittlerweile wirklich erwachsen aussah, war er im Inneren wohl immernoch das Kind von damals. "Hey."
"Habt ihr Hunger? Dann fange ich schonmal an, zu kochen", bot ich mit einem Blick auf die Uhr an.
"Das klingt doch super", stimmte Austin mir zu, weswegen ich in die Küche ging und anfing, Kartoffeln zu schälen. Meine Mutter folgte mir, wahrscheinlich aus Gewohnheit, und nahm mir wortlos das Gemüse aus der Hand, damit ich mich der Soße widmen konnte. Vermutlich war das der perfekte Augenblick, um meiner Mutter von Harry und mir zu erzählen, doch bevor ich anfangen konnte zu sprechen, brach Mum die Stille.
"Wird Adam uns über die Feiertage beehren?", erkundigte sie sich. Der Stich, welcher in diesem Moment meinen Körper durchfuhr, brach mir beinahe das Herz. Sie wusste ja noch nicht, dass Adam und ich vermutlich nicht einmal mehr Freunde waren.
"Nein", antwortete ich so ruhig wie möglich und sah dem Wasser dabei zu, wie es zu kochen begann. "Wir gehen so zu sagen getrennte Wege, Mum."
"Was?", hakte sie verwundert nach und drehte sich zu mir um, damit sie mich genauer betrachten konnte. "Ihr beiden habt doch so wunderbar zu einander gepasst."
"Nicht ganz, nein", antwortete ich und wich ihrem Blick aus, denn ich wollte nicht, dass sie merkte, wie sehr mich diese Unterhaltung verletzte. Adam fehlte mir noch immer unheimlich, denn er hatte sich seit meinem Geburtstag nicht ein einziges Mal gemeldet. "Aber-"
"Du musst nicht darüber sprechen, Schatz", unterbrach meine Mutter mich, vollkommen im Glauben, mir damit einen Gefallen zu tun. "Ich muss dir sowieso etwas erzählen."
"Mum, ich-", setzte ich erneut an und stellte mich neben sie, damit sie mir ihre Aufmerksamkeit schenkte.
"Ich habe wieder einen Mann an meiner Seite", sprach sie unbeirrt weiter und warf eine geschälte Kartoffel nach der anderen in einen Kochtopf. "Du kennst ihn, ziemlich gut sogar. Ich habe ihn zum Essen morgen eingeladen, ist das ein Problem für dich?"
"Nein, natürlich nicht", seufzte ich und wandte mich wieder meiner Soße zu. So schnell würde ich nicht zurück zu unserem ursprünglichen Thema kommen, denn wenn meine Mutter einmal anfing zu schwärmen, hörte sie so schnell nicht wieder auf.
"Das freut mich sehr. Danke, Taylor", lächelte sie und stellte die Kartoffeln vor mir auf die Herdplatte.
"Ich muss dir auch was-", setzte ich trotz allem ein letztes Mal an und griff nach dem Salzstreuer.
"Du solltest dich bei Adam melden. Vielleicht möchte er auch mit uns essen", bemerkte sie und ließ sich auf einem meiner Barhocker nieder. Sie schien die Ruhe selbst zu sein, was vermutlich auch ein wenig mit ihrem neuen Freund zusammen hing.
"Adam und ich waren nie zusammen und werden es auch nie sein", gab ich mittlerweile ein wenig gereizt zurück begann, die Kartoffeln zu bearbeiten. Der Stich in meinem Herzen schmerzte nicht weniger, wenn dauernd Adams Name fiel.
"Gib die Hoffnung nicht auf", versuchte sie mich zu ermutigen und lächelte schwach, während ich innerlich zerbrach.
"Mum, ich habe-", setzte ich ein letztes Mal an und wandte mich ihr zu, bereit ihr alles zu erzählen.
"Oh mein Gott, Leute", rief Austin und kam mit seinem Handy in der Hand ins Zimmer gestürmt. Sofort hatte er die ungeteilte Aufmerksamkeit meiner Mutter und ließ auch mich vollkommen verstummen, denn er schien sehr aufgebracht zu sein. "Ich habe wundervolle Nachrichten."
"Was gibt es denn?", fragte meine Mutter lächelnd und wandte sich meinem Bruder zu.
"Helen hat ihre Maschine nicht erwischt und muss jetzt die Feiertage in den Staaten verbringen", erklärte Austin grinsend und sah mich bittend an. "Darf ich sie einladen?"
"Ist sie deine Freundin?", erkundigte ich mich und warf einen Blick auf das Fleisch im Ofen. Es würde bald fertig sein.
"Sozusagen", antwortete mein kleiner Bruder verlegen und ließ sich neben unserer Mutter nieder. "Wir gehen schon eine Weile miteinander aus, aber wir sind noch nicht fest zusammen. Kann sie kommen?"
"Na klar", gab ich zurück und lächelte leicht. Ich hatte bisher überhaupt nicht gewusst, dass es im Leben meines Bruders außer Mum und mir überhaupt Frauen gab, weswegen es mich freute, dass er uns seine Angebetete sogar vorstellen wollte - wenn auch nicht ganz freiwillig. Da ich in den nächsten Momenten alle Hände damit voll hatte, das Essen fertig zu machen und zu servieren, verwarf ich mein Vorhaben, noch an diesem Abend mit meiner Mutter über Harry und mich zu sprechen. Die Gelegenheit würde ich auch noch während der nächsten beiden Tage haben, dann konnte ich mir immerhin noch die richtigen Worte dafür überlegen. Zumindest konnte ich so die Gefahr reduzieren, dass meine Mutter aus allen Wolken fiel.
Den restlichen Abend verbrachten wir damit, zu essen, Weihnachtslieder zu singen und 'Rudolph, das kleine Rentier' zu schauen. Austin machte oft Witze und wir lachten unheimlich viel über seine ungezügelte Zunge, denn das war eine der Eigenschaften, die zwar nicht jeder, ich aber umso mehr, an ihm schätzte. Er sagte genau das, was er dachte, egal wann, wo und zu wem. So auch im Kreise der Familie, selbst wenn unsere Mum bei uns war. An sich war der Abend also noch recht schön, vor allem, weil ich die beiden wirklich vermisst hatte.
Als wir drei müde wurden, beschlossen Austin und Mum, in ihr Hotel zu fahren. Eigentlich hätte ich sie bei mir untergebracht, doch in meinem Apartment war nicht genügend Platz für zwei Gäste. Nachdem die beiden aufgebrochen waren, räumte ich noch ein wenig auf und ging dann selbst ins Bett. Durch einen Blick auf mein Handy konnte ich auch feststellen, dass es Harry gut zu gehen schien.
> Bin gut gelandet und in Cheshire angekommen. Ich denke, die Feiertage werden nicht ganz so schlimm wie erwartet. Gemma hat ihren Freund eingeladen. Hoffentlich ist der sauber. xx<
> Ist er bestimmt. Lass ihn leben, ja? x <
> Mal sehen. Wie lief es bei euch? xx <
> Austin hat auch eine Freundin, sie kommt morgen zum Essen. Genauso wie Mum's neuer Freund. Bin mal gespannt. x <
> Hast du ihnen von uns erzählt? xx <
> Mache ich morgen. Wie sieht es bei dir aus? <
> Sie haben sich für uns gefreut <
> :-) <
> Ich vermisse dich.x <
> Ich dich auch <
Am nächsten Morgen weckte mich der Klang meines Weckers bereits um acht Uhr, da ich schon früh mit den Vorbereitungen für die Weihnachtsgans beginnen wollte. Etwas müde hob ich mich schließlich aus meinem Bett und tappste ins Badezimmer, wo ich mich duschte, schminkte und anzog. Der kuschelige Stoff meines Weihnachtspullovers schmeichelte meinem Oberkörper, und ein weiteres Jahr wünschte ich mir, solche Pullover öfter als zwei Tage im Jahr tragen zu können. Nachdem ich meine frisch geföhnten Haare zu einem lockeren Knoten gebunden hatte, widmete ich mich der Füllung der Gans und den Beilagen, die dazu serviert werden sollten. Während ich die Kartoffeln köcheln ließ, widmete ich mich der Zerkleinerung des Gemüses für den Salat. Als ich einen Moment lang glaubte, die Kochtöpfe und Schüsseln sich selbst überlassen zu können, ging ich in das sonst eher ungenutzte Esszimmer und deckte den Tisch. Ich war wirklich gespannt auf die Lebensgefährten von Austin und Mum und wollte sie beeindrucken, weswegen ich mir Mühe mit dem Tischgedeck gab. Auf meiner roten Tischdecke platzierte ich golden glasierte Teller mit passendem Besteck. Neben den dunkelgrünen Servietten platzierte ich auch noch eine ein paar Tannenzapfen und Mistelzweige auf dem Esstisch. Als ich mit meiner Arbeit zufrieden war, ging ich ins Wohnzimmer und legte die Geschenke für meine späteren Gäste unter den Weihnachtsbaum, ehe ich zurück in die Küche tappste und mit den Vorbereitungen für das Mittagessen weiter machte. Gerade als ich meine Gans stolz betrachtete und sie durch eine kleine Kostprobe als gut befand, klingelte es. Auf dem Weg zur Tür warf ich noch einen letzten prüfenden Blick in den Spiegel und checkte, ob meine Narbe auch gut abgedeckt war. Dann öffnete ich meinen Gästen und begrüßte erst Austin und seine, zugegeben wirlich gut aussehende beinahe-Freundin. Helens schwarze Haare fielen locker über ihre spitzen Schulter, während ihr Gesicht durch ihre großen, blauen Augen sehr freundlich wirkte. Nach ihnen trat meine Mutter heran und zog mich in eine liebevolle Umarmung. Als sie jedoch zur Seite ging, um ihren 'neuen' Freund zu mir lassen zu können, stockte mir der Atem.
Vor mir stand mein Vater.
Der Vater, der Mum damals betrogen und unsere Familie für eine Jüngere verlassen hatte.
Der Vater, der jetzt stolz die Hand meiner Mutter hielt und mich angrinste, als sei nie etwas gewesen.
(A/N: Hallo ihr Lieben, hier ist das versprochene zweite Kapitel für diesen Tag. Ich hoffe es gefällt euch, und wenn es denn so ist, lasst mir doch bitte ein Vote oder einen Kommentar da. Ich wünsche euch noch einen schönen restlichen Sonntag. <3)
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all you had to do was stay
Fanfiction"Es war nie leicht, und auch, wenn es so schwer war, war es das immer wert." Nachdem Harry Taylor betrogen hat, geht für sie eine Welt unter. Sie vergräbt sich in Selbstmitleid und Einsamkeit, bis ihre Freunde sie schließlich dazu bringen, zurück in...
